Heimatstuben im Kreis Saalfeld-Rudolstadt sollen nicht im Keller landen

Leutenberg  Kein Geld, wenige Besucher, betagtes Personal: Die Kleinmuseen im Landkreis kämpfen und kontern mit neuen Ideen.

Karola Maier (links) gibt den Vertretern anderer Kleinmuseen und Heimatstuben des Landkreises Erläuterungen zu den Exponaten im Heimatmuseum Leutenberg. Die 68-Jährige unterstützt seit Jahrzehnten die Museumsarbeit; seit 2015 ist sie offizielle Führerin in der 1987 gegründeten Einrichtung. 

Karola Maier (links) gibt den Vertretern anderer Kleinmuseen und Heimatstuben des Landkreises Erläuterungen zu den Exponaten im Heimatmuseum Leutenberg. Die 68-Jährige unterstützt seit Jahrzehnten die Museumsarbeit; seit 2015 ist sie offizielle Führerin in der 1987 gegründeten Einrichtung. 

Foto: Jens Voigt

Eine Schusterwerkstatt unten, eine Film-Abteilung oben, dazu ausgestopfte Tiere, Gesteine, Tinkturen und Salben, Trachten und das betagte Modell eines Kettenkarussells – die kleinen Räume des Leutenberger Heimatmuseums platzen schier vor Exponaten. Und Karola Maier kann zu jedem etwas erzählen. Seit etlichen Jahren führt die 68-Jährige ehrenamtlich durch das Haus, und sie tut es mit ansteckender Begeisterung. Das Problem dabei: Ohne Maier und ihre ebenso alte Kollegin Ursula Darm bliebe das Museum verschlossen.

So geht es vielen der kleinen Museen und Heimatstuben. Gegründet oft in den späten DDR-Jahren und dann in einer zweiten Welle nach der Wende, sind deren Protagonisten wie auch die Einrichtungen selbst in die Jahre gekommen, Nachwuchs nur selten in Sicht und die inhaltliche wie technische Erneuerung schon wegen der schmalen Kassen in den ländlichen Kommunen eine Herausforderung. Peter Fauser, Experte der volkskundlichen Beratungs- und Dokumentationsstelle für Thüringen, spricht von einer „Umbruchsituation“ für die Heimatstuben und Kleinmuseen. Deren Erhaltung hänge meist vom Engagement weniger Einzelpersonen ab, die oft nicht mehr stemmen können, als die Häuser samt Sammlungen einigermaßen offen und reinlich zu halten. Und während der Thüringer Museumsverband die professionellen Häuser wenigstens wieder mit einer Beraterstelle unterstützen könne, blieben die Heimatstuben unter dem Radar. Deren Zahl schätzt Fauser in Thüringen auf irgendwo zwischen 250 und 400 – im Unterschied zu den 230 „richtigen“ Museen fehlt für die Heimatstuben eine verlässliche Statistik. Auch für den Landkreis kann Kreisheimatpfleger Ralf Thun nur jene angeben, die er selbst besucht oder von deren Existenz er mal gehört hat.

Und so war das Vernetzen und Miteinander bekannt werden schon mal ein Grund, weshalb Thun dieser Tage zum Erfahrungsaustausch der ländlichen Museal-Aktivisten nach Leutenberg eingeladen hatte. Zwar mit durchaus merklichen Nuancen versehen, kamen die Schilderungen der Ehrenamtler zu einem ähnlichen Fazit: weithin kein Geld für neue Exponate oder frische Präsentation, oft nicht einmal für das Inventarisieren und Katalogisieren der Sammlungen, kaum Nachwuchs, immer weniger Besucher, auch weil es an Gastronomie in oder nahe der Kleinmuseen fehlt. Weil Wirte von deren Besuchern allein nicht leben können und Touristen noch immer ein eher rares Klientel sind. Die wiederum wegen Omas gesammelten Hausrat allein auch nicht kommen, falls sie denn überhaupt von den Heimatstuben gehört haben, die mit ihren beschränkten Werbemöglichkeiten kaum durchdringen. Und so weiter.

Sterbebegleitung für Kleinmuseen ist Thema

Tatsächlich sieht Ralf Thun den Abwärtstrend so weit fortgeschritten, dass auch die Sterbebegleitung von Kleinmuseen oder heimatgeschichtlichen Sammlungen ein Thema ist. „Wird irgendwo geschlossen, sind Exponate und Dokumente ganz schnell in alle Winde verstreut“, meint Thun. Dann gehe ein Stück Heimatgeschichte oft unwiederbringlich verloren. Im vorigen Jahr erlebte der Kreisheimatpfleger so einen Fall: Nach dem Tod des Katzhütter Heimatforschers Werner Kräußel war dessen Sammlung von einem Schwager im Keller verwahrt worden, der diese Platzeinschränkung – immerhin sechs große Umzugskartons – nicht dauerhaft hinnehmen mochte. Thun übernahm die Kartons in seinen Keller, sichtete und verkaufte einen Teil der Stücke – und überließ die wirklich wertvollen Fotos, Akten und Druckplatten schließlich dem Heimatmuseum Katzhütte. Fast alle Kleinmuseen, so Thun, hätten mit Platzmangel zu kämpfen, desgleichen die Archive. Seit gut zwei Jahren versuche er, den Landkreis zur Schaffung von Platzreserven für bedrohte Sammlungen zu überzeugen – bislang vergebens.

Lieber Ideen liefern, statt weiter zu klagen

„Was nicht klappt, wissen wir alle“, setzt Simon Egger nach gut einer Stunde seinen Kontrapunkt. Der 61-jährige Schweizer hat mit seiner Frau die alte Schule in Reitzengeschwenda erworben und baut sie zum Alterssitz um. Mit anderen Mitstreitern im Förderverein will er nun dem Volkskundemuseum frisches Leben einhauchen. Das wird zwar vom Land wenigstens mit 21.000 Euro bezuschusst, um die halbe Stelle der Leiterin zu halten. Aber damit das Haus attraktiv halten, Führungen erledigen, die Kasse besetzen, vielleicht noch Imbiss anbieten? „Einfach unmöglich“, findet Carmen Reber, die gleichfalls dem Förderverein angehört. Der will mit Events wie Museumsfest, Oster- und Weihnachtsmarkt Besucher locken und auch das Haus selbst erneuern, dessen Einrichtung über den Gründungsstand von 1983 kaum hinausgekommen sei.

Während Reber meint, dass der Fortbestand des Museums nicht allein dem Ehrenamt überlassen bleiben dürfe, verweist Egger darauf, das nun immerhin die Finanzierung für die nächsten anderthalb Jahre gesichert sei und man vom Museumsverband „sensationelle Unterstützung“ erfahre, etwa beim elektronischen Erfassen des Inventars. Er, betont Egger, würde statt weiterer Klagen lieber von Ideen hören, die den dörflichen Museen helfen könnten.

Die finden sich in der zweiten Stunde des Erfahrungsaustauschs tatsächlich. Ausgehend von der gemeinsamen Beobachtung, dass bloßes Anschauen nicht reicht und über die Kinder auch die Erwachsenen wieder ins Museum zu kriegen sind, regt Michael Rahnfeld vom Schieferpark Lehesten an, dass die Häuser selbst Ideen und Fragestellungen entwickeln sowie an die Schulen geben, damit Schüler ihre Seminarfach- oder andere Projektarbeiten mit beziehungsweise in den Museen und Heimatstuben umsetzen. Sie würden immer dann mehr und auch neue Besucher zählen, wenn sie neue Sonderausstellungen organisieren, berichten Marleen Zabel und Silvia Scherf vom Reichmannsdorfer „Rotschnabelnest“. Gerade die jüngste mit Schneekugeln und Spieluhren sei ein richtiger Magnet. Die würde sie gern in Reitzengeschwenda zeigen, am besten im Sommer, wendet Carmen Reber ein. Woraus am Ende der Vorschlag wird, nicht nur die Informationen über zumindest das jeweils prägende Inventar miteinander auszutauschen, um interessantere Schauen zu gestalten – wie neulich, als die uralten Schulbänke der Schweinbacher Heimatstube die historischen Klassenfotos in der Weißen Schule von Schwarza ergänzten. Sondern auch ganze Ausstellungen durch den Landkreis wandern zu lassen. Und noch ein weiteres Stückchen Hoffnung auf Besserung gibt Thun den Museums-Enthusiasten mit: Im nächsten Heimatkalender des Landkreises sollen ihre Häuser vorgestellt werden.