Plädoyer der Verteidigung

Weinstein-Anwältin mit Appell an Jury: "Er ist unschuldig"

New York  Harvey Weinstein scheint aufgeregter als sonst. "Sein Leben liegt in ihren Händen", sagt seine Chefanwältin zu den Geschworenen. In ihrem Plädoyer spricht sich nicht von Vergewaltigungsopfern - sondern von Frauen, die vom Filmmogul profitierten.

Harvey Weinstein (Mitte l) in Begleitung seiner Anwältin Donna Rotunno.

Harvey Weinstein (Mitte l) in Begleitung seiner Anwältin Donna Rotunno.

Foto: dpa

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Im Vergewaltigungsprozess gegen Harvey Weinstein hat die Chefanwältin des ehemaligen Hollywood-Moguls die Vorwürfe gegen ihren Mandanten scharf zurückgewiesen.

"Er war unschuldig, als er hier in das Verfahren kam, er war unschuldig, als jeder Zeuge ausgesagt hat, und er ist jetzt gerade unschuldig", sagte Anwältin Donna Rotunno am Donnerstag in ihrem Plädoyer vor dem Obersten Gericht in New York. Die Staatsanwaltschaft habe den Fall nicht zweifelsfrei bewiesen. "Und im Namen Herrn Weinsteins bitten wir Sie, den Mut zu haben, das damit zum Ausdruck zu bringen, dass sie für "nicht schuldig" stimmen".

Gleichzeitig versuchte Rotunno, einer möglichen Vorverurteilung ihres Mandanten entgegenzuwirken und machte Druck auf die Geschworenen. Sie betonte, wie wichtig es sei, dass Weinstein mit den gleichen Maßstäben wie alle anderen Angeklagten behandelt werde: "Sein Leben liegt in ihren Händen", sagte die Anwältin. Der Prozess sei dabei kein "Beliebtheits-Wettbewerb": "In diesem Land sind es unbeliebte Personen, die Jurys am meisten brauchen."

Mehr als 80 Frauen haben Weinstein seit 2017 sexuelle Übergriffe vorgeworfen. In dem Prozess, der seit Anfang Januar läuft, geht es im Kern aber nur um zwei Fälle: Weinstein wird vorgeworfen, 2006 die Produktionsassistentin Mimi Haleyi zum Oral-Sex gezwungen zu haben, eine andere Frau soll er 2013 vergewaltigt haben. Im Falle einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft. Der Prozess gilt als Meilenstein der MeToo-Ära, die von dem Fall ausgelöst wurde.

Die Anklage, so Rotunno weiter, habe die Jury mit ihrer Darstellung der Ereignisse "austricksen wollen". Es sei nicht schlüssig, dass die mutmaßlichen Opfer keine Verantwortung trügen, wenn sie mit Weinstein auf ein Hotelzimmer gegangen seien oder sich von ihm hatten Flüge buchen lassen. Sie appellierte an die Juroren, ihren "gesunden Menschenverstand" zu benutzen und betonte angebliche Widersprüche in den Vorwürfen der Zeuginnen.

Dabei zeigte Rotunno E-Mails und erinnerte an Aussagen von Zeugen, die ihrer Darstellung zufolge das Motiv der Frauen belegten, von Weinsteins Einfluss in der Filmbranche als Schauspielerinnen zu profitieren. Auch nach den mutmaßlichen Sexualverbrechen hätten diese noch ein gutes Verhältnis zu dem Multimillionär gehabt - dies mache nur Sinn, wenn es kein Verbrechen gegeben habe.

In den vergangenen Wochen hatte die Staatsanwaltschaft in dem Verfahren versucht, mithilfe von sechs Zeuginnen in teils drastischer Detailtiefe ein Muster Weinsteins offenzulegen - das eines Mannes, der seine Macht in der Filmindustrie systematisch ausnutzte, um sich junge Frauen gefügig zu machen. Weinstein sei ein Mann, der den Frauen für Sex Karrierehilfe versprochen und sie bei einem Nein zum Geschlechtsverkehr gezwungen und vergewaltigt habe.

Chefverteidigerin Rotunno, am Donnerstag ganz in Schwarz gekleidet, griff die Darstellungen der sechs mutmaßlichen Opfer und vor allem der zwei Hauptbelastungszeugen bei ihrem Plädoyer scharf an. Mimi Haleyi habe über ihr Verhältnis zu Weinstein "gelogen" und nur nach und nach Details zu ihrer Aussage hinzugefügt: "Sie hat sie zu etwas Anderem gemacht, so dass Sie denken, dass er ein schrecklicher Kerl ist".

Der 67-jährige Weinstein streitet die Vorwürfe der Anklage ab und spricht davon, dass jeglicher sexueller Kontakt einvernehmlich gewesen sei. Weinsteins Anwälte hatten im Prozess die Strategie verfolgt, Zweifel an den Zeuginnen zu säen. Insgesamt hatten 28 Zeugen in dem Prozess ausgesagt, von der Verteidigung wurden weitere 7 Personen gehört.

Weinstein selbst, der auf Kaution auf freiem Fuß ist, kam am Morgen wieder gestützt auf seine Gehhilfe in den Gerichtssaal. Er wirkte aufgeregter als bei vorherigen Verhandlungen, drehte sich auf seinem Stuhl und suchte mehrfach den Blickkontakt mit Bekannten im Zuschauerraum. Weinstein hatte selbst nicht ausgesagt, Richter James Burke fragte am Donnerstag noch einmal beim Angeklagten nach, ob das wirklich seine eigene Entscheidung gewesen sei. "Ja", brummte Weinstein.

Die Anschuldigungen gegen den Produzenten, im Herbst 2017 von der "New York Times" und dem Magazin "New Yorker" veröffentlicht und später mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, traten die MeToo-Bewegung los. Überall auf der Welt erkannten viele Frauen und auch einige Männer in der Folge ihre eigenen Geschichten in denen der mutmaßlichen Weinstein-Opfer wieder und begannen, sie unter dem Schlagwort "Me too" ("Ich auch") zu sammeln.

Am Freitag ist die Anklage mit ihrem Plädoyer an der Reihe. Von Dienstag kommender Woche an sollen sich die zwölf Geschworenen dann auf unbestimmte Zeit zu Beratungen zurückziehen, um über Schuld oder Unschuld Weinsteins zu entscheiden.

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