Unglück

Nach Geisterflug: Cessna stürzt ab – War Pilot bewusstlos?

Andreas Böhme
| Lesedauer: 5 Minuten
Die Unglücksmaschine Cessna 551 OE-FGR der Unternehmerfamilie Griesemann.

Die Unglücksmaschine Cessna 551 OE-FGR der Unternehmerfamilie Griesemann.

Foto: Ralf Winter

Köln  Lange flog das Flugzeug der Unternehmerfamilie Griesemann über Europa, bevor es ins Meer stürzte. Wie kam es zu dem tödlichen Unglück?

Stundenlang ist eine Cessna aus Spanien kommend mit einem offenbar bewusstlosen Piloten an Bord über dicht besiedeltes Gebiet geflogen, bevor sie vor Lettland ins Meer stürzte. Was wäre, wenn sie früher vom Himmel gefallen wäre?

Es ist kurz vor 15 Uhr Ortszeit am Sonntag, als die Cessna 551 mit der Kennung OE-FGR vom Flughafen Jerez de la Frontera abhebt. Am Steuerknüppel sitzt der 72-jährige Kölner Unternehmer Peter Griesemann, mit im Cockpit sind offenbar auch seine Ehefrau Juliane (68), Tochter Lisa (26) und ein Freund der jungen Frau (27).

Probleme mit dem Kabinendruck gemeldet

Für Griesemann, Ehrenvorsitzender der „Blauen Funken“, eine der ältesten Kölner Karnevalsgesellschaften, ist der Flug Routine. Mindestens drei bis vier Mal im Jahr, heißt es in spanischen Medien, sei die Familie nach Jerez geflogen. Sie besitzt eine Villa in Atlanterra an der Costa de la Luz. „Strand der Deutschen“, nennen Einheimische die Region angesichts der vielen Luxuswohnungen. Und wenn die Familie aus NRW einschwebt, ist es oft der als leidenschaftlicher Pilot bekannte Peter Griesemann selbst, der fliegt.

An diesem Sonntag aber ist es mit der Routine vorbei. Über Frankreich meldet er Probleme mit dem Kabinendruck, dann bricht der Funkkontakt ab. Die 43 Jahre alte Maschine aber fliegt in einer Höhe von 36.000 Fuß (10.972 Meter) weiter in Richtung Deutschland, wo sie in Köln landen soll.

Kampfflieger eskortieren führerlose Cessna

In Frankreich steigen Kampfflieger auf und fliegen die Cessna an. Auch in Deutschland starten sogenannte Alarmrotten – bestehend aus jeweils zwei Eurofightern – um die Lage zu klären. Zunächst in Neuburg an der Donau, später in Rostock-Laage. „Alltag“ nennt das ein Sprecher der Luftwaffe auf Anfrage und spricht von 20 bis 25 Fällen jährlich, bei einem Flugaufkommen wie in Vor-Corona-Zeiten.

In den meisten Fällen handele es sich lediglich um einen Fehler bei der Einstellung der richtigen Funkfrequenz, weiß der Sprecher. Fliegt ein Flugzeug über die Grenze eines der Sektoren, die den Luftraum unterteilen, bekommt der Pilot vom aktuellen Lotsen die Funkfrequenz für den kommenden Sektor. Auf der nimmt er im Regelfall Kontakt mit dem neuen Lotsen auf und setzt seinen Flug unter dessen Kontrolle fort. Macht er das fünf Minuten lang nicht, wird die zuständige Alarmrotte alarmiert.

Keine Aktionen im Cockpit zu erkennen

Die Kampfflieger versuchen dann nach Erreichen der Zivilmaschine, den Piloten auf seinen Fehler aufmerksam zu machen. „Dafür kommunizieren sie mittels international standardisierter Sichtzeichen untereinander – manchmal auch, indem sie mit Edding etwas auf ein Pappschild malen“, so der Sprecher. Meist ist es nur ein Zahlendreher in der Funkfrequenz und das Problem nach Korrektur schnell gelöst. „Deshalb bekommt die Öffentlichkeit auch nichts von diesen Vorfällen mit.“

Doch bei diesem Flug ist kein Kontakt zum Piloten möglich. Fast fünf Stunden lang fliegt das Flugzeug – anscheinend gesteuert vom Autopiloten – weiter, kreist nach Daten der Internetseite flightradar24.com über Paris, später über Köln, bevor es über Hannover und Rügen Richtung Ostsee geht und die Cessna kurz nach halb sechs vor der lettischen Küste aufgrund von Treibstoffmangel an Höhe verliert und vor dem Hafen Ventspils ins Meer stürzt.

Flugzeugabsturz: Trümmerteile entdeckt

„Sie waren eindeutig nicht handlungsfähig an Bord“, sagt Lars Antonsson, Leiter der schwedischen Such- und Rettungsmission der Nachrichtenagentur AFP. Auch die Piloten der Eurofighter konnten keine Aktionen im Cockpit der Maschine erkennen.

Die lettischen Behörden koordinieren die Suche nach der Maschine. Nach Angaben des lettischen Seerettungskoordinationszentrums seien bisher ein Wrack und Trümmerteile im Meer entdeckt worden, allerdings noch keine Passagiere. Die Ostsee sei in dem sechs mal sechs Kilometer großen Suchgebiet etwa 60 Meter tief, heißt es

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Die Unglücksursache steht bisher nicht genau fest. Ersten Erkenntnissen zufolge könnten die Probleme mit dem Kabinendruck dazu geführt haben, dass die gesamte Besatzung das Bewusstsein verloren habe. Hans Kjäll, Experte für Luftsicherheit, sagte der schwedischen Nachrichtenagentur TT, dass so etwas gerade in Höhen von rund 11.000 Metern, in denen Kleinflugzeuge unterwegs sind, durchaus passieren könne.

Unbeantwortet bleibt die Frage, was passiert wäre, wenn der Flieger über dicht besiedeltem Gebiet in den Sinkflug geraten wäre. In §14 Abs. 3 des deutschen Luftsicherheitsgesetz, das 2005 unter dem Eindruck der Ereignisse des 11. September verabschiedet worden ist, war – allerdings für den Terrorfall - „unmittelbare Einwirkung mit Waffengewalt“ gegen ein Flugzeug als „äußerste Maßnahme“ erlaubt. Schon im Februar 2006 allerdings erklärte das Bundesverfassungsgericht diesen Paragraphen für verfassungswidrig. „Es gibt“, heißt es bei der Luftwaffe dann auch, „für so einen Fall keine Verfahrensweise.“

Dieser Artikel erschien zuerst in einer ähnlichen Version auf waz.de.