Rechtsrock in Thüringen: Wenn Musik zur Waffe wird

Erfurt. Die rechtsextreme Musikszene in Thüringen arbeitet immer professioneller. Texte werden von Anwälten geprüft, um ein Verbot zu verhindern und den Gewinn zu steigern.

Gera 2011: Rechtsextremisten veranstalteten ein Rockkonzert. Archiv-Foto: Kai Mudra

Gera 2011: Rechtsextremisten veranstalteten ein Rockkonzert. Archiv-Foto: Kai Mudra

Foto: zgt

„Wecki“ zupft die Saiten – leise Töne, simple Melodie… dumdi-dumdi-dumdi-damdi-damdidumdi-damdi…

Takt neun. Der „Wecki“ dreht auf: „Obama, du altes Niggerschwein…!“

In den nächsten 90 Sekunden gibt der Neonazi-Barde eine Mordfantasie zum Besten, die er „Obama Lied“ nennt:

„ Wir hängen dich an einer Eiche auf. Und bist du erst tot und vergammelst im Nu, endlich haben wir vor dem Nigger Ruh’. Es lebe die Rasse, das Großdeutsche Reich.“

Der letzte Ton verhallt, es knallt ein Schuss.

„Musik ist die Waffe der Zukunft.“ Das ist die Funktion rechtsextremistischer Musik. So wird sie im Internet beschrieben, direkt unter dem Namen „Liedermacher Wecki“, auf einer Seite, wo Wecki-Musik angepriesen wird, wo „Nationale Sozialisten“ für sich werben.

„Wecki“ aus der Prignitz im Nordwesten Brandenburgs ist in Thüringen kein Unbekannter.

„Er ist mit drei Liedern auf einer CD vertreten, die wir herausgeben“, sagt der Sondershäuser Jungunternehmer und NPD-Mann Patrick Weber, der für die verfassungsfeindliche Partei im Kyffhäuser-Kreistag sitzt. Das „Obama Lied“ ist nicht dabei. Es sei wohl„strafrechtlich relevant“, vermutet Weber.

Der Vorsitzende der NPD im Kyffhäuserkreis und stellvertretende Landesvorsitzende ist Inhaber von „Germania Versand“. Zwei wichtige Vertriebsstrukturen für rechtsextreme Produkte gibt es im Freistaat nach Wissen des Verfassungsschutzes. „Germania Versand“ in Sondershausen ist eine davon.

Im „WB Versand“ in Fretterode im Eichsfeld, dem zweiten Vertrieb, zieht Thorsten Heise die Fäden. Heise ist, wie Weber, stellvertretender Landesvorsitzender der NPD in Thüringen.

NPD-Kader ziehen im Musikgeschäft die Fäden

„Germania“ und „WB“, das steht für „Witwe Bolte“, gehören zu den zehn wichtigsten rechtsextremen Verlagen in Deutschland, sagt Stefan Heerdegen vom Erfurter Verein Mobit, der rechtsextreme Bestrebungen in Thüringen beobachtet und darüber aufklärt.

Thorsten Heise, Jahrgang 1969, ist, anders als der 14 Jahre jüngere Patrick Weber, ein bekannter militanter Neonazi, mehrfach vorbestraft wegen schwerer Körperverletzung, Landfriedensbruchs, Nötigung, Volksverhetzung. Vor etwa zehn Jahren lief bei Heise einiges schief: Erst stellten Ermittler Tausende CD mit volksverhetzenden Texten sicher. Bei der Razzia entdeckten Fahnder zudem Munition und Waffen.

„Dass in der Musik zu Hass aufgerufen wird, ist ein Tabu-Thema“, meint dagegen Heises Mitstreiter in politischen wie musikalischen Dingen, NPD-Landesvorstand Weber. Bei Musik mit strafbaren Texten bestehe immer die Gefahr, dass der Staatsanwalt einschreitet oder die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in Bonn einen Titel auf den Index setzt. Die gesamte CD, selbst wenn die übrigen Lieder harmloser scheinen, kommt dann aus dem Verkehr – ein finanzieller Verlust.

Damit Hass-Musik in seinem Versand nicht erscheint, berichtet Weber, „lassen wir alle Liedtexte vor der Veröffentlichung von einer Rechtsanwältin prüfen. Wir haben zu jedem Text ein Rechtsgutachten.“

Texte wie im „Obama Lied“ seien auch „politisch schädlich“, sagt Weber. „Solche Lieder passen nicht in unsere Weltanschauung.“

Wie er sich zum Nationalsozialismus verhalte? „Das Dritte Reich ist ein Teil der deutschen Geschichte und wird historisch einseitig beleuchtet“, sagt Weber. „Es kann nicht alles schlecht gewesen sein. Alles hat seine Schattenseiten. Auch in Russland und den USA gab es Tote. Verbrechen ist Verbrechen.“ Wie er zu Adolf Hitler stehe? „Das ist in der NPD kein Thema.“ Und wie – hypothetisch – würde er sich äußern, käme die Rede trotzdem auf „den Führer“? „Das ist meine persönliche Meinung. Darüber rede ich mit keinem.“

In Thüringen ist Weber nicht nur im Norden aktiv. Auch bei Kundgebungen von Sügida und Thügida in südlichen Landstrichen trat er 2015 als Redner auf, so Mobit-Experte Heerdegen.

Ein besonderes Musikereignis für die rechtsextreme Szene, vielleicht das größte dieses Jahres, findet Anfang Mai in Hildburghausen statt. Bereits 2015 lief dort das meistbesuchte Rechtsrock-Konzert über die Bühne. 1500 Besucher reisten aus ganz Deutschland an, aus der Schweiz, aus Österreich, Polen, sogar aus Russland.

Bands, die in der rechtsextremen Szene einen Namen haben, werden auch in diesem Jahr wieder erwartet. „Übermensch“ heißen sie oder „Blutsbande“, Blitzkrieg“, „Sleipnir“ sowie „Act of Violence“. Wie fließend die Grenze zum Unerlaubten bisweilen ist, davon kann nicht nur „Wecki“ ein Lied singen. 2014 kam auch der „Act of Violence“-Song „Wilde Vögel fliegen“ auf die Verkaufsverbotsliste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Neben Musikgruppen wie „Akt der Gewalt“ – was „Act of Violence“ übersetzt bedeutet – treten in Hildburghausen auch Männer vor das Mikrofon, die in der rassistischen Gedankenwelt bis hin zur Holocaust-Leugnung bewandert sind.

Auf der Liste ganz oben steht Patrick Webers Parteifreund und NPD-Landesvorstandskollege David Köckert, Stadtrat in Greiz. Auch Axel Schlimper ist als Redner geplant, Thüringen-Chef der europaweit agierenden Neonazi-Truppe „Europäische Aktion“ (EA). Die Landeszentrale für politische Bildung nennt die EA kurz und bündig eine „Dachorganisation europäischer Holocaust-Leugner und Rechtsextremisten“.

Zwei Redner gibt es, die eine besondere Bedeutung für die Veranstaltung „Rock für Identität“ in Hildburghausen haben: der Weidener NPD-Kreisvorsitzende Patrick Schröder aus der Oberpfalz und Tommy Frenck, rechtsextremer Kreistagsabgeordneter in Hildburghausen.

„Hinter dem Konzert in Hildburghausen stehen als Double Tommy Frenck und Patrick Schröder“, sagt Jan Raabe, Verfasser des Standardwerks „Rechtsrock“ und einer der besten Kenner der rechtsextremistischen Musikszene. „Schröder ist, was das Management betrifft, die bundesweit agierende Person. Tommy Frenck ist der Thüringer, der zuarbeitet und vor Ort der Macher ist.“

Nachts um drei Uhr setzte vor wenigen Tagen die Werbung für das Großkonzert im Internet ein. „Seid Ihr bereit?“ So begann es. Seitdem werden immer wieder neue Detail verraten – häppchenweise. Das weckt Neugier. Das schafft Spannung.

„Mein Herz schlägt jetzt schon“, vertraut eine junge Frau im Internet der Fangemeinde an. „Wir sind auch dabei.“ Ein anderer schreibt, als würde der Name des neuen Papstes verkündet: „Steigt vor der Verkündung weißer Rauch auf?“

Das Servicepaket: Mit Bier und Bus zum Konzert

Die rechtsextreme Konzertszene hat sich erkennbar professionalisiert. „Die Veranstalter des Konzerts in Hildburghausen haben eine richtige Dramaturgie entwickelt“, sagt Experte Raabe.

Stressfreies und gemütlich reisen gehört zum Event. „Es gibt die Möglichkeit, aus Bayern, Nordrhein-Westfalen und auch anderen Bundesländern mit dem Bus anzureisen. Man muss morgens nur mit einem Kasten Bier unterm Arm in den Bus rollen. Dann feiert man zusammen, hört sich ein paar Reden an, und nach dem Konzert wird man nach Hause gebracht.“ Raabe: „Das ist ein All-inclusive-Service-Angebot.“

Vor Jahren war das anders. Da glich der Besuch eines Neonazi-Konzerts oft einem Glücksspiel. „Das lief mit Schleusungspunkten und viel Herumtelefonieren“, berichtet Raabe. Vieles lief konspirativ ab, um die Polizei zu verwirren, die Verfolger abzuschütteln. Die Konzerte, so der Plan, sollten an geheimen Orten stattfinden, um ein Verbot oder eine Auflösung durch die Polizei zu verhindern.

Inzwischen ist das nicht mehr erforderlich. „Thüringen ist in der Etablierung der Konzertlandschaft sehr kreativ. Hier hat man gesicherte Orte, an denen Konzerte nicht aufgelöst werden“, erläutert Raabe. Gesicherte Orte, das heißt: Sie sind im Besitz von Angehörigen oder Sympathisanten der Szene. „Diese Orte haben bundesweite Bedeutung in der Szene. Das ist ein wesentlicher Grund für die Zunahme rechtsextremer Konzerte in Thüringen.“

Für die Szene hat rechtsextreme Musik hat eine wichtige Funktion, besonders live bei Bühnenspektakeln oder Abenden zu Lied und Klampfe.

„Junge Leute kommen durch die Musik vielfach in Kontakt mit rechtsextremer Ideologie. Sie vermittelt Inhalte und erzählt ihnen zum Beispiel, wer Rudolf Hess war“, erklärt Rechtsrock-Experte Raabe. „Oftmals geht es gar nicht nur um die Musik selbst, sondern darum, dass man sie in einer Clique hört, in der es cool ist, Rechtsrock zu hören. Insofern findet über die Musik ein Andocken an die rechtsextreme Szene statt.“

Flexible Rassisten locken auch mit schwarzer Musik

Für etwas betagtere Neonazis hat die Musik eine andere Funktion. Bei ihnen sorgt sie eher dafür, das Gruppengefüge zu stabilisieren. Bei einem Gemeinschaftserlebnis wie einem Konzert gelingt das besonders gut.

Bei Veranstaltungen wie in Hildburghausen ergänzt sich beides. „Die Jüngeren treffen dort auf Leute wie Thorsten Heise, der einer der Leuchttürme in der rechtsextremen Szene ist“, erklärt Raabe. „Die Jüngeren blicken zu solchen Leuten auf, und die können den Jüngeren Geschichten von irgendeinem Heldengedenkmarsch erzählen.“ Das verbindet und wirkt wie Generationenkitt.

Thüringens Verfassungsschutzpräsident Stephan J. Kramer nennt die rechtsextreme Musik „das Einstiegsmedium schlechthin“ – weshalb die frühzeitige Bekämpfung des Phänomens besonders wichtig sei.

Die Szene weiß ebenfalls, wie wichtig die jungen Jahre sind. Sie geht gezielt sogar auf Schulkinder zu. Das bekannteste musikalische Lockmittel mit rassistischem Botenstoff ist die sogenannte Schulhof-CD. Thorsten Heise aus dem Eichsfeld zählte zu den Drahtziehern dieses Projektes mit etwa 50 000 an Kinder und Jugendliche verteilte CDs.

Der Verfassungsschutz beobachtet neuerdings eine enorme Flexibilität der Szene. Rechtsextremisten würden sich der „Vielfalt musikalischer Stilrichtungen“ bedienen, um auf diese Weise „Jugendliche aus unterschiedlichen subkulturellen Strömungen an rechtsextremistisches Gedankengut heranzuführen bzw. ihre Bindung an die Szene zu festigen“.

Um die „Nachwuchsrekrutierung auszuschöpfen“, erklärt Kramer, würden sich Rechtsextremisten sogar dem Musikstil Hip Hop öffnen – obwohl dieser in der Neonazi-Szene selbst umstritten ist. Denn Hip Hop ist ein „aus dem Afroamerikanischen stammender Musikstil“.

Bei Tommy Frenck, Mitorganisator des Mai-Konzerts, geht es traditionskonformer zu. Wenn er nicht für das rechtsextreme „Bündnis für Hildburghausen“ (BZH) im Kreistag sitzt, konfrontiert der gelernte Koch die Besucher seines Gasthofs mit Musik und Kalorien.

Mal dröhnen Töne aus Musikkonserven, mal belebt ein Nachwuchsmusikant den Raum. Auch Obervolksgemeinschaftsbarde Frank Rennicke, zweimaliger Bundespräsidentenkandidat der NPD, schlug bei Tommy Frenck schon in die Saiten.

Und die Ham-Burger! Massiv wie Bullen, niedergestreckt an Pommes und Gemüse. Jung-Frau Bianca, die den kulinarischen Stellungskrieg siegreich beendete, notierte opferbereit: „zum Erhalt des Volkes gehört auch die Ernährung puuuhhh.“

Auch die rassistische Burger-Bewegung, die Frencks „Bündnis für Hildburghausen“ (BZH) vor gut einem Jahr im Internet in Gang setzte, schlug irgendwie auf den Magen.

Die Bildcollage auf der BZH-Seite zeigt rechts ein blondes Mädchen, es rauft sich die Haare, es schluchzt. Links der schwarze Mann, er starrt aus finsteren, schmutzigen Augen. Sein Blick ist brutal. Hinter seinem Kopf sieht man rote Spritzer wie Blut – als wenn der Mann erschossen worden wäre.

Darunter steht ein Satz: „Vergewaltigung einer Jugendlichen durch Asylanten auf dem Suhler Friedberg?“

Die Vergewaltigung habe es nie gegeben, sagte die Polizei.

Im Internet jedoch – direkt unter dem Bild – setzt gleich ein Meinungsaustausch ein.

Jemand, der sich Tobias Steinar nennt, schreibt: „An jedem Baum muss ein Neger hängen!“

Ein Zweiter sagt, man solle Frauen Pfefferspray schenken.

Hans Werner mischt sich ein: „zu lasch, besser walther, er hat 8 sehr schnelle freunde…“

Im wirklichen Leben ist „walther“ eine Pistole des Herstellers Walther, gegründet in Suhl vor mehr als Hundert Jahren. Es gibt Walther in verschiedenen Ausführungen, auch mit Magazin für „acht schnelle Freunde“.

Es gab ein Lied, das ging so: „Das ist geil, das ist geil, Hurra, Hurra, ein Neger brennt.“

Das war vor 15 Jahren.

„Die Musik“, so steht es heute, wie zeitlos, bei „Wecki“, dem Liedermacher, „die Musik ist die Waffe der Zukunft.“

Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.