Polizei dementiert Facebook-Märchen zu vergewaltigten Mädchen Jena

Jena. Die fremdenfeindliche Hetze in den sozialen Medien und nach Hörensagen reißt nicht ab. Aktuell soll es zu zwei Vergewaltigungen einer zufällig jeweils 14-Jährigen in Jena und in Gera gekommen sein. Die Polizei erklärt, dass ein derartiges Verbrechen nicht stattfand.

Durch die Kriminalpolizei Jena wird eine Anzeige wegen Volksverhetzung gegen den Urheber der Falschmeldung auf der Facebook-Seite „Wir lieben den Saale-Holzland-Kreis“ geprüft. Symbolfoto: Alexander Volkmann

Durch die Kriminalpolizei Jena wird eine Anzeige wegen Volksverhetzung gegen den Urheber der Falschmeldung auf der Facebook-Seite „Wir lieben den Saale-Holzland-Kreis“ geprüft. Symbolfoto: Alexander Volkmann

Foto: zgt

Rund 30 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Jena Lobeda-Ost und der ehemaligen Wismut-Klinik in Gera. Was diese verbindet? Es sind Orte, in denen Flüchtlinge bereits untergekommen sind oder noch unterkommen werden. Im ehemaligen Klinikgebäude vor den Toren der Stadt Gera sind es derzeit circa 250 und im Stadtteil Lobeda, mit dem Stand vom 26. Oktober, circa 115 Personen.

Die Facebook-Seite „Wir lieben den Saale-Holzland-Kreis“, die vorgibt, eine Bürgerinitiative zu sein, meldete am 25. Oktober, um 0.17 Uhr in einem Post, dass es zu einer Vergewaltigung einer 14-Jährigen in Jena-Lobeda gekommen sein soll. Zwei Flüchtlinge sollen die Tat in brutaler Art und Weise begangen haben.

Polizei Jena verurteilt Gerücht und prüft Anzeige wegen Volksverhetzung

Ein Hinweis, dass es sich hier um ein gezielt gestreutes Gerücht und damit Hetze gegen Ausländer handelt, ergibt sich schon aus einem auffälligen Widerspruch im Beitrag der Seite. Obwohl die Verantwortlichen von „Wir lieben den Saale-Holzland-Kreis“ vorgeben, mit den Eltern des Opfers in Kontakt zu stehen, schreiben Sie, dass sich der Vorfall am „Dienstag oder Mittwoch“ ereignet haben soll. Im Impressum nennt diese Facebook-Seite übrigens keinen Namen, sondern nur eine ominöse „Bürgerinitiative SHK“. Das Blog thueringenrechtsaussen, das nach eigenen Angaben Informationen zur extrem rechten Szene in Thüringen sammelt, hat sich unter anderem mit den Hintergründen der so genannten Bürgerinitiativen„Wir lieben Gera“ oder „Wir lieben den Saale-Holzland-Kreis“ beschäftigt.

Die unbekannten Verfasser des Social-Media-Artikels sprechen davon, dass dieser Vorfall „bewusst totgeschwiegen“ wird: „In der Presse kein Wort darüber zu lesen, kein Wort zu hören, rein gar nichts. Es wird bewusst nicht in die Öffentlichkeit getragen, um Angst und Wut einzudämmen.“ Doch etwaig betroffene Eltern haben sich weder bei uns gemeldet - noch bei der Polizei.

Mit dem Facebook-Gerücht konfrontiert, nimmt Steffi Kopp, Pressesprecherin der Landespolizeiinspektion Jena, Stellung: „Eine solche schwere Straftat fand in Jena definitiv nicht statt. Obwohl derartige Straftaten in der Regel durch Kliniken und Ärzte bei der Kriminalpolizei angezeigt werden, nahm ein Kriminalist heute Kontakt zu mehreren Kliniken auf, um vollständig sicher sein zu können. In keinem Fall ist eine solche Straftat bekannt“, schreibt Kopp und betont: „Es handele sich damit um ein Gerücht, ein sehr übles sogar, das Ängste schürt und Fremdenfeindlichkeit fördert.“ Die Kriminalpolizei prüft nun eine Anzeige wegen Volksverhetzung.

Jede Person, die dieses Gerücht in den Sozialen Medien verbreitet und erklärt, dass es wahr sei, kann sich dabei ebenfalls strafbar machen, wenn der ursprüngliche Facebook-Post von der Staatsanwaltschaft als volksverhetzend eingestuft wird.

Ähnliches Gerücht ohne weitere Anhaltspunkte in Gera

Über den Facebook-Kanal der OTZ Gera meldete sich unlängst ein Bürger, der ungläubig dem Gespräch zweier Mütter auf einem Spielplatz in Gera zuhörte. „Angeblich wurde eine 14-Jährige Asylbewerberin im Wismut-Krankenhaus von mehreren Asylbewerbern vergewaltigt“, schreibt der Leser.

„Wer erfindet denn nur immer solche Geschichten“, fragt sich auch Sebastian Hecker, Pressesprecher der Landespolizeiinspektion Gera. Auf OTZ-Anfrage war dem Sprecher kein Fall einer Vergewaltigung im Bereich oder im Zusammenhang mit der ehemaligen Wismut-Klinik bekannt. Eine zusätzlicher Rücksprache mit den Beamten, die für die Bearbeitung der Straftaten im Bereich Sexualdelikte zuständig sind, bestätigte seine Vermutung. Es gab „keine Anzeigen, was diesen Fall betrifft.“

Eine Anfrage der OTZ an den Urheber der Facebook-Seite „Wir lieben den Saale-Holzland-Kreis“ läuft, blieb bisher aber unbeantwortet.

Zuletzt gab es in Gera, Altenburg oder Pößneck mehrere fremdenfeindliche Demonstrationen von Thügida-Ablegern. Weitere sind angekündigt.

(Anmerkung der Redaktion: Bis zum frühen Abend hat sich der Autor des Gerüchtes auf Facebook nicht geäußert. Gegen 18 Uhr wurde der betreffende Post auf der Facebook-Seite „Wir lieben den Saale-Holzland-Kreis“ sogar entfernt.)

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