Frauengold

Zukunftspläne: Abitur und dann? Wie wäre es mit Lehrerin?

Birgitta Stauber
| Lesedauer: 5 Minuten
Birgitta Stauber schreibt in ihrer Kolumne „Frauengold“ über Gesellschaft und Politik

Birgitta Stauber schreibt in ihrer Kolumne „Frauengold“ über Gesellschaft und Politik

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin.  Wenn unsere Autorin Berufsberatung betreibt, kann das schon mal in einem familiären Shitstorm enden. Recht hat sie natürlich trotzdem.

Die Oma will es wissen. Der Patenonkel. Die Nachbarin. Und bei uns, in der Kernfamilie, brennen die Nerven durch. Die Teenie-Tochter macht bald Abitur, und dann? Was willst du dann machen, liebes Kind?

Das liebe Kind zuckt mit den Schultern. Derzeit würde es am liebsten, wenn es nicht immer wieder vor der Omikron-Wand zurückprallen würde, mit den Freundinnen und Freunden abhängen. In Partykellern, in Bars, in Wohnzimmern, falls dort Eltern fern sind. Ansonsten: Musik machen. Dann: reisen, Kalifornien wäre so ein Traum.

„Mach’ ein Auslandspraktikum“, sage ich und fange sofort an zu recherchieren. Die Tochter winkt ab. „Studier’ doch erst mal BWL“, meint der Gatte. Das habe ihm auch nicht geschadet. Die Kinder grölen, weil er das vorschlägt, seit sie auf der Welt sind.

Lehrermangel – na und?

Dann ich wieder: „Was ist mit Lehramt? Da fehlen bald 81.000 Lehrerinnen und Lehrer.“ Das Teenie-Kind brüllt: „Auf gar keinen Fall.“ Vom Rest der Familie ernte ich einen Shitstorm.

Und nun prasseln die Vorschläge. Medizin, rufen sie. Psychologie. Also irgendwas „Richtiges“. Jetzt bin ich wirklich betroffen. Ob Lehramt nichts „Richtiges“ sei? Ich verweise auf die Möglichkeiten, persönliche Neigungen auszuleben. Erzähle von der Freundin, die als Bio-Lehrerin tolle Umweltprojekte im Wahlpflichtbereich entwickelt. Erinnere an die Reise mit dem Erdkunde-Kurs nach Tirol, wo neben Erforschung des Ökosystems Bach so coole Sachen wie Rafting auf dem Programm standen.

Und an den Kunstlehrer, der einst die Studenten-Kinder und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler in sein Atelier auf dem Land einlud. Die Musiklehrerin, die großartige Auftritte mit der Big Band der Schule hinlegt. Den Sportlehrer, der die 10. Klasse mit auf eine Radtour an die Côte d’Azur genommen hat. „Und dann“, sage ich, „verdienen die gut.“

Und dann verdienen die Lehrer so gut – zumindest netto

Vor allem netto. Rentenbeiträge, Arbeitslosenversicherung – fällt alles weg. Und für die gibt es einen dicken Zuschuss. „Sie haben drei Monate Ferien“, rufe ich, „und können sich nach dem Unterricht ihre Zeit frei einteilen“.

„Niemand von meinen Freundinnen wird Lehrerin“, sagt die Teenie-Tochter. „Ist echt nicht angesagt“, sagen die älteren Geschwister. Sie erinnern an die Lateinlehrerin, die regelmäßig Kinder zum Weinen brachte, wenn die Deklination nicht klappte; an die Englisch-Lehrerin, die entweder krank war oder Filme schauen ließ; an die Deutsch-Lehrerin, die vor Achtklässlern über andere Kinder lästerte.

Für den Sohn waren die 11. und 12. Klasse „die Hölle“

„Die waren alle furchtbar“, sagt die große Tochter. Der Sohn meint, die 10. und 11. Klasse habe er ganz aus dem Gedächtnis gestrichen, „es war die Hölle“.

Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass die beiden so gelitten haben und halte das für übertrieben. Um die Stimmung nicht noch mehr anzuheizen – hinterher halten sie uns vor, dass wir ein paar Mal umgezogen sind –, schweige ich.

Das Teenie-Kind bekommt einen Anruf. Die Freundin aus der Schule. Sie verschwindet im Zimmer, kommt wieder, erzählt die neueste Schulanekdote. Irgendeine Lehrerin habe über Curvy-Models bei Heidi Klum gelästert. Das sei ja Bodyshaming, rufen die Studentenkinder entsetzt.

Unser Teenie geht so gern in die Schule – und wird bald ausgespuckt

Unsere Teenie-Tochter geht nun alle Lehrerinnen und Lehrer durch. Analysiert Kleidungsstil („schmuddelig, spießig, bunt wie ein Kanarienvogel, viel zu kurze / zu lange / zu schlecht gefärbte Haare), Lehrmethoden, zitiert Lieblingssprüche. Erzählt vom nächsten Projekt des Orchesters und des Schauspielkurses. Und verschwindet im Zimmer. „Stört mich jetzt nicht“, ruft sie und knallt die Tür zu. „Ich muss Hausaufgaben machen.“

Wir anderen schweigen. „Mensch“, sagt der Sohn, „die geht ja echt gern in die Schule.“ Die große Tochter spricht von Liebe. Ich sage: Und doch wird sie in ein paar Monaten einfach ausgespuckt. Ganz ehrlich: Was ist das für ein wunderbarer Beruf, wenn er Menschen hervorbringt, die dafür sorgen, dass unser Kind so begeistert ist.

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