Studie

Warum Lkw häufig zur tödlichen Gefahr für Fußgänger werden

Berlin.  Unfallforscher fordern den Einbau neuer Notbrems-Einrichtungen bei Lkw. Für Fußgänger werden die Lastwagen in Städten zur tödlichen Gefahr.

Todesfalle Lkw: Was Unfallforscher jetzt fordern
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Unfallforscher sehen schwere Versäumnisse bei der Sicherheitstechnik in Lkw, die in Innenstädten für Fußgänger zur tödlichen Gefahr werden können. „Es gibt bislang keinen technischen Assistenten, der beim Anfahren der Lkw Kollisionen von Fußgängern mit der Front der Lastwagen effektiv verhindert“, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer in Deutschland.

Er fordert Lkw-Hersteller auf, einen Anfahrstopp-Assistenten in die Fahrzeuge einzubauen, um Unfälle zu vermeiden und Leben zu schützen.

Unmittelbar vor dem Lkw stehende Fußgänger werden beim Anfahren überrollt

Es ist ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, der an diesem Tag über Tod und Leben entscheidet. Halb auf der Straße, halb auf dem Gehweg hat der Lkw-Fahrer sein mehr als 12 Tonnen schweres Lieferfahrzeug abgestellt und Ware abgeladen. Der nächste Termin wartet, die Zeit drängt.

Eilig klettert der Fahrer ins Führerhaus, startet den Motor und blickt in den Rückspiegel – in den Frontspiegel, der den Bereich vor dem Fahrzeug sichtbar macht, schaut er nicht. Der Lkw rollt los, erfasst den Fußgänger, der unmittelbar vor dem Fahrzeug stand. Der ältere Mann wird überrollt, er stirbt noch an der Unfallstelle.

Das tragische Unglück hat sich so oder in ähnlicher Art und Weise in mehreren deutschen Innenstädten ereignet. Ein typischer Unfallhergang, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer in Deutschland. Ein Unglück, aufgezeichnet in den Protokollen der Polizei, abgelegt in den Datenbanken der Versicherer.

Eine aktuelle Auswertung dieser Fälle alarmiert nun die Unfallforscher. Sie sehen Versäumnisse bei der Sicherheitstechnik in schweren Lastwagen, die täglich durch die Innenstädte manövrieren: „Es gibt in den Lkw bislang keinen technischen Assistenten, der beim Anfahren Kollisionen von Fußgängern mit der Front der Lastwagen effektiv verhindert“, sagt Brockmann. „Das muss sich ändern.“

54 Fußgänger starben im vergangenen Jahr bei Unfällen mit einem Lkw

Dass schwere Lkw in Innenstädten zur tödlichen Gefahr werden können, kannte man bislang aus Unfällen mit Radfahrern. Die Studie der Versicherer hat nun ergeben, dass Fußgänger gleichermaßen gefährdet sind, allerdings ist die Konstellation eine andere: „Radfahrer kollidieren vor allem mit abbiegenden Lkw, Fußgänger vor allem mit der Front des Lkw, wenn dieser anfährt“, sagt Brockmann.

Doch anders als beim Abbiegenwie technik für lkw unfälle mit fahrrädern verhindern soll gebe es beim Anfahren kein Sicherheitssystem, das Leben schützt.

  • Hintergrund: Warum Abbiegeassistenten an Lastwagen Leben retten können

Laut Unfallforscher sind 2018 von den im Straßenverkehr getöteten 458 Fußgängern 54 bei einem Unfall mit einem Lkw zu Tode gekommen. Auf dem Rad starben 445 Menschen, 52 davon bei Unfällen mit Lkw.

Auch ein Vergleich der Zahlen für Lastwagen über zwölf Tonnen, die bei Radfahrern überwiegend für tödliche Unfälle verantwortlich sind, zeigt die Ähnlichkeit des Problems: Nach den letzten verfügbaren Zahlen aus 2015 wurden 49 Fußgänger und exakt genauso viele Radfahrer bei Kollisionen mit solchen schweren Lkw getötet, heißt es in der Studie.

Hauptgefahr: Stop-and-Go-Verkehr und überraschendes Anfahren von Müllfahrzeugen

„Unsere Auswertung zeigt, dass die Verletzungsschwere bei Fußgängern und Radfahrern ähnlich ist“, sagt Brockmann, „die Unfallabläufe aber unterscheiden sich deutlich.“ Die für manche überraschende Erkenntnis sei: Radfahrer werden meist geradeaus fahrend von einem abbiegenden Lkw erfasst. Fußgänger hingegen kollidieren vor allem frontal oder werden seitlich von einem Lastwagen erfasst, der geradeaus fährt.

In der Auswertung der Unfälle stießen die Forscher auf das, was sie als das wesentliche Problem bezeichnen: das für den Fußgänger überraschende Wiederanfahren von Lastwagen, wie es zum Beispiel im Stop-and-Go-Verkehr der Städte oder bei Müllfahrzeugen in den Wohnvierteln jeden Tag zu beobachten sei. „Vielen Menschen fehlt die Vorstellung, dass dieser Lkw, in dessen unmittelbarer Nähe sie stehen, plötzlich losfahren könnte“, sagt Brockmann.

Gardinen an der Frontscheibe versperren die Sicht auf den Frontspiegel

Auch die Fahrlässigkeit von Lkw-Fahrern lasse die Unfallrisiken steigen. „In vielen Fällen haben Fahrer im Führerhaus Sichtbehinderungen wie Gardinen, Laptops oder Namensschilder installiert“, berichtet Brockmann. „Das ohnehin schon schlechte Sichtfeld auf den Bereich unmittelbar vor ihrem Fahrzeug sowie die Sicht auf den Frontspiegel wird so noch weiter eingeschränkt.“

Angesichts der tödlichen Unfälle schlagen die Forscher ein Maßnahmenpaket vor. „Fußgänger müssen in öffentlichen Kampagnen daran erinnert werden, dass Fahrer aus dem Lkw heraus nach unten nur ein eingeschränktes Blickfeld haben“, sagt Brockmann. Wichtig sei auch das Training der Fahrer: Diese müssten grundsätzlich vor dem Anfahren in den Frontspiegel schauen, der diesen Bereich sichtbar macht.

Tiefer gesetzte Führerhäuser und verbesserte Notbremstechnik

Aus Sicht der Unfallforscher aber sind insbesondere Lkw-Hersteller und der Bund gefordert. „Tiefergesetzte Führerhäuser, wie sie jetzt etwa vor allem in Berlin in neuen Müllfahrzeugen verfügbar sind, könnten Unfälle verhindern, da sie eine direkte Sicht gewährleisten“, sagt Brockmann.

Im Mittelpunkt steht für ihn die Notbremstechnik, die nun dringend so optimiert werden müsse, dass sie nicht nur Fußgänger sicher erkennt, sondern auch das Anfahren verhindert, wenn sich ein Fußgänger oder Radfahrer im kritischen Bereich befindet: „Alle dafür wichtigen Sensoren sind in den Fahrzeugen bereits vorhanden. Was bislang fehlt, ist die Software.“

Die Hersteller müssten das jetzt zügig entwickeln, der Bund müsse sich international für eine Verpflichtung einsetzen, fordert Brockmann. Damals, als über den verpflichtenden Einbau vonAbbiegeassistentendebattiert wurde, sei zu lange gezaudert worden, sagt er. „Das darf sich nicht wiederholen“.

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