Washington. Die “Moms for Liberty“ führen einen Kreuzzug gegen alles Liberale in den Klassenzimmern der USA – und sie haben mächtige Fürsprecher.

Als Tina Descovich, Tiffany Justice und Bridget Ziegler 2021 ihre mütterlichen Beschützer-Instinkte zum ersten Mal politisch auslebten, geschah das in Schulbeiräten im US-Bundesstaat Florida. Hintergrund waren die Vorgaben zum Tragen einer Maske in Schulen während der Corona-Pandemie – denn die leuchteten den drei Frauen nicht ein.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Zweieinhalb Jahre später stehen sie an der Spitze der einflussreichsten politischen Vorfeld-Organisation der Republikaner, die mittlerweile 120.000 Mitglieder in 300 Ortsgruppen und 45 Bundesstaaten organisiert. Die "Moms for Liberty" – Mütter für die Freiheit – kümmern sich längst nicht mehr um Corona-Auflagen. Obwohl sie sich offiziell überparteilich nennen, ist der Lobby-Verband im rechtskonservativen Spektrum auf einem Kreuzzug gegen alles Liberale in den Klassenzimmern zwischen Alaska und Arizona.

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Geschlechter-Identität, Sexualität, Sklaverei, Rassenfragen, LGBTQ-Themen – überall kämpfen die sich selbst als "Bärenmütter" etikettierenden Aktivistinnen um Deutungshoheit und Macht. Das gelingt ihnen auch dank anonymer Großspender ziemlich gut, sagt Karen Svoboda, Vorsitzende der linksliberale Gegenveranstaltung "Verteidigung der Demokratie". Landauf, landab geben die Freiheitsmütter in lokalen Schulbeiräten den Ton an.

"Proud Boys"-Chef Tarrio lobt die Organisation

Superintendenten werden nicht selten gefeuert , wenn sie sich dem Furor der "Bear Moms" entgegenstellen – etwa dann, wenn der unverzügliche Bann von bestimmten Büchern in Schulbibliotheken verlangt wird, weil andernfalls "linke Indoktrinierung" und "frühe Sexualisierung" eine ganze Generation verderbe. Schulfunktionäre, die finden, das Curriculum sei Sache von Pädagogen, werden mit der Forderung nach Geldstrafen oder Disziplinarverfahren eingeschüchtert.

Enrique Tarrio findet die Freiheitsmütter super - und gab ihnen den Beinamen “Gestapo mit Vaginas”.
Enrique Tarrio findet die Freiheitsmütter super - und gab ihnen den Beinamen “Gestapo mit Vaginas”. © TNS | El Nuevo Herald

Dabei gehen die "Mütter für die Freiheit" argumentativ nicht selten mit dem Vorschlaghammer zu Werke. Der Ortsverband Indianapolis bediente sich in einem Newsletter eines Zitats von Adolf Hitler: "Nur derjenige, der die Jugend besitzt, gewinnt die Zukunft", hieß es darin. In Arkansas bedrohte eine Freiheitsmutter örtliche Bibliothekare mit einer Waffe. In Michigan wurde einer Funktionärin des Verbandes per einstweiliger Verfügung untersagt, sich Schulen und Lehrern zu nähern. "Wir werden euch verfolgen. Nehmt das als Drohung. Ruft ruhig das FBI an. Ist mir egal", hatte sie geschrieben.

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Auch das "Southern Poverty Law Center", eine bekannte Watchdog-Organisation in den USA, wurde massiv angefeindet, als es die "Mütter für die Freiheit" dem extremistischen Spektrum zuordnete. Ein Grund: Enrique Tarrio, Chef der rechtsradikal-militanten "Proud Boys" war als Gastredner auf einem Treffen der Gruppe eingeladen gewesen und hatte die Frauen als "Gestapo mit Vaginas" bezeichnet. Tarrio ist in den USA kein Unbekannter. Wegen seiner Beteiligung am blutigen Sturm aufs Kapitol in Washington im Januar 2021 wird ihm demnächst der Prozess gemacht. Im droht eine 33-jährige Haftstrafe.

Republikaner hofieren die "Mütter für die Freiheit"

Weite Teile der Republikaner hofieren die Organisation, die über sehr solvente Gönner verfügt. Christian Ziegler, der Mann von Mitgründerin Bridget Ziegler, ist der Landesvorsitzende der Republikaner in Florida. Er riet den Müttern dezidiert zu einer feindlichen Haltung gegenüber den Medien: "Je mehr ihr denen erzählt, desto weniger Kontrolle habt ihr über euer Anliegen."

Auch Ex-Präsident Donald Trump sprach auf einer Veranstaltung der „Moms for Liberty“.
Auch Ex-Präsident Donald Trump sprach auf einer Veranstaltung der „Moms for Liberty“. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Matt Rourke

Der Hinweis zieht. Als Reporter kürzlich bei der großen Landwirtschaftsmesse "Iowa State Fair" in Des Moines einige Freiheitsmütter an ihren T-Shirts mit dem Slogan "Wir teilen uns die Erziehung nicht mit dem Staat" erkannten und spontan ins Gespräch ziehen wollten, wurden sie barsch abgewiesen. Auch bei einer opulenten Konferenz der "Moms for Liberty" vor einigen Wochen in Philadelphia waren viele Gesprächsforen nicht-öffentlich. Aber es sprachen gleich fünf republikanische Präsidentschaftskandidaten.

Ex-Präsident Donald Trump erklärte, der Verband sei "das Beste", was Amerika passieren konnte. Denn er helfe dabei, "unsere Kinder von den marxistischen Spinnern und Perversen zu befreien, die unser Bildungssystem befallen haben" – eine Aussage, für die er tosenden Beifall bekam. Am engsten ist allerdings nicht Trump, sondern sein in Umfragen abgeschlagener Konkurrent Ron DeSantis mit den Freiheitsmüttern verbunden.

Neue Version des "Tagebuch der Anne Frank" verbannt

In Florida haben sie an einem Gesetz mitgeschrieben, das die Thematisierung von Homosexualität und Transgender-Fragen im Unterricht unter Strafe stellt. Der Gouverneur und seine Frau Casey, Mutter dreier Kinder, sind Förderer der Organisation und loben deren Anliegen. "Mütter sind die entscheidende Kraft bei der Wahl 2024", sagt DeSantis auf fast jeder seiner Wahlkampf-Veranstaltungen. Auf eine eindeutige Wahl-Empfehlung der "Mütter für die Freiheit" wartet der 44-Jährige aber immer noch.

MTiffany Justice (r.) und Tina Descovich haben die Gruppierung mitgegründet.
MTiffany Justice (r.) und Tina Descovich haben die Gruppierung mitgegründet. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Matt Rourke

Glenn Altschuler, Professor an der Cornell-Universität, hält die Gruppe eindeutig für extremistisch. "Alle Amerikaner sollten mehr Engagement von Eltern in den Schulen ihrer Kinder begrüßen", erklärt er. "Sie sollten aber genau so zustimmen, dass die "Moms for Liberty"-Extremisten unsere Schulen – und unsere Demokratie – schlechter machen."

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Tatsächlich kennen die "Mütter für die Freiheit" kein Pardon bei ihrem Zensur-Streben gegen Bücher, die Denkanstöße außerhalb der Norm liefern könnten. In einer Highschool-Bücherei in Vero Beach in Florida wurde zuletzt eine Graphic Novel-Version von "Das Tagebuch der Anne Frank" aus dem Verkehr gezogen. Die Ortsgruppe der Freiheitsmütter sah in dem Werk des israelischen Regisseurs und Drehbuchautors Ari Folman die Verharmlosung des Holocaust. Jüdische Verbände reagierten mit Kopfschütteln.