Pandemie

Corona-Lockdown in Shanghai: "Wo ist die Partei jetzt?"

Fabian Kretschmer
| Lesedauer: 6 Minuten
Westen von Shanghai jetzt auch im Lockdown

Westen von Shanghai jetzt auch im Lockdown

Wegen sprunghaft angestiegener Corona-Infektionszahlen ist nun auch über den westlichen Stadtbezirk der chinesischen Metropole Shanghai ein strikter Lockdown verhängt worden. Der östliche Stadtbezirk war bereits am Montag abgeriegelt worden.

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Peking  In Shanghai ist die Angst vor dem Hunger zurück. Der Frust entlädt sich in Hilferufen. Doch nichts deutet auf ein Ende des Lockdowns.

Der Mann läuft im Kreis, eingesperrt wie ein Panther im Käfig. Voller Innbrunst schreit er durch den Innenhof seiner abgeriegelten Wohnanlage: „Was soll ich essen? Was soll ich trinken? Ihr treibt die Leute in den Tod“. In seiner Verzweiflung klagt der Chinese lautstark darüber, dass Großmutter weggesperrt sei, ihm das Ersparte ausgehe und die Regierung die Bewohner im Stich lasse. Als ihm eine Nachbarin beruhigen möchte, entgegnet er: „Es ist mir egal, soll mich doch die Kommunistische Partei abführen. Wo ist der Kommunismus jetzt? Ihr Bastarde!“

Es ist schwer mitanzusehen, wie die wohlhabendste Stadt Chinas innerhalb weniger Wochen in eine Geisterstadt verwandelt wurde, in der längst vergessen geglaubte, existenzielle Ängste in den Alltag der Menschen zurückgekehrt sind. Die Leute fürchten um ihre Lebensmittelvorräte, oder dass ihre eigenen Kinder im Fall einer Infektion von den Behörden abgeführt werden könnten. Was in Shanghai derzeit im Namen der „Null Covid“-Strategie passiert, ist regelrecht beschämend.

Corona-Lockdown: Senior schimpft über Atmosphäre des Terrors

Und er sorgt unter den Chinesen für immer mehr Unverständnis. Millionenfach wurde der Wutausbruch eines Shanghaier Senioren auf den sozialen Medien geteilt, ehe das Video von den Zensoren gelöscht wurde.

Doch eine Tonaufnahme des Clips konnte archiviert werden: „Versucht ihr, die Kulturrevolution zu übertrumpfen? Schauen Sie sich nur mal die Atmosphäre des Terrors an, die Sie geschaffen haben“, schimpft der Chinese, offensichtlich an ein Mitglied des Nachbarschaftskomitees gerichtet: „Ich schaffe es gerade mal, von Reisbrei und Nudeln zu überleben. Im Gefängnis wäre ich besser dran. Dort würden sie mir wenigstens Medizin geben“.

Doch trotz des zunehmenden Leids gibt es derzeit keinerlei Hoffnung, dass der radikale Lockdown allzu bald aufgehoben wird. Denn am Donnerstag sind die Infektionen erneut weiter gestiegen, haben einen Rekordwert von 20.000 Fällen erreicht. Ob die offiziellen Zahlen stimmen, wird jedoch von vielen Bewohnern bezweifelt: Allein im "Donghai Seniorenheim" sind nach einem Corona-Ausbruch 20 Bewohner gestorben, doch in den Statistiken taucht keiner von ihnen auf.

Menschen dürfen in Shanghai die Wohnung nicht mehr verlassen

Auch unter den oftmals privilegierten Ausländern ist der Frust angesichts der intransparenten Kommunikation hoch. „Das Einzige, was uns gesagt wurde, ist, dass wir die Wohnung nicht verlassen sollen“, sagt ein Deutscher, der seit Jahren in Shanghai lebt. Er habe am ersten Tag des Lockdowns eine staatliche Gemüselieferung erhalten, seither hängt der Mann von seiner - noch immer gut gefüllten - Vorratskammer ab: „Reich sein bedeutet in Shanghai nicht mehr, ob man eine Louis Vuitton Tasche besitzt, sondern wieviel Gemüse man hat“.

Immerhin 7.000 Deutsche sind derzeit noch in Shanghai, doch insbesondere die Familien mit Kleinkindern wollen am liebsten nur noch raus aus China. "Die Nerven liegen blank, es ist für alle belastend“, sagt Generalkonsul Pitt Heltman, ebenfalls aus dem Lockdown, beim virtuellen Bürgertreff für die Landsleute in der Stadt: „Nach den heutigen Infiziertenzahlen bin ich nicht mehr so optimistisch, dass wir mit einem baldigen Rückbau der Maßnahmen rechnen können“.

Während in Europa die Lockdowns im letzten Jahr nicht selten für Entschleunigung, Yoga-Übungen oder ausgiebige Koch-Sessions genutzt wurden, haben die Expats in Shanghai derzeit viel elementarere Anliegen: „Wie kann ich mein Haustier retten, wenn ich in Quarantäne muss?“, fragt einer im Gruppenchat.

Nahrungsmittelversorgung soll verbessert werden

Jemand anderes möchte wissen, wie man eine Sondergenehmigung erhält, um zum internationalen Flughafen zu gelangen. Und ein Vater regt sich darüber auf, dass man das Konsulat im Ernstfall möglichst per schriftlich kontaktieren soll: „Wenn das Nachbarschaftskomitee vor meiner Wohnungstür stünde, um meinen Sohn abzuholen, habe ich doch keine Zeit mehr, eine E-Mail zu schreiben!“.

Aus diplomatischen Kreisen ist zu hören, wie immens die um ihren internationalen Ruf besorgte Stadtregierung Shanghais unter Druck steht: Einerseits von der Bevölkerung, bei der sich immenser Frust aufgestaut hat. Doch gleichzeitig muss sie die Zentralregierung aus Peking zufriedenstellen, die ein dogmatisches Einhalten der vorgegebenen „Null Covid“-Politik fordert. Ein europäischer Diplomat redet von einer „Quadratur des Kreises“, einem unmöglichen Dilemma.

Zumindest die Nahrungsmittelversorgung soll besser werden, hat die Regierung versprochen. Derzeit kann man - wenn überhaupt - nur sogenannte Gruppenkäufe ergattern: 20 Paletten Äpfel aus den Lagerhallen, Brotlieferungen für umgerechnet mehrere hundert Euro, Fleisch ab einem dutzend Kilogramm pro Auftrag.

Menschen schreien Frust heraus - Polizei setzt Drohnen ein

Wer es über die normalen Liefer-Apps am Smartphone probiert, geht seit Wochen leer aus. Und wenn man doch Glück hat, muss man nicht selten auf dem Schwarzmarkt horrende Preise zahlen. Die wenigen Händler, die weiter operieren können, versuchen auf dem Leid der Leute Profit zu schlagen.

Am zehnten Abend des Lockdowns entlud sich all der Frust in lauten Chören in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand. Gemeinsam schrie man gegen die strengen Maßnahmen der Regierung an. Diese reagierte jedoch prompt - in Form von umherfliegenden Polizei-Drohnen, die mit Megaphonen durch die Nachbarschaft alarmierte: „Bitte halten Sie sich an die Covid-Restriktionen. Zügeln Sie Ihre Sehnsucht nach Freiheit. Schließen Sie die Fenster und hören Sie auf zu singen.“

Dieser Text erschien zuerst auf www.morgenpost.de