ZDF-Talk

„Markus Lanz“: Bodo Ramelow gesteht "bitteren Fehler" ein

Berlin.  Moderator Markus Lanz widmete die erste Hälfte seiner Sendung der aktuellen Situation in den USA. Anschließend ging es um Corona.

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Dass Donald Trump noch hinter Gittern landen werde, mochte sich John C. Kornblum nicht vorstellen. „Aber wir werden ihn bestimmt in symbolischen Handschellen sehen.“

Der ehemalige US-Botschafter, bis 2001 in Berlin und nun bei „Markus Lanz“ aus dem heimischen Nashville, Tennessee per Video zugeschaltet, erwartete, dass sich der 45. US-Präsident noch vielen Gerichtsprozessen wird stellen müssen – wegen steuerlicher oder geschäftlicher Vergehen. Und wegen seines politischen Fehlverhaltens? „Nein, ich glaube nicht, dass das Land bereit ist, einen ehemaligen Präsidenten ins Gefängnis zu schicken.“

„Markus Lanz“ – das waren die Gäste am Donnerstag:

  • Elmar Theveßen, Journalist
  • John Bolton, US-Politiker
  • Susan Neiman, Philosophin
  • Bodo Ramelow, Politiker
  • Martin Machowecz, Journalist
  • Prof. Alena Buyx, Medizinethikerin
  • Prof. Dirk Brockmann, Physiker

Lanz interessiert sich für Konsequenzen nach Kapitol-Sturm

Dabei interessierte sich „an Tag 2 nach der Erstürmung des amerikanischen Parlaments“, Markus Lanz vor allem für die politischen Konsequenzen: Müsste der Mann im Weißen Haus nicht zur Rechenschaft gezogen werden, weil er am Vortag mit seiner Rede den Mob quasi zum Staatsstreich angestachelt hatte?

So brennend die juristische Klärung dem Moderator aber am Herzen lag, so müßig erschien eine europäische Diskussion dazu. Am Ende waren die deutschen Zuschauer jedenfalls so klug als wie zuvor: Obwohl Markus Lanz – sozusagen als Prolog zum eigentlichen Talk – gleich vier Amerika-Experten hintereinander befragte, kam wenig Erhellendes, erst recht nichts Eindeutiges dabei heraus.

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Impeachment: Wie kann Donald Trump zur Rechenschaft gezogen werden?

John Bolton, bis zu seinem Zerwürfnis und Enthüllungsbuch, das vor wenigen Monaten erschienen war, Sicherheitsberater und enger Mitarbeiter Trumps, winkte gleich ab: 13 Tage seien zu kurz, um ein solches Verfahren ordentlich auf den Weg zu bringen, befand er. Schon der letzte Impeachment-Versuch war so schlecht vorbereitet, dass sein Scheitern vorhersehbar war und Donald Trump eher genutzt denn geschadet habe. „Das hat ihn nur weiter ermutigt.“

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Susan Neiman, Direktorin des Einstein Forums in Potsdam, sah das wieder ganz anders: „Wenn jetzt nichts geschieht, werden wir in Zukunft Probleme bekommen“, erklärte sie mit Blick auf die aufgestachelten Trump-Anhänger und plädierte für eine Amtsenthebung nach Verfassungszusatz 25.

Kapitol: Warum versagten die Sicherheitskräfte?

Elmar Theveßen, Washington-Korrespondent des ZDF, der den Aufruhr vom Vortag live Vorort erlebt hatte, konnte vor allem nicht nachvollziehen, wieso die Sicherheitskräfte derart unterbesetzt waren, obwohl doch bekannt war, dass 30.000, teilweise bewaffnete Demonstranten zum Kapitol zogen. Nur ein paar Dutzend Kapitol-Polizisten hatten sich ihnen dann entgegengestellt – wie auch die wiederholten, immer wieder erschütternden Bilder belegten. Wie das passieren konnte, ermittele nun das FBI.

Dann erst, eine gute halbe Stunde später, begann „Markus Lanz“ mit dem offiziellen Opening und Talk. Die Zweiteilung war durchaus sinnvoll, ging es doch ab dann nur noch um ein völlig anderes, zweites Thema, das die Republik beschäftigt – um Corona und den Lockdown.

Corona: Bodo Ramelow gesteht „bitteren Fehler“ ein

In dieser atmosphärischen Kaminrunde überraschte vor allem Bodo Ramelow mit dem Geständnis, er habe sich von Hoffnungen leiten lassen, die sich nun als bitterer Fehler herausgestellt hätten. Noch im Sommer hatte er für sein Land „Weihnachtsmärkte gesehen“, nun forderte er einen noch strengeren Lockdown. „Am besten, vier Wochen lang alles runter und die Impfungen hochfahren.“

„Es ist die überraschende Dynamik“, die ihn nun demütig mache. Bei aktuell 1176 Neuinfektionen in Thüringen (Stand: Vorgestern) wisse er „doch jetzt schon, wie viele schwere Erkrankungen es in sieben Tagen geben wird.“ Das fordere das Gesundheitssystem über alle erträglichen Maße.

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„Im Osten ist erst die erste Welle“, analysierte Martin Machowecz, der die Leipziger Redaktion der „Zeit“ leitet und mit der Corona-Entwicklung in Sachsen wie auch in Thüringen vertraut ist: „Im Frühjahr hat es dort pro Tag nur 2,3, manchmal auch 0 Neuinfektionen gegeben“, bestätigte er und lobte Bodo Ramelow, wie ernst er die Situation stets genommen habe.

Durch seine erfrischende Ehrlichkeit beeindruckte der Thüringer MP aber auch Alena Buyx. Die Medizinethikerin und Vorsitzende des Ethikrats, bedauerte aber, dass die Arbeitsbereiche bei den Lockdown-Maßnahmen nicht erfasst würde: „Ich hatte erwartet, dass es begründungspflichtig wird, warum Home-Office nicht möglich sein soll.“ Das ginge natürlich nicht bei allen Berufen, aber deutlich häufiger als auf freiwilliger Basis geschehe.

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Lockdown: Epidemiologe hält nichts von 15-Kilometer-Regelung

Immer wieder erhellend, konnte Dirk Brockmann da auch diesmal wieder mit konkreten Beispielen, Charts und Zahlen erklären, wie sich die alltägliche Mobilität der Menschen auf die Entwicklung der Pandemie auswirkte. Der Modellierer brachte eine neue Grafik mit, die anhand ausgewählter Orte zeigte, in welcher Lage wir uns gerade befanden.

Während die Mobilität im Frühjahr, während des ersten Lockdowns, im Vergleich zum Vorjahr erwartungsgemäß um 40 Prozent zurückging, überstieg sie nun deutlich den Vorjahreswert. Weil viele Familien die Zeit zwischen den Jahren zum Skilaufen oder Rodeln nutzten.

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Trotzdem machte die 15-Kilometer-Regelung für ihn wenig Sinn, erklärte Dirk Brockmann: „70-80 Prozent aller Bewegungen finden im Umkreis von fünf Kilometern statt.“ Anders gesagt, könne die umstrittene Regelung nur 20 bis 30 Prozent der Gesamtmobilität beeinflussen.

Dagegen machte es einen enormen Unterschied, ob sich fünf oder zehn Leute trafen, erklärte der Digital-Epidemiologe vom RKI: „Bei einer Halbierung der Kontakte reduzieren sich die Infektionen auf ein Viertel.“ Statt also zu 90 Neuinfektionen bei 10 Kontakten, komme es bei 5 Kontakten nur noch zu 20. „Im Prinzip geht es darum, sein Kontaktnetzwerk so klein wie möglich zu machen.“

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