Justiz

Harvey Weinstein: Sogar ein Freispruch ist möglich

New York.  Gefängnis oder Freispruch? Im Vergewaltigungsprozess gegen Hollywood-Mogul Harvey Weinstein haben jetzt die Geschworenen das Wort.

Von Weinstein bis Wedel: Wie #MeToo die Entertainment-Welt aufrüttelt

Bedrängung und Missbrauch: Viele prominente Männer mussten sich in den vergangenen Jahren wegen sexueller Übergriffe verantworten. Die MeToo-Debatte brachte so manches Verbrechen an die Öffentlichkeit.

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Harvey Weinstein am Freitag bei seiner Ankunft am Manhattan Criminal Court in New York City.

Harvey Weinstein am Freitag bei seiner Ankunft am Manhattan Criminal Court in New York City.

Foto: Stephanie Keith / Getty Images

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„Sie hat das letzte Wort”, sagte Harvey Weinsteins Anwältin Donna Rotunno vor Beginn des 28. Verhandlungstages im Vergewaltigungsprozess gegen den ehemaligen Hollywood-Mogul, „und das letzte Wort ist eine machtvolle Angelegenheit.”

Sie, das ist Joan Illuzzi-Orbon. Die Chef-Anklägerin versuchte am Freitagmorgen nach Kräften zu zerstören, was Rotunno unter skeptischer Anteilnahme der weltweiten #MeToo-Bewegung zuvor in ihrem Schluss-Plädoyer ausgebreitet hatte.

„Der Angeklagte war der Herr des Universums und die Zeugen waren nur Ameisen, auf die er ohne Konsequenz treten konnte”, donnerte Illuzzi in den Saal des „New York State Supreme Court” am Foley Square im Süden Manhattans. Harvey Weinstein sei ein „verletzender Vergewaltiger”, der Frauen „manipuliert und missbraucht” habe, die in der Film-Industrie Fuß fassen wollten. „Keine dieser Frauen wusste voneinander”, betonte die Staatsanwältin, “das ist das Muster eines Raubtiers.” Für Illuzzi gehört der 67-Jährige definitiv hinter Gitter.

Verteidigerin stellt Weinstein als Opfer dar

Donna Rotunno hatte zuvor exakt das Gegenteil gefordert und den Macher von Filmen wie „Pulp Fiction” und „Shakespeare in Love” als das eigentliche Opfer stilisiert. Weinstein war hinterher voll des Lobes. Er habe bekanntlich den Film `The Kings Speech` produziert, sagte er. Was Rotunno in ihrem fünfstündigen Plädoyer auffuhr, um die mit potenziell lebenslanger Haft belegten Vorwürfe gegen ihn zu entkräften, sei die “Queen`s Speech” gewesen. „Ich habe es geliebt.”

In tränenreichen Kreuzverhören arbeitete Donna Rotunno heraus, dass die beiden einzigen in New York juristisch relevanten Geschädigten (weitere vier Frauen wurde angehört, spielen aber strafrechtliche keine Rolle) Brüche in ihren Schilderungen aufwiesen.

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Angebliche Opfer schickten Weinstein Liebes-Nachrichten

Die Schauspielerin Jessica Mann, die angibt, von Weinstein 2013 vergewaltigt worden zu sein, und die Produktionsassistentin Mimi Haleyi, die von Weinstein 2006 zur oralen Befriedigung genötigt worden sein soll, räumten ein, noch Jahre danach enge und bisweilen sexuelle Kontakte mit dem früheren Boss des Miramax-Studios gepflegt zu haben.

Rotunno präsentierte Text-Mitteilungen und E-Mails, die intime Zwischenmenschlichkeit dokumentieren. Vor allem Jessica Mann suchte immer wieder den Kontakt zu Weinstein, gab ihm mehrmals ihre jeweils aktuelle Telefonnummer und beendete digitale Botschaften mit der Formel: „jede Menge Liebe”.

Dass eine Sachverständige im Prozess dieses Verhalten mit dem Stockholm-Syndrom verglich, wo Geiseln sich mit ihren Geiselnehmern verbünden, ließ Rotunno unerwähnt.

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Mehr als 80 Frauen beschuldigen Weinstein

Die Lesart von Anklägerin Illuzzi: Harvey Weinstein behielt den Kontakt zu den Frauen bei, um sie in Schach zu halten. Damit sie nicht „aus dem Schatten hervortreten und ihn als das bezeichnen, was er ist: ein „verletzender Vergewaltiger”.

Mal mit leisen Worten, mal aufbrausend laut schritt Illuzzi die Bank mit den zwölf Geschworenen ab, sieben Männer und fünf Frauen, die am nächsten Dienstag mit den Beratungen über Schuld oder Unschuld beginnen. Sie erinnerte daran, dass seit 2017 über 80 Frauen, darunter viele Stars aus der Film-Welt, Weinstein als Serientäter charakterisiert hatten, der seine Machtposition in der Unterhaltungsindustrie rücksichtslos ausgenutzt habe.

In dem „Universum”, das Weinstein geschaffen habe, wurde den Frauen „nicht gestattet, sich zu beschweren, wenn sie bespuckt, demoralisiert, vergewaltigt und missbraucht wurden”, sagte Illuzzi.

Verteidigerin Rotunno zeichnete ein völliges konträres Bild. So sagte die als Zeugin geladene brasilianische Schauspielerin Talita Maia aus, dass Jessica Mann ihr gegenüber Weinstein als „Seelenverwandten” beschrieben habe; von Gewaltanwendung keine Rede.

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Verteidigerin: „Das ist hier kein Beliebtheitswettbewerb”

Rotunnos Punkt: Beide „Opfer“ suchten bewusst die Nähe des einst einflussreichen Film-Produzenten, um ihren Karrieren auf die Sprünge zu helfen – und ließen sich darum auf ihn ein. „Frauen haben die Wahl”, sagte sie. Nur in dem von der Anklage erfundenen „Drehbuch” werde so getan, als seien Frauen „nicht dafür verantwortlich, auf welche Partys sie gehen, mit welchen Männern sie flirten und welche Hotel- oder Flugeinladungen sie akzeptieren”.

An die Geschworenen-Jury appellierte die Juristin aus Chicago, sich allein von Fakten leiten zu lassen. Danach sei der Angeklagte, was in manchen Kreisen „unpopulär” sei, freizusprechen. „Sie müssen Herrn Weinstein nicht mögen”, setzte die ganz in Schwarz gekleidete Anwältin mit ruhiger Stimme hinterher, „das ist hier kein Beliebtheitswettbewerb.” Aber gerade „unbeliebte Personen” seien es, die in Amerika „Jurys am meisten benötigen”.

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