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Körpergeruch als Belästigung: Wie Japan gegen Gestank kämpft

Felix Lill
| Lesedauer: 4 Minuten
Nicht laut sein, niemanden berühren und vor allem nicht riechen – die ungeschriebenen Regeln in Tokios U-Bahn.

Nicht laut sein, niemanden berühren und vor allem nicht riechen – die ungeschriebenen Regeln in Tokios U-Bahn.

Foto: Sopa Images / SOPA Images/LightRocket via Getty Images

Tokio.  Unangenehme Gerüche gelten in Japan schnell als Belästigung. Ein Start-up verspricht nun die Kontrolle über den körpereigenen Duft.

„Sumehara“ bezeichnet in Japan eine Form der Belästigung am Arbeitsplatz. Das heikle Thema wird heiß diskutiert, ist verknüpft mit Emotionen und Tabus. Wer dabei jedoch an Grapscher am Kopierer denkt, der liegt falsch. Es geht um Kollegen und Kolleginnen, von denen ein unguter Körpergeruch ausgeht.

Auf dem japanischen Businessportal Partners, wo sich das Land über Sorgen und Hoffnungen in der Arbeitswelt austauscht, sorgte diese delikate Angelegenheit vor Kurzem für große Diskussionen. „Es kommt häufig vor, dass es den Personen, von denen es ausgeht, nicht bewusst ist“, erklärten die Plattformmanager.

„Aber die Person darauf hinzuweisen, wäre schwierig. Der bessere Weg für alle wäre, wenn man im ganzen Betrieb allgemein auf dieses Problem hinweist. Bitte erwägen Sie doch diese Lösung.“

Unguter Körpergeruch: Eine der häufigsten Belästigungsarten in Japan

Das Marktforschungsinstitut Planet fand heraus, dass „sumehara“ zu den fünf typischsten Belästigungsarten in Japan gehört – neben Machtmissbrauch, sexueller Belästigung, Diskriminierung von Müttern am Arbeitsplatz sowie Mobbing. Außerdem gaben in der Befragung 63 Prozent der Männer und 78 Prozent der Frauen an, sich auch jenseits des Geschäftslebens gelegentlich durch die Düfte anderer gestört zu fühlen.

Shota Ishida kennt das Problem von der anderen Seite. „Das Gefühl, dass ich streng riechen könnte, hat mich immer wieder verfolgt“, sagt der 30-jährige Unternehmer aus dem Norden von Tokio in einem Videocall. Aus seiner Sorge hat Ishida ein Geschäft gemacht. Als er vor fünf Jahren seine Masterarbeit in Volkswirtschaft schrieb und von der ausufernden Datenanalyse überwältigt die tägliche Körperpflege vernachlässigte, hielten seine Studienkollegen im Computerlabor Abstand von ihm.

„Mir hätte natürlich niemand offen gesagt, dass ich stinke“, sagt er. Denn das wäre im höflichen Japan eine Grenzüberschreitung.

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Japanisches Start-Up analysiert Schweiß

Da hat Shota Ishida mit seinem Start-up Odorate die diskrete Lösung gefunden. Der Betrieb hat sich darauf spezialisiert, Körpergerüche zu analysieren. Mit dem Testergebnis erfahren Kunden, wo ihre Problemzonen liegen und wann sie das Hemd wechseln oder sich wieder waschen sollten.

Und es scheint, als hätte der im Gespräch so schüchterne Shota Ishida damit offene Türen eingerannt. Nach nur einigen Interviews zur Marktanalyse konnte Ishida 750.000 Euro Startkapital einsammeln. Das Geschäft läuft. Lesen Sie hier: Wie der Geruch uns vor den Gefahren im Alltag warnt

Seinen Kunden schickt Ishida für rund 115 Euro ein luftdicht verpacktes, geruchsneutrales, präpariertes Hemd. Die Kunden tragen es einen Tag im Büro und schicken es zurück an Odorate. Das Labor untersucht das Shirt auf 25 chemische Stoffe, die etwa im Achselschweiß vorkommen.

Eine Stunde später zeigt ein Bildschirm einen Wert zwischen null und fünf an. „Null bedeutet ‚völlig geruchsneutral‘, ab drei dürften Personen im Umkreis etwas wahrnehmen“, erklärt Ishida. „Bei eins und zwei bemerkt man den Geruch erst aus unmittelbarer Nähe.“ Der nächste Schritt: Ishida entwickelt derzeit einen Schnelltest direkt fürs Büro.

Sollte man trotz aller Vorkehrungen doch mal müffeln, kann man zum Beispiel mit etablierten Produkten des Multikonzerns Panasonic gegensteuern, etwa mit einem geruchszersetzenden Bügeleisen oder einem dufttötendem Spray fürs Jackett.

Schweiß und Reinlichkeit: Europäer gelten als Stinkstiefel

Es ist kein Zufall, dass ein Unternehmen wie Odorate in Japan entstanden ist, wo niemand ungeduscht zu Bett geht. Es ist das Land der Reinigungsrituale – und das der Rücksicht. Vor allem im dicht bevölkerten Tokio, wo sich die Einwohner täglich eng an eng in U-Bahnen und auf Gehwegen drängeln, gehört es zum guten Ton, gegenüber den Mitmenschen möglichst nicht negativ aufzufallen. Körperkontakt oder Lärm gilt es zu vermeiden – ebenso wie aufdringliche Gerüche.

Ziel ist nicht der Wohlgeruch, sondern die Geruchsneutralität. „Die Menschen in Japan wollen möglichst gar keinen Duft haben“, sagt Shota Ishida. Kosmetikprodukte in Japan sind daher meistens unparfümiert.

„Du riechst so gut“ ist bei uns ein Kompliment. „Du riechst ja gar nicht“ gilt dagegen in Japan als höchste Form der Wertschätzung – besonders gegenüber Ausländern. Gerade Europäern eilt nämlich der Ruf voraus, dass sie entweder miefen oder allzu dick Parfüm auftragen.

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