Zeitarbeit – die dynamische Dreiecksbeziehung

Gera  OTZ-Aktion „In sechs Wochen eine Arbeit“Heute erläutern wir, wie Zeitarbeit funktioniert. Ist ihr schlechter Ruf berechtigt? Ein Gespräch mit der Agentur für Arbeit und der Gesellschaft für Personalservice gibt Aufschluss.

Als Leiharbeiter verdient man wenig, muss bundesweit einsatzbereit sein und sitzt meist schnell wieder auf der Straße. Vorurteile über die Branche gibt es zur Genüge. Treffen sie zu?

Nicht nur die Mär vom geringeren Verdienst kann Steffen Schneider widerlegen. Seine Gesellschaft für Personalservice (GfP) beschäftigt rund 170 Mitarbeiter an vier Standorten in ganz Deutschland. Allein am Stammsitz in Gera hat sie derzeit 60 Menschen unter Vertrag.

Einer davon ist Alexander ­Goersch. Der gelernte Metallbauer ist seit September bei der GfP beschäftigt. Seit Dezember ist er an den Landmaschinen-Hersteller Horsch nach Ronneburg ausgeliehen, schweißt dort Bauteile zusammen. Bereits seit seinem Ausbildungsende 2008 hat Goersch nur ein Jahr in Festanstellung gearbeitet. Die restliche Zeit war er bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. Warum? Weil er sich dort sicherer fühlt, wie er sagt. Läuft mal ein Auftrag aus, dann gehe es trotzdem rasch woanders weiter.

Und zwar mittlerweile meist in der Region. „Die Einsatzorte haben sich seit den 1990er Jahren deutlich gewandelt“, sagt GfP-Chef Schneider. Die stärkere regionale Verankerung belegt für ihn, wie positiv sich der Arbeitsmarkt entwickelt hat.

Nicht weniger als 167 Personaldienstleister sind der Agentur für Arbeit in Gera gemeldet. Nur 38 davon zählen über fünf Beschäftigte. Und mit 27 ist die Agentur in engerem Kontakt. Zum Beispiel mit der GfP. Für die Arbeitsagentur sind Personaldienstleister wichtige Partner. Man verfolge ein gemeinsames Ziel, sagt Katrin Junghanns, Teamleiterin im Arbeitsmarktservice. Die Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften – so die offizielle Bezeichnung – sei inzwischen eine „sehr gängige Beschäftigungsform, die längst gesellschaftlich akzeptiert ist“.

Zeitarbeit schädige auch nicht das Stammpersonal, sondern habe sogar eine Schutzfunktion. „Gerade bei schwankender Auftragslage“, sagt Junghanns. Nicht zuletzt ist Zeitarbeit ein Konjunktur- barometer. Stellen Firmen verstärkt Leiharbeiter ein, ist das ein gutes Zeichen für die wirtschaftliche Situation. Arbeitgeber brauchen diese Flexibilität, um beispielsweise Auftragsspitzen, Krankheit oder andere Ausfälle zu kompensieren. Oder das Risiko einer Weiterentwicklung zunächst mit Leihpersonal zu testen.

Die Kehrseite sind kurze Kündigungsfristen – eine Woche im ersten Vierteljahr, danach ist eine Entlassung binnen 14 Tagen möglich. Erst nach sechs Monaten gilt, was im Bürgerlichen Gesetzbuch steht.

Kurze Beschäftigung und Arbeitszeitkonto

Die vertraglichen Beziehungen, die sich aus Leiharbeit ergeben, umschreibt GfP-Chef Steffen Schneider als „Dreiecksverhältnis“. Die Personalservice-Firma erhält eine Anforderung vom Kunden – dem Unternehmen, das Leiharbeiter braucht. Dann geht es auf die Suche: Gibt der eigene Personalbestand geeignete Leute her? Oder müssen sie per Stellenausschreibung akquiriert werden?

Fast 40 Prozent aller offenen Stellen in Gera wurden im vorigen Jahr von Zeitarbeitsfirmen gemeldet. Doch nur 21 Prozent aller neuen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse waren in dieser Branche angesiedelt. Für Katrin Junghanns zeigt dies, dass die Stellenangebote aus dieser Branche manchmal überzeichnet sind. So kam es vor, dass bei der Ansiedlung eines großen Callcenters 16 Zeitarbeitsfirmen die gleichen Jobs offerierten.

„Es halten sich hartnäckig Vorurteile, aber es hat sich sehr viel getan in der Branche. Und es ist noch nicht zu Ende“, fasst deren Inhaber Steffen Schneider zusammen. So entlohne man nach Tarif. Es gelten die Verträge des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP) und der DGB-Gewerkschaften.

Das Einstiegsgehalt für Helfer-Tätigkeiten liegt aktuell bei 8,20 Euro pro Stunde. Ab Juni gilt dann auch hier der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro. Seit 2012 werden bereits verschiedene Branchenzuschläge gezahlt, um die Lohndifferenz zum Stammpersonal sukzessive auszugleichen. „Equal Pay“ – die gleiche Bezahlung, die per Gesetzesänderung angestrebt wird – sei damit im Grunde schon gesichert, bestätigt Junghanns.

Für Fachkräfte im Metall- und Elektrobereich sind mittlerweile 14 bis 15 Euro pro Stunde real, sagt Schneider. In Gera zahlt die GfP ein durchschnittliches Entgelt von 10,50 Euro.

Auch Sozialleistungen, wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie ein Urlaubsanspruch sind selbstverständlich. Nach dem ersten Beschäftigungsjahr gibt es 24 Tage Urlaub, bei längerer Zugehörigkeit sind 30 Tage drin.

Wie lange ein Arbeitnehmer bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt bleibt, ist weiter sehr unterschiedlich. „Die hohe Dynamik ist ein Nachteil“, stellt Junghanns fest. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fand heraus: Bei Helfertätigkeiten liegt die Beschäftigungsdauer durchschnittlich bei drei Monaten, bei Hochschulabsolventen sind es fünf.

Von vier bis acht Wochen – das gibt es zwar auch noch, ist aber eher die Ausnahme, betont indes Steffen Schneider. „Es ist unsere Verantwortung und unser Geschäftsmodell, neue Einsatzmöglichkeiten zu suchen.“

Allein in Gera hat die GfP sieben Mitarbeiter schon länger als drei Jahre unter Vertrag. Darunter einen Elektriker seit mittlerweile 18 Jahren. Weitere Facharbeiter seien seit vier oder fünf Jahren angestellt. Wer flexibel, mobil und fachlich breit aufgestellt ist, hat die besten Chancen, verdeutlicht Schneider. Beispielsweise ein Schlosser, der auch schweißen kann.

Wissen muss man, dass die Arbeitnehmerüberlassung generell mit Arbeitszeitkonten agiert. Das heißt, es gibt beispielsweise einen Arbeitsvertrag über 37 Wochenstunden. Diese werden auch entlohnt. Die tatsächliche Arbeitszeit richtet sich aber nach den Erfordernissen des Kunden. Sie kann durchaus 40 Stunden oder mehr betragen.

Das Arbeitszeitkonto hilft, in auftragsschwachen Zeiten eine bezahlte Freistellung nutzen zu können. Bei der GfP dürfen grundsätzlich nicht mehr als 150 Stunden gesammelt werden. Spätestens nach einem Jahr muss ein Ausgleich erfolgen. Wer ausscheidet, bekommt die Stunden vergütet. Zudem nutzen Zeitarbeitsfirmen Phasen ohne Auftrag oft zur die Qualifizierung der Mitarbeiter.

Wie funktioniert Zeitarbeit?

  • Zeitarbeit, auch Arbeitnehmerüberlassung oder Personalleasing genannt, ist ein festes Arbeitsverhältnis, das einer Dreiecksbeziehung gleicht.
  • Die Arbeitnehmer sind bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt. Diese wiederum setzt sie bei einem ihrer Kundenunternehmen ein. Diese so genannten Entleihfirmen greifen also für einen bestimmten Zeitraum auf den Arbeitnehmer als Zeitarbeitskraft zurück.
  • Es handelt sich um sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit sozialer Absicherung – Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Arbeitsschutz, Urlaubsanspruch, Schwerbehinderten- und Mutterschutz sowie Kündigungsfristen.
  • Für die Zeitarbeitsbranche gibt es gesetzlich festgelegte Lohnuntergrenzen. Das Einstiegsgehalt (Helfertätigkeiten) liegt aktuell bei 8,20 Euro je Stunde. Ab Juni gilt der 8,50-Euro-Mindestlohn.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.