Nulltoleranzstrategie

Coronavirus: China schickt Shanghai in den Mega-Lockdown

Fabian Kretschmer
| Lesedauer: 6 Minuten
Studie: Darum bekommen einige Menschen kein Corona

Studie: Darum bekommen einige Menschen kein Corona

Die Coronazahlen steigen wieder und einige stecken sich bereits zum zweiten Mal an. Doch es gibt auch Menschen, die bisher noch keine Coronainfektion hatten.

Beschreibung anzeigen

Um das Coronavirus einzudämmen, hat China einen Lockdown über 26 Millionen Menschen verhängt – und nimmt dabei massive Folgen in Kauf.

Das Ohnmachtsgefühl ist bedrückend: Millionenfach teilen die Bewohner Shanghais ein Video in den sozialen Medien, das eine Frau zeigt, die vergeblich versucht, einen Rettungswagen für einen sterbenden Nachbarn zu ergattern. Die Hilfe für den Mann, der unter einem Asthmaanfall litt, kam schlussendlich viel zu spät. Der Chinese ist seiner Krankheit erlegen. Er ist nur eines von mehreren Opfern der brutalen Lockdown-Maßnahmen.

Ausgerechnet Shanghai ist mittlerweile zu Chinas Corona-Epizentrum geworden. Am Donnerstag meldeten die Behörden über 5600 Fälle. Dabei ist die eine Stadthälfte bereits seit Anfang der Woche abgeriegelt. Nur wenige Stunden hatten die Bewohner östlich des Huangpu-Flusses Zeit, um sich mit den nötigsten Lebensmittelvorräten einzudecken.

Nun, am Freitag, folgen die Bewohner in der westlichen Stadthälfte, auch sie werden für mindestens vier Tage in ihre Wohnungen gesperrt. Dass der Lockdown danach vollständig gelockert wird, daran glauben mittlerweile nur mehr die wenigsten. Gerüchteweise munkelt man, es könnte bis weit in den Mai dauern.

Wirtschaftlicher Schaden ist immens

Für China ist es die vielleicht schwerwiegendste epidemiologische Niederlage seit dem Virusausbruch in Wuhan vor über zwei Jahren. Denn mit 26 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist Shanghai nicht nur die größte Metropole des Landes, sondern auch das führende Wirtschaftszentrum der Volksrepublik: Im Stadtgebiet werden rund vier Prozent des chinesischen Bruttoinlandprodukts generiert.

Dementsprechend sind die ökonomischen Kosten gewaltig. Ein Forscherteam der Chinesischen Universität Hongkong hat anhand der vorhandenen Echtzeit-Daten ausgerechnet, dass die im ganzen Land angeordneten Lockdowns satte 46 Milliarden Dollar pro Monat kosten würden.

Oder, anders ausgedrückt: Sie haben einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von 3,1 Prozent zur Folge. Die Hongkonger Ökonomen betonten, dass es sich hierbei um eine konservative Schätzung handele, und dass jede Verschärfung der Corona-Maßnahmen die Folgekosten deutlich erhöhen würde.

Werte könnten sich bald erholen – unter Voraussetzung

Wenig überraschend fielen die jüngsten Zahlen des Pekinger Statistikamts vom Donnerstag miserabel aus. Der sogenannte Einkaufsmanagerindex für März ist sowohl in den Bereichen Dienstleistung (48,4) als auch Industrieproduktion (49,5) deutlich unter dem Schwellenwert 50 gesunken, der die Trennmarke zwischen Wachstum und Schrumpfen markiert.

Die Werte sind die schwächsten seit Februar 2020, als das damals neuartige Coronavirus die Volksrepublik in einen kurzfristigen, aber radikalen Stillstand zwang.

Die „schwachen Ergebnisse“ seien allerdings „im Rahmen der Erwartungen“, analysiert Iris Pang, Chef-Ökonomin der niederländischen ING Group, in einer Stellungnahme. Man erwarte, dass sich die Werte noch im Laufe des Aprils wieder erholen werden – vorausgesetzt natürlich, das Infektionsgeschehen wird bis dahin unter Kontrolle sein.

Corona und Osterferien: Das müssen Reisende im Ausland beachten
Corona und Osterferien: Das müssen Reisende im Ausland beachten

Denn Chinas Staatsführung hat mehr als deutlich gemacht, dass es an seiner Nulltoleranzstrategie festhalten wird. Im Herbst steht mit dem 20. Parteikongress das vielleicht wichtigste Politereignis des gesamten Jahrzehnts an: Xi Jinping wird – als erstes Staatsoberhaupt seit Mao Zedong – seine dritte Amtszeit ausrufen und sich damit auch formell zum Führer auf Lebenszeit machen. Erst danach wird Peking eine Lockerung seiner Corona-Maßnahmen riskieren.

Dabei wachsen der Widerstand und Frust in der Bevölkerung zunehmend. In Shanghai, dessen Stadtregierung bislang vor allem durch Pragmatismus und Liberalität aufgefallen ist, werden nun in mindestens vier Stadtbezirken unzählige Zivilisten zur Volksmiliz eingezogen, um beim Viruskampf mitzumachen. Wie zunächst die „FAZ“ berichtete, müssen Unternehmen in der Stadt vier Mitarbeiter freistellen, damit diese etwa an Ausfallstraßen Temperaturmessen oder die Logistik sicherstellen.

Nicht nur Chinas Wirtschaft leidet

Auch für die heimische Wirtschaft ist die desolate Lage ein immenses Problem. Eine Umfrage der Deutschen Handelskammer vom Donnerstag zeichnet ein desaströses Bild, wie tiefgreifend das China-Geschäft unter den Corona-Restriktionen leidet: Rund die Hälfte der deutschen Firmen gaben an, dass ihre Logistik und Lieferketten durch die Lockdowns vollständig unterbrochen oder stark beeinträchtigt werden.

Nur 7 Prozent meinten hingegen, dass sie keine negativen Auswirkungen auf ihr Geschäft spüren. Die Umfrage der Handelskammer wurde zwischen dem 18. und 27. März erhoben – der nun flächendeckende Shanghai-Lockdown ist darin also nicht zur Gänze widergespiegelt.

Infizierte werden abgeriegelt und sich selbst überlassen

Dort setzt die Regierung auf eine radikale, aber hoffentlich kurze „Schockstarre“: Um die Infektionsketten zu unterbrechen, werden sämtliche Infizierte in riesigen Quarantäne-Zentren untergebracht. Derzeit wird auch im Stadtgebiet eine Anlage mit 15.000 Betten fertiggestellt, es ist die wohl größte Covid-Isolationsstation weltweit. Was die chinesische Zentralregierung vor zwei Jahren noch als stolze Errungenschaft gepriesen hätte, ist nun der wahrgewordene Alptraum eines jeden Chinesen: Längst ist die Angst vor der Zwangsquarantäne größer als die Angst vorm Virus selbst.

Wie unzählige andere Anwohner schildert ein Nutzer namens Qian Miao in der App Wechat seine Erfahrungen: Trotz nur milder Symptome (Husten und laufende Nase) wurde der Chinese um vier Uhr morgens in einen überfüllten Bus mit 30 weiteren Infizierten gesteckt, um erst nach einer elfstündigen Wartezeit in ein neu errichtetes Quarantänezentrum zugelassen zu werden.

Dort sind mehrere tausend Menschen praktisch auf sich allein gestellt: ohne heißes Wasser, medizinische Versorgung oder PCR-Tests. Und da der Fahrstuhl ausgefallen ist, muss Qian Miao derzeit die 12 Stockwerke zur Essensausgabe im Hof zu Fuß zurücklegen.

Solche Zustände sind in Shanghai keine Ausnahme. Doch der mediale Fokus auf die internationale Metropole sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass im abgelegenen Nordosten des Landes eine ganze Provinz bereits seit über einem Monat abgeriegelt ist. Die Verhältnisse dort sind prekärer denn je, auch wenn nur wenige Informationen aus der Region herausdringen.

Doch unter Kontrolle ist die Lage dort längst noch nicht. Zuletzt wurden in Changchun, Provinzhauptstadt von Jilin, 160 Bauarbeiter zum Errichten eines Quarantäne-Zentrums beordert. Doch noch bei der Arbeit erkrankten 90 von ihnen am Coronavirus. Sie wurden umgehend in jene Anlage eingewiesen, die sie just zuvor gebaut haben.