Pandemie

Omikron: Wie gefährlich ist die neue Corona-Variante?

Kai Wiedermann
| Lesedauer: 7 Minuten
Corona: Geimpfte ohne Booster stecken sich schneller mit Omikron an

Corona: Geimpfte ohne Booster stecken sich schneller mit Omikron an

Die Omikron-Variante breitet sich immer rasanter aus. Auch zweifach Geimpfte sind vor der neuen Variante nicht mehr sicher.

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Berlin.  Erste Labortests mit der Omikron-Variante sind besorgniserregend. Der Kampf gegen die Corona-Pandemie könnte einen Rückschlag erleiden.

  • Die Corona-Variante Omikron könnte Deutschland die fünfte Welle bescheren
  • Schon bald dürfte Omikron hierzulande dominieren
  • Doch ist die Mutante besonders gefährlich? Und wie gut schützen die Corona-Impfstoffe?

Die im November entdeckte Corona-Variante Omikron breitet sich in Europa mit einer Geschwindigkeit aus, die bisher bei keiner anderen Variante des Coronavirus beobachtet wurde. In Großbritannien etwa verdoppeln sich die Omikron-Infektionen alle zwei bis drei Tage. Die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Omikron bereits am 26. November als besorgniserregende Variante eingestuft hat, rät ihren Mitgliedstaaten umgehend Maßnahmen einzuleiten, um die Verbreitung der Variante frühzeitig einzudämmen.

Modellrechnungen aus anderen Ländern zeigen eine Infektionswelle, die höher werden könnte als alle, die bisher durch die Bevölkerung gelaufen sind. Eine Variante mit einer derart schnellen Verdopplungszeit "hatte keiner auf dem Radar", meint Dirk Brockmann, Leiter der Projektgruppe Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten vom Robert Koch-Institut (RKI).

Omikron: Was macht die Corona-Variante so besonders?

Das Erbgut des Virus hat im Vergleich zum Urtyp etwa 50 Mutationen und damit deutlich mehr als die anderen Varianten. Bei Delta waren es 15. Von den 50 Veränderungen sind einige bereits von anderen Varianten bekannt – von Alpha, Beta, Gamma und Delta.

Mutationen können die Infektiosität und die Abwehrmechanismen des Immunsystems beeinflussen. "Bei Omikron gibt es viele, viele Mutationen, wo wir noch gar nicht wissen, was die machen", erklärte Virologin Sandra Ciesek von der Uniklinik Frankfurt am Main vor wenigen Tagen. Ciesek und ihr Team erforschen die Omikron-Variante.

Delta und Omikron: Welche Variante ist ansteckender?

Omikron ist mehrfach im Spike-Protein mutiert. Dieses Protein ist zuständig für den Viruseintritt in die menschliche Zelle. Die Kombination der Mutationen, so jedenfalls die Vermutung von Virologen, könnte dazu führen, dass Omikron noch ansteckender ist als Delta. Zum Vergleich: Alpha ist bis zu 90 Prozent ansteckender als der Sars-Cov-2-Urtyp, und Delta ist bis zu 60 Prozent ansteckender als Alpha. Alpha und Delta verbreiteten sich aufgrund dieses sogenannten Fitnessvorteils weltweit rasend schnell.

Zahlen aus dem Ausland deuten immer stärker darauf hin, dass die Ansteckungsfähigkeit von Omikron tatsächlich höher ist als bei Delta. Entsprechende Meldungen kommen aus Südafrika, Großbritannien, Dänemark oder auch Norwegen. Modellrechnungen aus Großbritannien etwa rechnen mit bis zu 400.000 bis 700.000 Infektionen pro Tag – und das trotz Maßnahmen gegen die Ausbreitung. Etwa 30 bis 40 Millionen Menschen könnten sich so infizieren.

Wirken die Corona-Impfstoffe gegen Omikron?

Sandra Ciesek veröffentlichte vergangene Woche erste detaillierte Erkenntnisse ihrer Forschung, die beunruhigend sind. "Unsere ersten Daten zur Neutralisation von Omicron (sic!) versus Delta sind fertig", twitterte sie. Bei doppelter Impfung mit Biontech,Moderna und einer Kreuzimpfung mit Astrazeneca und Biontech habe die Neutralisation sechs Monaten nach der zweiten Impfung bei 0 Prozent gelegen. Sprich: Sie war nicht vorhanden.

Auch nach drei Biontech-Impfdosen lag die Neutralisation drei Monate nach dem Booster bei nur noch 25 Prozent. Im Mittel, so Ciesek, sei die Antikörperreaktion 37-fach reduziert. Auch eine am Dienstag veröffentlichte Studie des Health Research Instituts aus Südafrika kommt zu ähnlichen Ergebnissen. "Eine 40-fache Reduktion der Neutralisationsaktivität bedeutet aber nicht, dass die Impfung 40 Mal weniger schützt", twitterte am Mittwoch Virologe Christian Drosten. Der reale Immunverlust sei geringer.

Die Daten von der Uniklinik Frankfurt könnten nichts darüber aussagen, ob man nach Impfung und Booster im Falle einer Infektion weiterhin vor einem schweren Verlauf geschützt ist, teilte Sandra Ciesek weiter mit. Die untersuchte Neutralisation der Antikörper sagt nichts über die Antwort der T-Zellen aus. Diese ist Bestandteil des Langzeitgedächtnis des Immunsystems. Die zelluläre Immunität hat eine wesentliche Bedeutung beim Schutz vor schweren Verläufen.

Auch Biontech/Pfizer gaben vergangene Woche Einblick in ein Studie zur Wirksamkeit ihres Vakzins gegen Omikron: "Die ersten Daten lassen darauf schließen, dass eine Auffrischungsimpfung immer noch einen ausreichenden Schutz gegen eine durch die Omikron-Variante ausgelöste Erkrankung jeglicher Schwere bieten kann", sagte Biontech-Chef Uğur Şahin.

Macht Omikron Infizierte kränker?

Hier fehlen belastbare Daten. Dass die Krankheitsverläufe aus Südafrika als eher milde beschrieben werden, sage wenig über die krankmachende Wirkung aus, sagte Christian Drosten vergangene Woche Dienstag im NDR-Podcast "Coronavirus Update". Südafrika sei mit Deutschland nicht vergleichbar, da Omikron dort auf eine jüngere und zu großen Teilen bereits von Covid-19 genesene Bevölkerung treffe.

Eine erste Untersuchung des britischen Gesundheitsdienstes NHS zeigt allerdings, dass keineswegs damit zu rechnen sein wird, dass die Krankheitsverläufe bei einer Omikron-Infektion weniger schwer sein werden. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) rechnet auf Grundlage dieser Daten mit einer dramatischen fünften Wellte. "Will man unter den Todesfällen der ersten und zweiten Welle bleiben darf Omicron nur 10-30% so tödlich wie Delta", twitterte der Politiker. Das sei aber nach den neuen Daten aus Großbritannien unwahrscheinlich.

Fakten zu Christian Drosten

  • Geburtsdatum: 12. Juni 1972
  • Position: Leiter der Virologie an der Berliner Charité
  • Thema: Corona-Pandemie

Was bedeutet das für die Perspektive in Deutschland?

"Die Daten zeigen, dass selbst zweifach Geimpfte oft nicht genügend Antikörper haben, um Omikron zu neutralisieren. Erst nach einem Booster oder nach der Kombination aus Infektion plus zweifacher Impfung sind genügend Antikörper vorhanden", sagte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Das bedeute, dass es mit Omikron noch mehr Durchbruchsinfektionen geben werde. "Die Inzidenzen könnten noch mal deutlich steigen", so der Immunologe. Das wiederum würde mit einer zusätzlichen Belastung des Gesundheitssystems einhergehen.

Christian Drosten und und sein Fachkollege vom Universitätsklinikum Düsseldorf, Jörg Timm, sowie Biontech-Chef Sahin riefen dazu auf, die Impf- und Auffrischungskampagne angesichts der neuen Erkenntnisse noch weiter anzukurbeln. "Nicht warten, sondern boostern. Dreifachimpfung ist der beste Schutz" twitterte Drosten. "Eine Auffrischung der Impfimmunität ist aktuell umso wichtiger, da dadurch auch die zelluläre Immunität geboostert wird, was sicher gegen Omikron wichtig ist", sagte Jörg Timm.

Darüber hinaus gibt es Pläne, die Impfstoffe an Omikron anzupassen. Dies sei angesichts der Daten sinnvoll, sagte Sandra Ciesek. Es sei notwendig, sagte Infektionsimmunologe Leif Erik Sander. Jörg Timm erklärte: "Bei der Anpassung sollte aus meiner Sicht auch überlegt werden, ob das Spike-Protein als Zielantigen ausreichend ist, oder ob die Immunität durch Hinzunahme weiterer Virusproteine breiter aufgestellt werden kann."

Biontech/Pfizer, aber auch US-Hersteller Moderna arbeiten eigenen Angaben zufolge bereits an einem variantenspezifischen Impfstoff gegen Omikron. Biontech geht davon aus, diesen bis Ende März bereit stellen zu können. (mit bef)