Eisenberg: Asylbewerber streiken gegen Missstände in Landesaufnahmestelle

Mit einem Streik wehrten sich die Bewohner gegen menschenunwürdige Bedingungen vor Ort. Laut Landesverwaltungsamt ist die Zahl der Asylbewerber stark gestiegen.

Am Dienstag streikten Bewohner der Thüringer Landesaufnahmestelle in Eisenberg gegen dort herrschende Missstände. Die Vorwürfe reichen von einer mangelhaften medizinischen Versorgung bis hin zu sexueller Belästigung von Seiten des Wachpersonals.Foto: Initiative Menschenrechte

Am Dienstag streikten Bewohner der Thüringer Landesaufnahmestelle in Eisenberg gegen dort herrschende Missstände. Die Vorwürfe reichen von einer mangelhaften medizinischen Versorgung bis hin zu sexueller Belästigung von Seiten des Wachpersonals.Foto: Initiative Menschenrechte

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Eisenberg. Bewohner der Landesaufnahmestelle Thüringen in Eisenberg haben gestern gegen "inhumane Bedingungen" gestreikt. Unter dem Leitsatz "Wir sind Menschen - keine Tiere" wandten sie sich mit einer ­ganzen Liste unglaublicher Vorwürfe an die Öffentlichkeit.

Muki kam vor rund zwei Wochen mit seiner Familie aus Serbien nach Eisenberg und führte den Streik am Dienstag an. Sein größter Vorwurf: die fehlende medizinische Versorgung. Als sogenannter Asylzweitantragsteller bliebe ihm diese verwehrt. "Meine Frau ist im fünften Monat schwanger, bräuchte Vitamine, aber dafür ist kein Geld da", klagt er an. Angeblich resultiere das nach einem Besuch beim Frauenarzt schon in Untergewicht beim Kind.

Für sich, seine schwangere Frau und die beiden drei- und vierjährigen Kinder stünden ihm sechs Quadratmeter Platz zur Verfügung, "in einem Container, keinem Zimmer". Die Hygiene vor Ort sei "katastrophal", die Versorgung mit Lebensmitteln nur "Essen dritter Klasse". Dazu wurde die Auszahlung des ihm zustehenden Geldes vom 1. auf den 7."August verschoben. "Einfach so, ohne Angabe von Gründen." Die Polizei, die mit einer Streife vor Ort war, zählte um die 40 Streik-Teilnehmer, der 26-jährige Serbe spricht von "über"100" Mitwirkenden. Viele hätten sich aus Angst vor Repressalien aber gar nicht vor die Tür getraut.

Die Probleme, die angesprochen wurden, seien nicht neu, sagte Antje-Christin Büchner vom Flüchtlingsrat Thüringen gestern auf Nachfrage. "Durch Gespräche mit Asylbewerbern sind uns diese Bedingungen schon länger bekannt. 2010 haben wir eine entsprechende Petition im Thüringer Landtag eingereicht, mit Bitte um Prüfung." Im Mai war der Flüchtlingsrat zu einem Vor-Ort-Termin in Eisenberg. Neben der unzu­reichenden medizinischen Versorgung gäbe es auch Probleme bei der Ausstattung der Bewohner mit ­Bekleidung. "Manchmal gibt es nur einmal Unterwäsche, keine Schuhe oder es fehlt die Winterbekleidung", erzählt sie. Auch das Essen sei höchstens eine "schlechte mitteleuropä­ische Versorgung mit wenig Auswahl". Einige Bewohner hätten sogar berichtet, dass für Kleinkinder keine Breigläser mehr zur Verfügung gestellt worden seien, egal ob sie für eine nor­male Ernährung schon alt genug gewesen sind oder nicht.

Schilderungen sind immer die gleichen

Obwohl die Asylsuchenden in der Regel nur drei Monate in der Landesaufnahmestelle in Eisenberg bleiben, seien die Schilderungen stets die gleichen: "Damit ist für uns schon klar, dass daran etwas dran ist", meint Antje-Christin Büchner.

Bis hin zu Schikanierungen und sexuellen Übergriffen des Sicherheitspersonals auf im ­Lager lebende Flüchtlingsfrauen reichen die Vorwürfe, die bisher aber nicht zur Anzeige gebracht wurden. "Uns ist in derlei Hinsicht nichts bekannt", sagte Nadine Stenzel von der Polizeiinspektion Saale-Holzland.

Die Leitung der Eisenberger Aufnahmestelle verwies am Dienstag auf die offizielle Pressemitteilung des Landesverwaltungsamtes, in der von einer stark gestiegenen Anzahl Asylbewerber gesprochen wird. Die Zunahme derer um ganze 86,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr stelle ­alle Erstaufnahmeeinrichtungen "vor große Herausforderungen", so Pressesprecher Adalbert Alexy. Auch in Eisenberg werde aber darauf reagiert, so sei neben einer verstärkten Kooperation mit dem Waldkrankenhaus Eisenberg eine Arztstelle und die Stelle einer Krankenschwester ausgeschrieben. "Leider konnte die Arztstelle noch nicht besetzt werden, eine ­zusätzliche Krankenschwester wurde aber bereits eingestellt", heißt es. Als weitere Unter­bringungsmöglichkeit für die Asylbewerber wurden Wohncontainer angeschafft. "Es ist vorgesehen, die Betreuung der untergebrachten Personen kurzfristig zu verbessern." In einem weiteren Schritt solle die Sozialbetreuung und die ärztliche ­Versorgung ab 2014 ausgeschrieben und sowohl in Quantität den Zugangszahlen angepasst werden als auch eine Qualitätssteigerung erfahren. "Bereits jetzt sind seitens der Landesaufnahmestelle Thüringen die gesetzlichen Vorgaben erfüllt", betonte Alexy.

Unterstützung erfuhren die Streikenden am Dienstag auch von der Initiative Menschenrechte aus Jena. "Wir sind schockiert über die Zustände", sagte Sprecherin Stefanie Fitzner. Wenn jemand Hilfe bräuchte, werde sie ihm nicht ­gewährt, dazu gebe es keine ­unabhängige Stelle vor Ort, an die sich die Betroffenen wenden könnten, kritisierte sie.

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