Pandemie

Portugal: Corona-Zahlen steigen rasant an – Neue Variante

Ralph Schulze
| Lesedauer: 6 Minuten
Maskenpflicht im Flugzeug: Wo sie gilt und wo nicht

Maskenpflicht im Flugzeug: Wo sie gilt und wo nicht

Pünktlich zur Sommerzeit hat die EU beschlossen, die Maskenpflicht an Flughäfen und in Fliegern zu lockern. In welchen Ländern sie weiterhin gilt, erklärt das Video.

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Madrid/Lissabon  Ein neuer Omikron-Subtyp lässt Corona-Zahlen in Portugal explodieren. BA.5 ist hochansteckend – und auch in Deutschland nachgewiesen.

  • Für lange Zeit sanken die Corona-Zahlen in Europa: In Portugal ist nun plötzlich eine entgegengesetzte Entwicklung zu beobachten
  • Die Corona-Zahlen sind in den vergangenen Wochen wieder explodiert
  • Grund dafür ist eine neue Variante: Welche Auswirkungen hat das? Und wie sieht die Lage in Deutschland aus?

Urlauber strömen wieder ins Land. Die Straßencafés an der Promenade des Flusses Tejo in Lissabon sind voll. In der malerischen portugiesischen Hauptstadt, die gerne von europäischen Wochenendtouristen besucht wird, erinnert nur noch wenig an die Pandemie. Die meisten Corona-Regeln sind abgeschafft. Auch die Masken sind weitgehend aus dem Alltag verschwunden.

Doch seit einigen Tagen wird die Hoffnung auf einen normalen Sommer durch einen massiven Anstieg der Corona-Zahlen getrübt. Mehr als 30.000 Infektionen werden derzeit alle 24 Stunden registriert. Hotspot ist vor allem der Großraum Lissabon. Virologen sprechen von einer "Explosion neuer Ansteckungen" und schließen nicht aus, dass es bald täglich 60.000 Fälle geben könnte.

Corona in Portugal: Belastung nimmt zu

Entsprechend wächst die Zahl der Corona-Toten, deren wöchentliche Zahl auf 230 kletterte ­– die meisten Opfer sind ältere Menschen. Die Belastung der Krankenhäuser nimmt ebenfalls wieder zu. In den portugiesischen Hospitälern liegen knapp 2000 Covid-19-Patienten. Die Bettenbelegung mit Corona-Kranken wuchs innerhalb einer Woche um 27 Prozent.

Allerdings ist die Lage im Gesundheitssystem nicht kritisch, wie es vor einem Jahr der Fall war. Damals waren die Intensivstationen völlig überfüllt. Krankenwagen stauten sich an den Notaufnahmen. Und vor den Kliniken mussten Kühlcontainer aufgestellt werden, weil in den Leichenkellern kein Platz mehr war.

Inzwischen ist Portugal besser gerüstet. Vor allem dank einer vorbildlichen Impfkampagne: Nach Angaben des Portals "Our World in Data”, das von der Oxford-Uni betrieben wird, sind 87 Prozent der Gesamtbevölkerung doppelt geimpft, 63 Prozent sind geboostert. Damit gehört Portugal zu den europäischen Spitzenreitern. Das könnte Sie interessieren: Reisen – Diese Corona-Regeln gelten in den Urlaubsländern

Omikron-BA.5 in Portugal: Rufe nach Maskenpflicht

Aber dieser Corona-Rückfall weckt trotzdem Sorgen. Denn immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fallen in diesen Tagen durch Corona-Quarantänemaßnahmen aus. Was wichtige Wirtschaftszweige, wie etwa Gastronomie, Hotelgewerbe und Textilwirtschaft zunehmend in Schwierigkeiten bringt. Und Rufe nach der Rückkehr der Maskenpflicht aufkommen lässt.

Die offizielle portugiesische Sieben-Tage-Inzidenz schnellte nach Angaben der nationalen Gesundheitsbehörden von Freitag auf 1835 durch offizielle Tests bestätigte Fälle pro 100.000 Einwohner. Und die Inzidenz könnte, wenn sich die Prognosen mancher Virologen erfüllen, demnächst einen Spitzenwert von 4000 erreichen.

Ausbruch in Portugal: Lage könnte noch schlimmer sein

In Deutschland liegt die Vergleichszahl laut Robert Koch-Institut (RKI) derzeit bei etwas über 200 – mit sinkender Tendenz. Doch wie lange bleibt es bei dieser entspannten Lage? Schwappt die neue Corona-Welle, die derzeit das südeuropäische Tourismusparadies am Atlantik überrollt, bald nach Zentraleuropa?

Nach der Statistik des EU-Zentrums für Krankheitskontrolle (ECDC) verzeichnet Portugal derzeit die höchste Inzidenz auf dem gesamten europäischen Kontinent. Die offiziellen Zahlen sind möglicherweise nur die Spitze des Eisberges. "In Wirklichkeit könnte es doppelt so viele Fälle geben", warnt der portugiesische Mediziner Gustavo Tato Borges, Präsident des Ärzteverbandes. Denn viele Infektionen ohne oder nur mit leichten Symptome bleiben unentdeckt.

Neue Omikron-Variante in Portugal: Ansteckender als andere Virustypen

Verantwortlich für den heftigen Corona-Ausbruch in Portugal ist ein Subtyp der Omikron-Virusvariante, die auf den Namen "BA.5" getauft wurde. Diese Mutation hat in Portugal den bisher vorherrschenden Subtyp BA.2 verdrängt und ist mittlerweile für 80 Prozent aller neuen Infektionen verantwortlich, erklärt das nationale Gesundheitsministerium. Lesen Sie dazu: Omikron BA.4 und BA.5 - Was über die Varianten bekannt ist

Die Untervariante BA.5 sei vermutlich ansteckender als andere Virustypen, sagt der Epidemiologe João Paulo Gomes. "Aber BA.5 scheint nicht schwerere Krankheiten als andere Varianten zu verursachen." Vor allem deswegen schließt Gesundheitsministerin Marta Temido die Rückkehr von Corona-Restriktionen aus. Sie setzt auf die Eigenverantwortung der Portugiesen. Und auf eine zweite Auffrischungsimpfung für die besonders verwundbaren Senioren.

Omikron-Subtyp BA.5: Variante auch in Deutschland nachgewiesen

In Deutschland, wo momentan noch BA.2 die dominierende Variante ist, landete BA.5 bereits, sagt das RKI. Der BA.5-Anteil an den Infektionen lag nach den jüngsten verfügbaren RKI-Daten bei 1,4 Prozent und wächst langsam. So fing es auch in Portugal an, wo der BA.5-Subtyp zuerst im März entdeckt worden war.

Bereits vor Wochen hatten die Experten der europäischen Pandemiebehörde ECDC gewarnt, dass neue Omikron-Untervarianten zu einem Wiederanstieg der Corona-Zahlen führen könnten. Nun scheint es soweit zu sein, wie der Fall Portugal zeigt. In der Vergangenheit waren neue Viruswellen schon mehrmals zuerst auf der iberischen Halbinsel aufgetreten, bevor sie sich in Europa ausbreiteten.

Corona in Spanien: Keine zuverlässigen Werte

Inwieweit BA.5 inzwischen auch in Portugals Nachbarland Spanien, ebenfalls ein beliebtes Reiseziel der Deutschen, ankam, ist unklar. Spanien hat sich Anfang April von einer umfassenden Pandemie-Kontrolle verabschiedet: Es wird nicht mehr getestet, die Quarantänepflicht für Infizierte wurde abgeschafft. Entsprechend gibt es auch keine zuverlässigen Werte mehr über die Inzidenz oder über Varianten.

Spaniens Regierung gibt sich trotzdem entspannt und verweist auf die ansehnlichen Impfquoten, die ähnlich hoch sind wie in Portugal. Und auf die geringe Auslastung der Krankenhäuser: Nur sechs Prozent der spanischen Hospitalbetten sind derzeit mit Corona-Patienten belegt.

Für Urlauber ist weiterhin wichtig zu wissen, dass sie für die Einreise nach Spanien wie nach Portugal immer noch ein Gesundheitszertifikat brauchen: Also entweder den EU-Impfnachweis oder die Bescheinigung über einen frischen negativen Corona-Test.

Dieser Artikel wurde zuerst auf morgenpost.de veröffentlicht.