Wie Jena im ZDF zur Stadt der Angst wurde

Die ZDF-Sendung "aspekte" hat mit einem Fernseh-Beitrag über Rechtsextremismus im thüringischen Jena scharfe Kritik bei den Zuschauern ausgelöst. Zahlreiche Thüringer beschwerten sich daraufhin in einem offenen Brief über die undifferenzierte Berichterstattung. Im Gegenzug versucht Schriftsteller Uhly nun, sich und den Sachverhalt zu erklären.

Steven Uhly, Schriftsteller, in der ZDF-Sendung "aspekte" am Bahnhof Jena-Paradies. Fotos: ZDF

Steven Uhly, Schriftsteller, in der ZDF-Sendung "aspekte" am Bahnhof Jena-Paradies. Fotos: ZDF

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Ich habe mit "Adams Fuge" ein Buch geschrieben, in dem ein V-Mann des Verfassungsschutzes vorkommt. Er ist in der rechtsradikalen Szene von Dresden aktiv, läuft insgeheim zu den Nazis über und entwickelt ein Computerspiel, in dem es darum geht, die in Deutschland lebenden Türken zu ermorden.

Eine Fiktion, gewiss, aber durch den Terrorismus des NSU hat der Stoff eine gewisse Aktualität erhalten. Offenbar hat sich sonst kaum jemand damit beschäftigt, dass die rechtsradikale Szene in Deutschland immer noch dem Vernichtungsgedanken des Dritten Reichs nachhängt.

Als Autor dieses Buches wurde ich von der Redaktion Aspekte des ZDF nach Jena eingeladen. Zunächst sollte es Zwickau sein, aber dann wurde ich darüber informiert, man habe in Jena zwei interessante Persönlichkeiten ausfindig gemacht, mit denen ich zusammentreffen solle. Es gab ein telefonisches Vorgespräch, mit dem ich zufrieden war, weil man mir zuhörte. So stieg ich früh in den Zug und kam um elf Uhr an.

Noch nie in meinem Leben war ich in Jena gewesen, Jena-Paradies war bis dahin nur ein Bahnhof auf dem Weg nach Berlin. Nun aber stieg ich hier aus und stellte schnell fest, dass ich nicht warm genug angezogen war. Die meiste Zeit des Tages verbrachte ich deshalb fröstelnd.

Nach meinem Treffen mit dem TV-Team ging es ins historische Stadtzentrum zum Kaffee-Trinken. Jena, das erkannte ich schnell, war eine typische mittelgroße deutsche Stadt. Es gab keinen Anlass, vor irgendetwas Angst zu haben. Nach dem Kaffee fuhren wir zum Bahnhof zurück, um meine Ankunft zu drehen. Auf dem Weg dorthin schlug das Kamerateam, das aus Dresden angereist war, den Westbahnhof vor, denn der lag näher. Aber das Aspekte-Team wollte Jena-Paradies, wegen der Bezeichnung: Paradies.

Dort angekommen, wurde ich gebeten, mehrmals die Treppe vom Bahnsteig herunter zu kommen. Anschließend sollte ich unter dem Schild Jena-Paradies entlanglaufen und kurz stehen bleiben. Später wurde dann genau in dieser Szene der Satz aus dem Off ergänzt: "für Leute mit Migrationshintergrund kein Paradies".

Mein Vater ist Bengale, meine Eltern lernten sich in London kennen, als meine Mutter schwanger wurde, kehrte sie allein zurück. Ich bin als Deutscher unter Deutschen in Köln geboren und aufgewachsen, und war dort während meiner gesamten Kindheit immer wieder rassistischen Anfeindungen ausgesetzt, weil ich anders aussah. Als ich größer wurde, zu groß, um gefahrlos diskriminiert zu werden, wurden die Reaktionen subtiler und es kam ein positiver Rassismus hinzu, der genau so unangenehm war.

Dann fiel die Mauer, und im Januar 1990 fuhr ich mit einer Freundin in einem großen Audi 100 bei Helmstedt über die Grenze, um endlich die DDR kennen zu lernen. Unser Auto erregte Aufmerksamkeit, vermutlich auch unser Verhalten.

Was uns aber besonders auffiel, war die Freundlichkeit der Menschen. Ich war damals ganz beseelt von dieser Freundlichkeit, denn es kam mir so vor, als hätten wir im Westen über all unserem Wohlstand etwas Wesentliches verloren.

Doch dann begann die Zeit, in der ständig Berichte über rechtsradikale Gewalttaten in Deutschland zu hören und zu sehen waren: Rostock, Hoyerswerda, Solingen, Mölln.

Im Westen gab es Lichterketten, und ich erlebte, wie sich die Zivilgesellschaft vom Generalverdacht, darin verwickelt zu sein, befreite. Während die Politiker eine eher klägliche Rolle spielten, veränderte sich das Land, die Menschen lernten sich selbst kennen - und die meisten wussten jetzt: Ich bin kein Täter, denn so etwas würde ich nie tun.

Das hat West-Deutschland gut getan, und Menschen wie ich haben es gespürt als eine große Erleichterung, die durch die Bevölkerung ging. Genau deshalb fühle ich mich inzwischen sicherer im Westen als früher, obwohl mir bewusst ist, dass es eine Menge "Kontinuitäten" gibt, über die nicht ausreichend nachgedacht wird.

Ich habe Angst, mich im Osten frei zu bewegen

Damals begann meine Angst vor dem Osten, und diese Angst hält bis heute an. Denn im Osten verlief die Entwicklung anders. Als ich Ende der 90er-Jahre in der Zeitung las, die lokale Polizeibehörde rate ausländisch aussehenden Menschen davon ab, die Bahnstrecke zwischen Leipzig und Berlin zu benutzen, weil man dort ihre Sicherheit nicht garantieren könne, verlor ich gänzlich das Bedürfnis, dorthin zu reisen. Und vor ein paar Tagen las ich in der Zeitung, dass im Osten fünfmal mehr Menschen von Rechtsradikalen ermordet worden sind als im Westen.

An dieser Stelle des ersten Interviews vor dem Bahnhof Jena-Paradies sagte ich, ich hätte einfach Angst, mich im Osten frei zu bewegen. Durch die Verkürzung auf diesen einen Satz wurde der Beitrag auf ein negatives Gefühl zugespitzt.

Nach der Bahnhofs-Szene ging es zu Pfarrer Lothar König. Als König mich begrüßte, fragte er sofort, wo ich her sei. "Aus Köln", antwortete ich, aber das war ihm nicht genug. So musste ich also meine Eltern ausweisen. Daraufhin sagte er: "Ah, Bengale bist du" - und ich widersprach: "Nein. Ich bin Deutscher."

Wir gingen in sein Büro und gerieten sehr schnell in einen vorsichtigen Schlagabtausch. Ich gestehe, dass ich mich unwohl fühlte, denn ich hatte das Gefühl, ins Westdeutschland der 70er Jahre zurückversetzt worden zu sein. König ging von einer Spaltung der Gesellschaft in Links und Rechts aus und zog die Bezeichnung "Mitte" radikal in Zweifel. Ich konnte diese Meinung nicht teilen. Unsere Diskussion war intensiv und ironisch, wir tasteten einander ab.

Das Fernsehteam unterbrach uns, um König zu interviewen. Im Beitrag sieht es dann so aus, als hätte ich ihm all die Fragen gestellt, auf die er antwortet, aber in Wahrheit saß ich nur dabei und hörte zu.

Das Team fragte ihn, ob an dem, was ich in meinem Roman erzähle (V-Mann, der zu den Nazis überläuft) überhaupt etwas dran sei. Er sagte: "Das ist die Realität." Dann ging er einen Schritt weiter: "Der Verfassungsschutz macht sich inzwischen gar nicht mehr die Mühe, V-Leute auszubilden. Stattdessen kaufen sie hohe Nazi-Funktionäre. Sie geben ihnen viel Geld, damit die ihnen Informationen liefern. Und was für Informationen können das schon sein, die ein Nazi gibt? Jedenfalls nichts, was von Bedeutung ist."

Mein nächster Gesprächspartner sollte ein NPD-Aussteiger namens Uwe Luthardt sein. Ich fror immer noch, inzwischen aber vor allem vor Hunger. Wir unterhielten uns, als die Kamera ausgeschaltet war. Anschließend wurde er interviewt und gab seine Statements ab.

"Was machst du hier? Du bist doch Führer."

Wir befanden uns in einem Döner-Laden. Plötzlich kam ein bulliger Türke auf unseren Tisch zu und sagte zu Uwe Luthardt: "Was machst du hier? Du bist doch Führer." Luthardt erklärte ihm, er sei ausgestiegen, aber der andere schien es nicht richtig zu glauben. Er blickte uns an und sagte: "Wissen Sie, mit wem Sie da zusammen sind?" Wir erklärten ihm den Grund unserer Anwesenheit. Das Fernsehteam lud ihn ein, vor der Kamera zu sprechen, aber er lehnte ab.

Von Luthardt erfuhr ich, dass sich beide schon seit längerem kannten. Der Türke sei in Wahrheit kein Türke, sondern Kurde und früher bei der PKK gewesen, bevor diese verboten wurde. Die Leute vom Fernsehteam starrten mich ungläubig an, denn auch diese Konstellation kommt in meinem Roman vor.

Eine der beiden Redakteurinnen, eine Deutsch-Türkin, unterhielt sich länger mit dem türkischen Besitzer und anderen Männern. Später kam sie zu uns und erzählte amüsiert, die Männer hätten gesagt, sie hätten überhaupt keine Angst. Als sie aber gefragt habe, ob sie das auch vor der Kamera sagen würden, hätten alle abgewiegelt. Sie hätten Familie und Kinder, das müsse sie verstehen.

Im Interview betonte Luthardt, die V-Leute seien Nazis. Er plädierte wiederholt für ein Verbot der NPD, damit dieser Geldfluss vom Staat in die rechte Szene aufhört.

Nach dem Gespräch kam ich noch einmal zu Wort. Mich hatte die ganze Zeit die Frage beschäftigt, was Fiktion denn ist, wenn sie uns in die Lage versetzt, Dinge sichtbar zu machen, bevor sie sich in der Wirklichkeit zeigen. Es heißt für mich, dass "Fiktion" keineswegs mit "frei erfunden" gleichgesetzt werden darf. Vielmehr fügt sich hier Bewusstes mit unbewusstem Wissen zusammen, und das ermöglicht oftmals eine Komplexität, zu der wir im Alltag nicht fähig sind. Mit anderen Worten: Ich sprach vor der Kamera als der Romanschriftsteller, als der ich glaubte, nach Jena eingeladen worden zu sein. Das war es, was ich beisteuern konnte: Autor eines Buches zu sein, in dem es darum geht, wie Radikalismus, Polarisierung und Schwarz-Weiß-Denken immer in zwischenmenschliche Sackgassen führt, sei es in der Familie, in der Gesellschaft oder zwischen Staaten.

Zum Abschluss fuhren wir zum "Braunen Haus", das in einem malerischen Viertel von Jena liegt. Auf der Fahrt erzählten sich die Leute vom Fernsehteam, die Nazis würden dort Leute filmen und registrieren. Daraufhin weigerte ich mich auszusteigen. Das wurde hingenommen.

Wir fuhren zurück nach Jena-Paradies. Es war 16.30 Uhr, wir hatten fünfeinhalb Stunden ununterbrochen gefilmt. Ich ging ein paar Mal die Treppe zum Bahnsteig hinauf. Die Off-Stimme im Film sagte dann später, ich führe erleichtert zurück. Das hatte ich zwar nicht gesagt, aber es traf zu, weil der lange Dreh vorbei war .

Eine letzte Frage, die mir gestellt wurde, lautete: "Was haben Sie Neues gelernt?" Ich überlegte und sagte: "Nicht viel, ehrlich gesagt, vieles wusste man ja schon."

Damit meinte ich die rechtsradikale Szene. Dann die letzte Frage. Nein, mein Bild vom Osten hatte sich nicht verändert, es (das Bild!) war ja auch nicht so schlimm gewesen. Angst ist eben kein Bild, sondern nur ein Gefühl.

Der Fernsehbeitrag hat Angst zu einem Bild von Jena gemacht, und Jena mit dem ganzen Osten gleichgesetzt. Ich selbst, mit meinem Migrationshintergrund, stehe da wie ein potenzielles Opfer. Der Beitrag reitet so sehr darauf herum, dass ich den alten positiven Rassismus Westdeutschlands wiedererkenne. Er hat sich modernisiert - wirklich gewandelt hat er sich jedoch nicht.

Auf das suggestive Spiel der Bilder und der Off-Stimme achtete ich nicht

Als der Beitrag ausgestrahlt wurde, fiel mir das zuerst nicht weiter auf. Ich sandte beiden Redakteurinnen eine SMS und gratulierte ihnen. Ich wäre niemals auf den Gedanken gekommen, dass man darin eine Diffamierung Jenas oder gar des ganzen Ostens sehen könnte, denn darum war es ja beim Dreh nie gegangen.

Der Beitrag beschäftigte sich meines Erachtens mit Rechtsradikalismus. Auf das suggestive Spiel der Bilder und der Off-Stimme achtete ich nicht. Erst durch die wütenden Reaktionen vieler Jenaer wurde mir klar, dass man den Beitrag so verstehen kann. Erst später erkannte ich, dass der Film so wirkt, als hätte alles ich erlebt und gesagt. Dabei war fast nichts übrig geblieben und es waren Dinge hinzugekommen, die ich nie gesagt hatte. Ich habe kein "Bild" vom Osten und würde niemals den Ausdruck "ostdeutsche Angstzone" verwenden.

Ich bleibe dabei: Meine Grunderfahrung im Osten, im Januar 1990, war die Freundlichkeit der Menschen.

Und auch dabei bleibt es: Ich habe Angst, den Osten zu bereisen, obwohl ich ihn gerne kennen lernen würde. Es stimmt: In Jena hatte ich keine Angst. Es war heller Tag, wir bewegten uns im Zentrum oder im Auto. Aber würde ich allein die Stadt erwandern? Könnte ich problemlos in die Vororte gehen, allein aufs Land fahren? Vielleicht, aber ich würde es nicht riskieren.

Was, wenn ich durch Zufall auf eine Gruppe von Neonazis treffe? Im Westen ist mir das noch nie passiert. Woher soll ich wissen, wie das im Osten ist? Der Osten ist immer noch ein fremdes Land für mich, den Wessi. Was ist mit den Medienberichten über ausländerfreie Zonen, über Hetzjagden auf Ausländer, die in aller Öffentlichkeit stattfanden, ohne dass jemand eingriff? Was ist mit der Tatsache, dass die NPD in sämtlichen Ostländern außer in Berlin und Brandenburg mindestens 4 Prozent der Stimmen erreicht hat in den letzten Landtagswahlen, während sie in den Westländern höchstens knapp über 1 Prozent gekommen ist?

Sicher, die Wahlbeteiligung im Osten ist sehr gering gewesen, so dass die absoluten Zahlen der NPD-Anhänger in etwa mit den Zahlen im Westen übereinstimmen. Aber warum gehen die Leute nicht wählen?

Gerade die große Zahl von Menschen, die sich nicht am demokratischen Prozess beteiligen, macht mir den Osten unkenntlich. Ich bleibe lieber im Westen, und ich kenne eine Menge Leute, denen es ähnlich geht.

Ich bin von den Autoren des Beitrags auf diese Angst reduziert worden. Es tut mir leid für die Stadt Jena, dass sie auf äußerst suggestive Weise so negativ dargestellt wird. Es ärgert mich, dass ich nun Bestandteil eines so einseitigen Fernseh-Beitrags bin und es anfangs nicht wahrnahm.

Was bleibt, ist eine weitere unangenehme Episode deutsch-deutscher Verwerfungen. Es ist in meinen Augen der immer selbe Mechanismus, der hier zum x-ten Male ausgelöst wurde: Wessis, die nicht genau genug hinsehen, und Ossis, die sich so verkannt fühlen.

Es ist ein Täter-Opfer-Mechanismus, dessen Ursachen vermutlich in der Art und Weise liegen, wie die Wiedervereinigung zustande gekommen ist: eben nicht als Vereinigung, sondern als Beitritt.

Erboste Leute haben mein Buch auf Amazon mit Negativ-Kommentaren überzogen, einer nannte mich einen "kleinen Nazi", ein anderer empfahl mein Buch zur Verbrennung. Amazon hat diese Kommentare gelöscht. Aber ich frage mich: War das, was man im Fernsehen sah, so schlimm, dass es gerechtfertigt ist, mich zu diffamieren und zu dämonisieren? Was sind das für Menschen, die sich nun zum Pöbel machen? Rechtsradikale offenbar nicht. Und doch verhalten sie sich ganz ähnlich. Trittbrettfahrer, die jede Gelegenheit nutzen, ihren Hass aufzuheizen, gibt es überall. In meinen Augen beginnt Radikalität bereits da.

Zur Person

Steven Uhly wurde in Köln geboren, als Sohn einer Deutschen und eines Bengalen. Er wuchs mit seiner Mutter und seinem spanischen Stiefvater auf, machte im Jahr 1983 das Abitur und ging später nach Valencia, wo er sich zum Dolmetscher ausbilden ließ.

Nach seiner Rückkehr begann er, in Köln und später in Bonn spanische und portugiesische Sprache sowie Literatur und Germanistik zu studieren. 1988 verlegte er seinen Lebensmittelpunkt nach Lissabon.

Nach seiner Promotion verbrachte Steven Uhly fast fünf Jahre in Brasilien, bevor er nach Deutschland zurückkehrte und sich mit seiner Familie in München niederließ.

Hier arbeitete er zunächst ein Jahr lang als Dozent an der Ludwig-Maximilians-Universität, bevor er zusammen mit seiner Frau den Münchner Frühling Verlag gründete und sich selbständig machte. Sein erster Roman "Mein Leben in Aspik" erschien 2010 im Secession Verlag.

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