Geburtstag

Pop-Legende Elton John wird 75: Was kommt als Nächstes?

Oliver Stöwing
| Lesedauer: 7 Minuten
Elton John: "Will mit einem Knall aufhören"

Elton John- Will mit einem Knall aufhören

Popstar Elton John hat seinen Abschied von der Bühne angekündigt. Er wolle mit "einem großen Knall aufhören", erklärte der 70-Jährige.

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London.  Elton John, Popikone und Superdiva, wird 75 Jahre alt. Er war ganz oben und ganz unten – manchmal sogar zur selben Zeit. Eine Hommage.

Bei allem Respekt, das glaubt ihm doch kein Mensch. Am 8. Juli 2023 will Elton John in Stockholm sein letztes Konzert geben. Schon drei Jahre läuft seine „Farewell Yellow Brick“-Abschiedstournee, von Cher, Tina Turner oder Genesis weiß man, dass „Abschied“ eher ein Marketing-Schlagwort ist als eine ernstzunehmende Absicht.

Zuletzt musste der Brite wegen Corona einige Konzerte absagen, mal wegen eines Lockdowns, mal, weil er sich selber infiziert hatte oder wegen einer Hüftverletzung. Ein Loch in seine Kasse rissen die Ausfälle nicht, im Gegenteil: Im ersten Pandemiejahr nahm John 4,5 Millionen Pfund mehr ein als im Vorjahr. Nichts scheint ihm etwas anhaben zu können.

Zu seinem 75. Geburtstag am Freitag (25. März) kann er getrost aus seinem großen Hit von 1983 zitieren: „I‘m Still Standing“, „Ich stehe immer noch“. Mit „Cold Heart“ schaffte er Ende 2021, wovon andere altgediente Stars nur träumen können: Er landete wieder einen Nummer-1-Hit in seiner Heimat, 20 Jahre nach „Are You Ready For Love?“. Mehr zum Thema: So berichtet Elton John über Exzesse, Esssucht – und die Mama

Elton Johns Auftreten wäre heute Outing genug

Das Wunder-Rezept: Ein DJ mixte seine Klassiker „Sacrifice“, „Rocket Man“ und „Kiss The Bridge“ über einen Dance Beat und ließ das Ganze von der angesagten Popsängerin Dua Lipa servieren – fertig war der Weltrekord. Denn nun ist John der einzige Musiker, der in sechs Jahrzehnten jeweils mindestens einen Top-Ten-Hit platzieren konnte. Elton im Jahr 2022? Um es mit einem seiner Songs zu sagen: „The Bitch is back“.

Pop-Ikone, Paradiesvogel, Diva oder eben Bitch, also so etwas wie Zicke: So nannte man Elton John seit jeher, gerne kombiniert mit Adjektiven wie „schrill“, „extravagant“ oder „schillernd“. Mit Glitzeranzügen, Perücken und bunten Brillen tat er auch einiges dafür. In diesen Begriffen schwang immer auch mit, dass John mutmaßlich kein Frauennarr war.

Heute wäre sein Auftreten Outing genug, damals unterstellte man jedoch grundsätzlich jedem Mann Heterosexualität. Insofern war es schon ein Schritt, als er sich 1976, wie sein Kollege Freddie Mercury, als Wanderer zweier Welten darstellte: „Es ist nichts Verwerfliches dabei, mit jemandem von deinem Geschlecht ins Bett zu gehen. Ich denke, jeder von uns ist zumindest ein kleines bisschen bisexuell“, sagte er damals dem „Rolling Stone“. Auch interessant:

Er war zwar mehr als ein kleines bisschen bisexuell, dennoch heiratete er 1984 eine deutsche Toningenieurin. „Was wäre, wenn ich nur deshalb 14 Jahre mit Männern geschlafen habe, weil ich nicht die richtige Frau gefunden habe? Und was, wenn sie das jetzt ist?“, fragte er sich. Sie war es nicht. Die Ehe hielt nur kurz. Erst seit 1988 lebt Elton John offen als schwuler Mann.

Elton John: Vater zweier Adoptivsöhne

Seit 1993 ist er mit dem kanadischen Filmemacher David Furnish (59) zusammen. 2014 heirateten sie, sie haben zwei Söhne. Wer sich jetzt sorgt, weil die Kinder keine Mutter haben, kann beruhigt sein: Sie haben eine „Gaga-Mutter“. So nennen sie ihre Patentante Lady Gaga.

Elton Johns Welt ist bunt, aber das war sie nicht immer. Reginald, so hieß er ursprünglich, wächst in Pinner bei London auf. Das England der 50er-Jahre ist „ein ziemlich düsterer Ort“, erinnert er sich in seiner Autobiografie. „Es war hinterhältig, angsterfüllt und verurteilend. Es war eine Welt, in der Leute mit grimmigem Gesicht hinter dem Vorhang linsten.“

Sein Vater, ein strenger Luftwaffen-Soldat, hebt die Laune auch nicht. Aber seine Oma erkennt das künstlerische Talent, bestärkte den schüchternen Jungen darin, auf die Royal Academy zu gehen. Doch das starre Korsett der klassischen Musik ist nichts für Reggie. Er beschließt, Popstar zu werden. Problem: „Ich sah nicht aus wie ein Popstar.“ Lesen Sie hier: Elton John: So viel Elend steckt hinter dem Glamour

Dennoch bewirbt er sich bei Bands. Schicksalhaft ist seine Begegnung mit dem Songschreiber Bernie Taupin, bis heute sein engster Vertrauter. Reggie nennt sich nun Elton John, steigt irgendwann aus seiner letzten Band aus, um es allein zu schaffen. Die Kollegen verlachen ihn. Vielleicht lachen sie auch noch, als er 1969 sein erstes Album „Empty Sky“ veröffentlicht, denn niemand will es haben. Doch sein zweites Album „Elton John“ wirft die hinreißende Ballade „Your Song“ ab.

Elton John war zu high, um seinen Abstieg mitzuerleben

Elton John wird ein Star der Glam-Rock-Ära. Dass sein Stern gegen Ende der 70er sinkt, bekommt er gar nicht mit, weil er so high ist: Damals tanzt er die Nächte in der New Yorker Disco Studio 54 durch. In den 80ern gelingen ihm trotz Dauerdröhnung wieder Hits wie „Nikita“. Vor dem Videodreh in Cannes zu „I‘m Still Standing“ knallt er sich an der Hotelbar mit Kokain und Wodka Martini zu.

Nach dem Dreh legt er nach. „Dann ging ich zurück zum Video-Set und verlangte, die Kameras laufen zu lassen, zog mich komplett aus und rollte mich nackt über den Boden“, erinnert er sich. Doch erst Jahre später macht er einen Entzug. In den 90ern wird John zum Balladen-König („Circle Of Life“) und engagiert sich im Kampf gegen Aids.

1997 trocknet seine Freundin Prinzessin Diana ihm bei der Beerdigung des Modemachers Gianni Versace die Tränen. Nur wenige Wochen später singt er auf Dianas Beerdigung in der Westminster Abbey „Candle in the Wind“. Der Song, ursprünglich eine Hommage an Marilyn Monroe, wird die erfolgreichste Single aller Zeiten. Seitdem ist er selbst so etwas wie ein Royal. 1998 schlägt ihn die Queen zum Ritter, für Dianas Söhne William und Harry wird er zum väterlichen Freund. Mehr zum Thema: Prinzessin Diana: Was ist noch übrig von ihrem Mythos?

Die Queen of Pop, Madonna, bekommt dagegen immer wieder Sir Eltons skalpellscharfe Zunge zu spüren. So nennt er sie einmal eine „Kirmes-Stripperin“.

Einzig seine Mutter konnte seinem Biss standhalten. Noch an ihrem 90. Geburtstag verhöhnte sie ihren Sohn, indem sie einen schlechten Doppelgänger engagierte. Ob er nun, wo sie tot ist, wünscht, sie wären etwas netter zueinander gewesen? „Ich frage mich nie: Was wäre gewesen, wenn…?“, sagte er einmal. „Sondern nur: Was kommt als Nächstes?“