Gerichtsverfahren

Johnny Depp vs. Amber Heard: Der Prozess, der viral geht

Britt-Marie Lakämper
| Lesedauer: 8 Minuten
Psychologin: Johnny Depps Ex-Frau leidet an Persönlichkeitsstörung

Psychologin: Johnny Depps Ex-Frau leidet an Persönlichkeitsstörung

Im Verleumdungsprozess von Hollywoodstar Johnny Depp gegen seine Ex-Frau Amber Heard hat eine Psychologin der 36-Jährigen eine Persönlichkeitsstörung bescheinigt.

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Berlin.  Wer auf Tiktok, Twitter und Co. unterwegs ist, kann dem Prozess von Johnny Depp und Amber Heard kaum entkommen. Was steckt dahinter?

„Johnny spricht über Ambers Gewalt gegen ihn“ lautet der simple Titel eines Clips, der eine kurze Szene aus dem Verleumdungsprozess Johnny Depp gegen Amber Heard auf Tiktok zeigt. 41,3 Millionen Mal wurde das Video angeguckt. 4,9 Millionen Nutzern gefällt es.

In einem anderen Video betritt Depp den Gerichtssaal und nickt seiner Anwältin Camille Vasquez zu, sie lächelt zurück. Unterlegt mit dem auf Tiktok viral gegangenem Song „Cool for the Summer“ aus dem Jahr 2015 wurde das sechs Sekunden lange Video auf der Plattform 21,2 Millionen Mal angesehen. Es ist eines von Tausenden: Die juristische Schlammschlacht, die sich die beiden Hollywood-Schauspieler Depp und Heard derzeit in den USA liefern, ist zum Social-Media-Phänomen geworden.

Johnny Depp vs. Amber Heard: Der Prozess wird im Netz zum Phänomen

Nutzer und Nutzerinnen bieten täglich Meme-artige Clips und Meinungsvideos zu dem Prozess an: Die Tiktokerin Haley Toumaian fasst jeden Prozesstag zusammen und sammelt damit täglich hunderttausende Likes. Hunderte, wenn nicht gar tausende Accounts sind mit den Stichworten „Johnny Depp Trial“ in dem sozialen Netzwerk registriert.

Auf Twitter wurden teils stündlich mindestens 2000 neue Tweets zum Prozess abgesetzt. Für Camille Vasquez gibt es seit ihres Kreuzverhörs von Heard Fan-Accounts. Trägt Heard mal eine unschuldig anmutende Milchmädchenfrisur, wird diese unter die Lupe genommen. Videos von Depps Anhörung werden mit trauriger Musik unterlegt oder „Unstoppable“, einem dramatischen Lied der Interpretin Sia.

Depp und Heard vor Gericht: Im Netz steht bereits fest, wer hier der Bösewicht ist

An Prozesstagen gab es auf Tiktok hunderte Übertragungen der Verhandlungen, auch auf der Streaming-Plattform Twitch gab es zahlreiche Live-Sendungen. Jugendliche kommentieren den Gerichtsprozess online mit riesiger Reichweite. Selbst wenn man sich nicht für die Verhandlung interessiert – auf diesen Plattformen gibt es kein Entkommen. Das Verfahren zwischen Depp und Heard ist längst Massenentertainment – und für die meisten aktiven Zuschauer steht von Vornherein fest, wer hier der Bösewicht ist.

Seit Ende April 2022 lief der Verleumdungsprozess zwischen den beiden Hollywoodstars, bei dem jeglicher Streit und möglicherweise geschehene Gewalt zwischen dem Ex-Ehepaar vor Gericht besprochen werden. Die Liveübertragung des Prozesses hat zudem dazu geführt, dass sich die Internetgemeinde parallel auf jeglicher Social-Media-Plattform tagesaktuell zu den Entwicklungen äußern kann.

Häusliche Gewalt, Sucht, zerbrochene Ehe: Für Depp und Heard geht es um die Karriere

Depp hat Heard auf 50 Millionen Dollar (rund 47 Millionen Euro) Schadenersatz verklagt. Er wirft der 36-Jährigen vor, seiner Karriere mit falschen Anschuldigungen der häuslichen Gewalt schwer geschadet zu haben. Hintergrund ist ein Beitrag für die „Washington Post“ aus dem Jahr 2018, in dem sich Heard als Opfer häuslicher Gewalt bezeichnete, ohne Depp dabei namentlich zu nennen. Heard hat mit einer Gegenklage gegen den 58-Jährigen reagiert und verlangt 100 Millionen Dollar Schadenersatz.

Sie wirft ihm wiederum vor, sie vor und während ihrer von 2015 bis 2017 andauernden Ehe immer wieder gewaltsam attackiert zu haben. Der „Fluch der Karibik“-Star weist das zurück und wirft der aus Filmen wie „Aquaman“ bekannten Schauspielerin im Gegenzug gewalttätiges Verhalten vor.

Amber Heard ist auf Tiktok Täterin, Johnny Depp ihr Opfer

Unter den Hashtags #justiceforjohnnydepp und #istandwithjohnny versammeln sich die Nutzer hinter dem „Fluch der Karibik“-Star. Seine Ex-Frau ist für eine überwältigende Mehrheit der Twitch- und Tiktok-Nutzer eine „Täterin“, „Hexe“, eine, „die unter Eid lügt“. In Video-Analysen und Live-Kommentaren während der Streams versuchen Nutzerinnen und Nutzer auf den verschiedenen Plattformen aufzuzeigen, warum Depp in der – höchstwahrscheinlich von beiden Seiten – missbräuchlichen Beziehung das alleinige Opfer gewesen sei.

Als der bekannte britische Journalist Raven Smith vor rund zwei Wochen eine Kolumne mit dem Titel „Warum es an der Zeit ist, Amber Heard zu glauben“ in der Vogue veröffentlichte, brach ein derartiger Shitstorm über ihn ein, dass er sich für mehrere Tage von den sozialen Netzwerken zurückzog. Dabei thematisierte der Artikel eine eigentlich berechtigte Frage: Muss nicht die Lehre aus sein, dass Amber Heard, die ihre Missbrauchsvorwürfe teilweise belegen kann, Glauben geschenkt werden muss?

In den sozialen Netzwerken wird Gericht über die Beziehung gehalten

Am Ende ist das Faszinierende an dem Phänomen, zu dem Depp vs. Heard geworden ist, vor allem, dass ein deutlich jüngeres Publikum ohne juristischen Hintergrund oft mehrere Stunden am Tag einen Gerichtsprozess verfolgt hat. Zeugenbefragungen analysierte, Rechtsklauseln recherchierte.

Dass es nur um eine Verleumdungsklage geht, ist dabei nebensächlich. Auf Social Media steht die Beziehung der beiden vor Justitia: Mit unglaublichem Eifer geht es darum, zu beweisen, dass Heard dem Teufel Konkurrenz macht.

Gewaltiges Medieninteresse: Kate Moss sagte im Prozess aussagen

So ist es auch kein Wunder, dass nur wenige Momente, nachdem Heard während des Prozesses von einem Vorfall berichtete, bei dem Depp seine Ex-Freundin Kate Moss angeblich eine Treppe heruntergestoßen haben soll, die Leitungen buchstäblich brannten. „OMG (ugs. „Oh mein Gott“) Kate kann Johnny verteidigen“, kommentierte eine von vielen Zuschauern eines Livestreams direkt.

Das Supermodel und Depp waren zwischen 1994 und 1997 ein Paar. Die Erwähnung der Szene durch Heard ermöglichte es Depps Anwälten, die Model-Legende als Zeugin aufzurufen. Nur wenige Minuten dauerte ihr Auftritt am vergangenen Mittwoch. Die 48-jährige Britin, per Video aus England ins Gericht zugeschaltet, nahm Depp in Schutz. „Er hat mich nie gestoßen, getreten oder eine Treppe runtergeworfen“, sagte Moss.

Fans von Johnny Depp feiern die Zeugenaussage von Kate Moss

Depp-Fans, die den Star teilweise nicht mehr nur online unterstützten, sondern gar nach Fairfax reisten, um ihm vor dem Gericht Rosen und andere Geschenke zu überreichen, feierten die Aussage von Moss.

In dem über eineinhalb Monate langen Prozess hatten schon eine Reihe von Sachverständigen, Bekannten und früheren Mitarbeitern von Depp und Heard ausgesagt. Zwischenzeitlich war sogar erwartet worden, dass Tesla-Gründer Elon Musk und Schauspieler James Franco als Zeugen aussagen. Beiden Männern wird eine Affäre mit Amber Heard nachgesagt, im Prozess wurden Videoaufnahmen gezeigt, die dies belegen sollten. Sowohl Musk als auch Franco lehnten den Auftritt aber letztlich ab.

Depp-Heard-Prozess endet bald – auf Social Media steht Urteil bereits fest

Das Verfahren steuert langsam auf sein Ende zu: Richterin Penney Azcarate vom Gericht im Bezirk Fairfax im US-Bundesstaat Virginia hat den Fall am Freitagnachmittag (Ortszeit) an sieben Geschworene übergeben. Ein Urteil könnte jederzeit fallen. Das Gremium tagt jedoch nur an Wochentagen. Wegen eines Feiertags am Montag stehen weitere Beratungen kommende Woche erst wieder am Dienstag an.

Für Depp geht es um nicht weniger als seine Rehabilitation, er selbst gibt an, zumindest kein Drogenproblem mehr zu haben. Seine Karriere nahm aber vor allem wegen Heards Anschuldigungen einen deutlichen Schaden. So musste der für exzentrische Rollen bekannte Schauspieler seine Rolle des bösen Magiers Grindelwald in der Fantasy-Filmreihe „Phantastische Tierwesen“ aufgeben. Egal wie die Jury entscheiden wird: Auf Tiktok, Twitch und Twitter ist das Urteil schon längst gefallen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.