„Crystal nimmt dir alles“ – Eine Betroffene berichtet in Zeulenroda-Triebes

Zeulenroda-Triebes  Christine war 20 Jahre von der Drogen Crystal Meth abhängig. Seit zwei Jahren ist sie clean. Nun spricht sie vor Schülern und warnt eindringlich.

Die in Zeulenroda-Triebes aufgewachsene Christine spricht vor Schülern des Förderzentrums über ihre langjährige Abhängigkeit von der Droge Crystal Meth. Von Bekannten von früher, die noch hier leben, weiß sie: Die Drogen bekommt man heute einfacher als je zuvor.

Die in Zeulenroda-Triebes aufgewachsene Christine spricht vor Schülern des Förderzentrums über ihre langjährige Abhängigkeit von der Droge Crystal Meth. Von Bekannten von früher, die noch hier leben, weiß sie: Die Drogen bekommt man heute einfacher als je zuvor.

Foto: Norman Börner

Nachdem Christine* den ersten Teil ihrer Geschichte beendet hat, müssen sich die Schüler die Tränen aus den Augen wischen. Viel haben sie in den vergangenen Wochen gehört. Über Wirkungen, Aussehen und Gefahren von illegalen und legalen Drogen. Doch das, was die heute 37-Jährige zu erzählen hat, trifft die Jugendlichen bis ins Mark. Es ist die Geschichte von einer zwei Jahrzehnte dauernden Abhängigkeit. 20 Jahre war Christine abhängig von der Droge Crystal Meth. Sie verlor alles. Ihre Tochter, ihr Lächeln und am Ende fast noch ihren Verstand. „Crystal nimmt dir alles“, sagt sie heute. Daher möchte sie die jungen Leute eindringlich warnen.

Aus Euphorie wird irgendwann Paranoia

Denn am Anfang, da sei alles ganz locker gewesen. Damals als junges Mädchen mit 16 Jahren in Zeulenroda-Triebes. Christine geht gerne mit Freunden feiern. In Techno-Clubs nach Jena oder in den damals ebenfalls noch blutjungen und heute legendären Club Muna in Bad Klosterlausnitz zieht es die Clique. Eine Einstiegsdroge gibt es für Christine nicht. Cannabis oder Alkohol sind uninteressant. Doch die erste Bahn des kristallinen Heilsversprechens packt sie auf der Stelle. „Es war der Wahnsinn! Du warst euphorisch und konntest stundenlang tanzen“, sagt sie.

Jahre später ist die Euphorie der Paranoia gewichen. Aus durchtanzten Nächten unter Freunden wurde tagelanges Wachsein, alleine in der Wohnung.

Die Schüler des Förderzentrums in Zeulenroda-Triebes sind ungefähr im selben Alter wie Christine damals, als sie anfing, zu konsumieren. „Wer von euch hat denn schon mal Alkohol getrunken?“, fragt Lehrerin Anett Richter. Die Klasse erzählt offenherzig von den Erfahrungen. Während eine Schülerin sagt, selbst das Glas Sekt zum Geburtstag abzulehnen, sind für einen anderen Schüler einige Klopfer und Biere am Samstag Standard. „Das gehört zu einer Party doch dazu“, sagt er. Mit Crystal habe er allerdings noch keinen Kontakt gehabt.

Doch, dass ihm die Substanz früher oder später bei Bekannten oder auf Partys begegnen wird, ist nicht unwahrscheinlich, sagt Franziska Markert vom Jugendverein Römer in Zeulenroda-Triebes. „Die Droge verbreitet sich rasant und die Konsumenten werden immer jünger“, sagt sie. Manche Jugendlichen würden es aus Neugier probieren, oft aber auch, um Probleme zu verdrängen.

So geht es auch Christine irgendwann. Sie fliegt von zuhause raus. Mit 17 wird sie vergewaltigt. Ihre Lehre schafft sie trotzdem mit einer Zwei. „Ich war damals immer Arbeiten und habe funktioniert“, sagt sie. Denn Methamphetamin – so die chemische Bezeichnung – unterdrückt Müdigkeit, Hungergefühl und Schmerz.

Und wenn die schlechten Erfahrungen doch mal eine Lücke finden und sich in ihrem Kopf breit machen, vertreibt die Bahn Crystal diese Dämonen zuverlässig. Im Jahr 2002 kommt ihre Tochter zur Welt. Während der Schwangerschaft konsumiert sie nicht, sagt sie. Doch nach der Geburt ihrer Tochter geht es weiter wie zuvor. „Mitunter war ich 14 Tage wach und habe mich nur von einer Packung Toastbrot ernährt“, sagt sie. Da Crystal-Konsumenten schnell eine Toleranz gegenüber dem Stoff entwickeln, brauchen sie immer größere Mengen. Eine durchschnittliche Konsumeinheit bei nasaler Aufnahme liegt zwischen fünf und 25 Milligramm. Die Wirkung hält bis zu zwölf Stunden an. Christine brauchte bis zu zwei Gramm pro Tag.

Ihre Freunde und Bekannten damals? „Alles Drogenleute!“, sagt sie. Feste Jobs hat sie selten. Und wenn, dann nicht lange. Stattdessen geht sie gelegentlich schwarz auf Baustellen arbeiten oder klaut – sogar bei ihrer Tochter. Eines Tages steht sie vor der aufgebrochenen Wohnungstür. „Das Jugendamt hatte meine Tochter geholt“, sagt sie. Zu diesem Zeitpunkt beschließt sie, zum ersten Mal zur Suchtberatung zu gehen. Vor zwei Jahren.

„Viele Abhängige kommen oftmals erst nach einiger Zeit des Konsums – wenn bereits Probleme auftreten, wie Führerscheinverlust, Arbeitsverlust, familiäre Probleme, Schulden oder Beschaffungskriminalität – in unsere Beratungsstelle, wenn überhaupt“, sagt Babette Zimmer, die in der Suchtberatung der Diakonie in Greiz arbeitet. Sie erfährt täglich, dass Konsum im Landkreis seit ein paar Jahren spürbar zunimmt.

Doch die Folgen der Substanz zeigen sich nicht nur im sozialen Leben. Es können auch Gewichtsverlust, Schäden an Magen, Leber und Nieren, Herzrhythmusstörungen auftreten sowie faulende Zähne, Hautausschläge und schwere Schlafstörungen.­ Zudem wirkt Crystal stark neurotoxisch – es zerstört Nervenzellen des Gehirns, ohne dass sie sich regenerieren können, was zu einem extrem schnellen körperlichen Verfall beiträgt. Außerdem erreicht die Substanz im Belohnungszentrum des Gehirns eine extrem schnelle Wirkung und hohe Konzentration.

Nach jahrelangem Konsum wieder ins Leben zurück zu finden, sei nach jahrelangem Missbrauch besonders schwierig, sagt Markert. „Es gibt Leute, die ihre dritte Therapie hinter sich haben und immer wieder in alte Muster zurückfallen. Auch weil nach der Klinik das gleiche Umfeld wie vorher wartet“, sagt sie.

Christine kann davon ein Lied singen. Abgemagert bis auf die Knochen, nur noch drei Zähne im Mund und mit ihren körperlichen Kräften am Ende lässt sie sich zur Entgiftung einweisen. „Doch die eigentliche Herausforderung war die Therapie. Weil da alles hochkommt, was man jahrelang verdrängt hat“, sagt sie. Nach 20 Jahren Konsum haben die Ärzte wenig Hoffnung, dass sie es im ersten Versuch schafft – beziehungsweise überhaupt jemals wieder clean wird. Doch Christine schafft es.

Heute lebt sie in Bayern und arbeitet in einer Bäckerei. „Ich stehe jeden Tag um 3 Uhr auf. Und es macht mir nichts aus“, sagt sie. Sie ist stolz darauf, ihr eigenes Geld zu verdienen. Sie hat einen festen Partner. Kürzlich hat das Paar einen Garten gepachtet, in den sie viel Freizeit stecken. „Wir haben ein stinknormales Leben. Aber uns schmeckt es“, sagt sie.

„Ich habe 20 Jahre meines Lebens verschenkt“

Doch sie weiß auch, dass sie aufpassen muss. „Die Kontakte von früher musste ich alle abbrechen“, sagt sie. Zu groß sei die Angst vor der Versuchung. Als sie ihre Geschichte fertig erzählt hat: Applaus und versöhnliche Gesichter unter den Schülern. Christine hat die Kurve bekommen. Trotzdem habe sie 20 Jahre ihres Lebens verschenkt. Verschenkt an ein trügerisches Abbild von Selbstvertrauen und Glück. Was blieb war eine zur Unkenntlichkeit verzerrt Fratze des Todes. Deshalb warnt sie: „Egal, wie scheiße es euch geht, rührt das Zeug niemals an. Ihr kommt da nicht wieder raus.“

*Name von der Redaktion geändert

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