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Wahl-Talk bei „Hart aber fair“: Ein Thema sorgt für Streit

Karina Krawczyk
| Lesedauer: 6 Minuten
Das ist "hart aber fair"

Das ist "hart aber fair"

Die polarisierende Politik-Sendung im Ersten mit Moderator Frank Plasberg gibt es nun seit stolzen 20 Jahren. Jeden Montag finden sich diverse Gäste in einer hitzigen Diskussionsrunde wieder.

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Berlin.  Eine Woche vor den US-Midterms versuchte „Hart aber fair“ transatlantische Vergleiche zu ziehen. Ein Thema sorgte für verbale Attacken.

Es sollte eigentlich ein Talk über die US-Midterms am 8. November werden. Am Ende drehte sich am Montag bei „Hart aber fair“ vieles um die Gemeinsamkeiten zwischen den USA und Europa. Besonders die Probleme um die andauernden Fluchtbewegungen sorgten für heftige Diskussionen und Attacken.

Tag für Tag verdursten Menschen bei dem Versuch, über das sandige Buschland entlang des Rio Grande illegal in die USA einzuwandern. Die Bilder eines grenznahen Kühllasters, in dem ihre geborgenen Leichen „gestapelt werden müssen, weil es so viele sind“, hatte Ingo Zamperoni schon in seiner Doku "Trump, Biden, meine US-Familie und ich" gezeigt, die direkt vor „Hart aber fair“ im Ersten lief.

Nun zeigte Frank Plasberg den Ausschnitt mit dem „beklemmendsten Moment“ der ganzen ernüchternden Drehreise noch einmal. Seit Joe Biden Präsident der USA ist, hat sich die Zahl der Toten an der mexikanisch-texanischen Grenze fast verdreifacht – obwohl sich an der Grenze statisch nichts verändert hat.

„Hart aber fair“: Diese Gäste waren am Montag dabei

  • Ingo Zamperoni, Moderator der ARD-Tagesthemen
  • Norbert Röttgen, Politiker (CDU)
  • Aladin El-Mafaalani, Soziologe und Autor
  • Susanne Gaschke, Journalistin und Autorin
  • Matthew Karnitschnig, Europa-Korrespondent

„Hart aber fair“: Ist Biden für die Fluchtbewegung verantwortlich?

Nur ist eben auch die Zahl der Flüchtenden massiv angestiegen, seit der Demokrat im Weißen Haus sitzt. „Allein durch die klare Botschaft, die Biden ausgesendet hat: Wir sperren euch nicht mehr in Käfige“, fand Matthew Karnitschnig, Europa-Korrespondent des US-Nachrichtenportals „Politico“. Er erinnerte an die Praxis unter Ex-Präsident Donald Trump, Babys und Kinder rabiat von den geflüchteten Müttern zu trennen.

Tagesthemen-Moderator Zamperoni bezweifelte die Absicht, bestätigte aber, dass das ungelöste Einwandererproblem die Amerikaner weiterhin in zwei unversöhnliche, fast zementierte Lager spaltete. Es sei ein Wahlkampfthema für die Midterms in der nächsten Woche.

Dann reiste er thematisch einmal quer über den Atlantik: Auch für Europa sah er Gefahren, dass die die schiere Flüchtlingszahl die Mittelmeer-Anrainer auf Dauer überfordere.

Plasberg sucht Gemeinsamkeiten zwischen USA und Europa

Im Zuge der anstehenden US-Midterms versuchte Frank Plasberg in „Hart aber fair“ immer wieder, gemeinsame transatlantische Problemlagen zu konstruieren.

Mit seinen mäandernden Fragen stocherte er meist aber nur unpräzise in den Themen herum: Gefährdet Populismus nun auch die Demokratien Europas? Was machen Schwedendemokraten oder die Fratelli d’Italia unter Giorgia Meloni so attraktiv, dass sie bei Wahlen neuerdings so viel zulegen?

Allerdings brachte der mehrheitlich mit „Mitgliedern der schwatzenden Klasse“ – Journalisten – besetzte Montags-Talk bei so ungenauen Fragen wenig harte Analysen. Einmal gab es sogar gar keine Antwort – als Plasberg wissen wollte, ob Putin den Krieg gegen die Ukraine unter Trump womöglich erst gar nicht angefangen hätte.

Einzig die Frage nach Fluchtbewegungen brachte etwas Feuer in die Runde: Mehr Geflüchtete als je zuvor waren in diesem Jahr nach Deutschland gekommen. 130.000 aus Syrien und Afghanistan, dazu 1 Million aus der Ukraine.

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„Hart aber fair“: Journalistin attackiert CDU wegen lascher Haltung

Susanne Gaschke, Autorin der „Neuen Zürcher Zeitung“, beklagte vor allem, dass ein starkes Land wie Deutschland „nicht mehr rund läuft“. Es treffe „jede Menge Leute in ihrem Alltag, in der Schule, auf der Arbeit“, zählte sie die Schwierigkeiten auf, an denen ihrer Meinung nach schlecht integrierte Geflüchtete die Schuld tragen.

„Man sollte die Probleme nicht schönreden“, forderte die Journalistin. Auch, dass die Union entgegen der „gesellschaftspolitischen Festspiele“ der Ampel-Koalition klarer die Probleme benenne, wünschte sich Gaschke. „Kaum ein CDUler wagt es mehr, sich als konservativ zu bezeichnen“, behauptete sie.

Noch würden in Deutschland die Unzufriedenen nicht gleich zu den Populisten, „sondern in die Wahlenthaltung“ gehen. Wenn Politiker und Bürger sich weiter voneinander entfremdeten, sah Gaschke aber den Trumpismus auch zu uns herüberschwappen.

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Röttgen bei „Hart aber fair“: Aussage von Merz ist „Quatsch“

Norbert Röttgen (CDU), der einzige in der Runde „mit Krawatte zum Zeichen für echten Konservatismus“, sah das nicht so. „Die Kommunen sind sehr angespannt“, bestätigte er zwar, „wir haben aber seit 2015 sehr viel dazugelernt.“ 75 Prozent des Parlaments und der Gesellschaft seien, wenn es um Flucht ginge, „vernünftige und verantwortliche Leute“.

Die Klage seines Partei-Vorsitzenden Friedrich Merz zum „Sozial-Tourismus“ bezeichnete er dagegen als „Quatsch“. Auch wenn „die Bahn leider nicht mehr pünktlich fährt“, so war er doch überzeugt: Deutschland sei so attraktiv für Einwanderer, „weil wir aus Sicht von 80 Prozent der Weltbevölkerung ein wohlhabendes Land mit einem funktionierendem Gesundheits- und Bildungssystem sind.“

„Hart aber fair“: Soziologe will Grenzen öffnen

Da gab ihm auch Soziologe Aladin El-Mafaalani Recht. „Image, Wirtschaft, Arbeitsmarkt“ seien die ausschlaggebenden Gründe bei der Wahl des Einwanderungslandes, erklärte er. Eine wichtige Rolle spielten aber auch soziale Netzwerke: „Menschen gehen dahin, wo sie schon jemanden kennen.“

Der Professor am Institut für Migrationsforschung der Universität Osnabrück beklagte zudem, dass Grenzen inzwischen „in fast allen westlichen Ländern zu tödlichen Orten“ geworden seien. Er warb dafür, die Konsequenzen zu überdenken: „Wenn wir Grenzen öffnen, kommen Frauen und Kinder“, verwies er auf die ukrainischen Flüchtlinge.

„Je höher die Hürde, desto eher kommen nur solche, die es auch schaffen können“, so El-Mafaalani. Das seien meist junge, gesunde Männer, die im Mittelmeer nicht gleich ertrinken. Eine Gruppe, die das Recht zur Flucht zwar genauso hat wie alle anderen, im gesellschaftlichen Diskurs aber den meisten Vorurteilen begegnet.

Zur Ausgabe von „Hart aber fair“ in der ARD-Mediathek.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.