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"Die Passion" bei RTL: Mal Mega-Event, mal Telenovela

Petra Koruhn
| Lesedauer: 6 Minuten
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Essen.  "Die Passion" sollte das Mega-Live-Event zu Ostern werden. Mit Popsongs zum Sterbedrama. Konnte dieses Experiment von RTL gelingen?

  • RTL wollte mit "Die Passion" das TV-Ereignis des Jahres veranstalten
  • Herausgekommen ist eine TV-Show, die zwar viele Höhepunkte hatte, aber auch einige peinliche Momente
  • Und zwischendrin gab es immer wieder Überraschungen, wie unsere Autorin fand

Da standen sie also: Jesus, Judas und der Rest der Jünger, um Geschichte zu schreiben. Obwohl die ja längst bekannt ist. Mehr als 2000 Jahre alt ist die Geschichte von Kreuz und Nächstenliebe, die jetzt von RTL zum Mega-Event "Die Passion" aufgepeppt wurde, das es so noch nie gegeben hat, wie alle Mitwirkenden nicht müde wurden zu betonen. Das Leben und Sterben von Jesus Christus, mitten in der Ruhr-Metropole Essen. Und auf der Bühne in der City neben zahlreichen Promis, der Fernsehgott persönlich: Thomas Gottschalk, der durch den Abend führte.

Jesus als Musical, das kennen die Leute aus Andrew Llooyd Webbers "Jesus Christ Superstar". Aber diese Songs, die jetzt in den Nachthimmel geschmettert wurden, waren Popsongs, die im Radio rauf und runter laufen. Wie "Hinterm Horizont geht es weiter" von Udo Lindenberg oder "Ein Hoch auf uns", dieser Andreas Bourani-Song, der auch bei Fußball-Events gern in Endlosschleife gesungen wird. Oder besser wurde. Die Songs sind eben alle auch nicht mehr so ganz taufrisch.

Das mit den Liedern ist ein bisschen tückisch. Sie klingen alle ein wenig gleich, diese Singer-Songwriter-Songs, die hier auch noch stark im Musicalmodus intoniert werden. In dem einen oder anderen Fall geht das gut, sogar sehr gut bisweilen, aber wenn dann Maria (Ella Endlich), immerhin die Mutter der Hauptfigur, Sarah Connors "Wie schön du bist" singt und damit Jesus meint, dann muss man sich erstmal schütteln.

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"Die Passion": Für Gottschalk war es wohl eine der ungewöhnlichsten Moderationen

Gut, das ist das Konzept: Ein Potpourri der Popsongs. Alles neu, alles einzigartig, so Gottschalk, der in dunkler Anzug-Mantel-Kombi, mit deutlich kürzerem Haar und gar keiner großen Klappe ein bisschen Demut vor dem größten Thema der Menschheit zeigte.

Dass Gottschalk sich immer wieder bemühte, das "Moderne" zu betonen, das "Einzigartige" und "Neue" machte zwar neugierig, dennoch wirkte er ein bisschen wie ein Werbe-Onkel. Es war sicher eine seiner ungewöhnlichsten Moderationen, die der Fernseh-Dino auf sich genommen hat.

Gottschalk, der die Rahmenhandlung moderierte und den nicht ganz so Bibelfesten Nachhilfe gab, machte das in alter Routine aber gut: Er gab dem Ganzen etwas Leichtes, aber auch eine gewisse Würde. In Stern TV später sagte er, dass so etwas ja auch hätte peinlich werden können.

Alexander Klaws: Jesus-Darsteller sorgte für Gänsehaut

Nun ja, peinlich war es manchmal schon auch. Nicht jeder Lovesong passt eben auch zu Jesus persönlichem Schicksal. Und wenn Maria singt "Und-immer-immer-wieder-geht-die-Sonne-auf", weiß man nicht genau, ob man sich nun in einer Soap oder einer Telenovela befindet. Jedenfalls irgendwie im falschen Film.

Aber bleiben wir bei Jesus. Alexander Klaws - man erinnert sich: Er war der erste DSDS-Gewinner, gewann dann später die Let's-Dance-Tanzkrone - ist mittlerweile ein gefragter Musicalstar. Dass er nicht nur Disney hinkriegt, sondern auch einen respektablen Jesus abgibt, hat er bewiesen: tolle Stimme, überzeugender Auftritt. Wenn er am Schluss von den Dächern Essens singt "Halt dich an mir fest, wenn Du nicht mehr weiter weißt", ist das Gänsehaut pur.

Vom Bergdoktor zum Judas - Mark Keller war die große Überraschung

Immer wieder gibt es Überraschungen. Eine davon war ganz klar Judas-Darsteller Mark Keller, auch bekannt als Chefarzt Dr. Kahnweiler in der beliebten ZDF-Serie "Der Bergdoktor". Er war der coole Killertyp, ein gelungener Gegenentwurf zum menschelnden Jesus, der auch mal weinen durfte und an der Bude Currywurst bestellte.

Überhaupt mochte man die Jünger, hier locker als "Truppe" bezeichnet, wie sie auf Zollverein, äh im Garten Gethsemane, nach dem Verrat komplett desillusioniert am Boden hockten. Und dann kam auch schon die Essener Polizei und legte Jesus Handschellen an.

Ein kleiner Höhepunkt des Abends war die Begegnung von Jesus und Pontius Pilatus, gespielt vom Essener Hennig Baum, der im dunklen Anzug ganz smarter Karrierist Gottes Sohn das Ende bescherte. Baum kann so was spannend machen. Fast dachte man, vielleicht überlegt es sich dieser Pilatus ja noch anders.

Gil Ofarim: Trotz Anklage noch dabei

Dass auch Gil Ofarim noch Teil der Jüngerschaft war, trotz seiner Anklage wegen Verleumdung, hat ihm und dem Sender viel Kritik eingebracht. Doch "bis zu einer Verurteilung", stellte RTL klar, "gilt für Gil Ofarim die Unschuldsvermutung." Deshalb bleibe er auch Teil der Passions-Inszenierung und spiele wie geplant einen der zwölf Jünger. Auf der Live-Bühne stand er jedoch nicht. Wie der Sender bestätigte, sind fast alle Jünger nur in Einspielfilmen zu sehen, die bereits vor über zwei Jahren gedreht wurden.

Eigentlich heißt es ja immer, ganz Deutschland fällt vom Glauben ab. Die Menschen, die hier von Essen-Rüttenscheid nach Essen City ein riesiges Leuchtkreuz schleppten und erzählten, warum sie das taten, verblüfften auf ihre ganz eigene Weis: Sie alle hatten ihn irgendwann wiedergefunden, den Glauben an die Nächstenliebe und an das Wunder des Lebens, erzählten sie. Keine schlechten Botschaften in diesen Zeiten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.