Corona-Pandemie

Mallorca-Wirte wollen klagen: „Schankverbot ist Schikane“

Palma.  Mallorca sperrt die Partymeilen der Deutschen. Sie haben sich nicht an die Corona-Hygieneregeln gehalten. So ist die Stimmung vor Ort.

Partys auf Mallorca in Corona-Zeiten besorgen Spahn

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich besorgt über die Partys deutscher Touristen auf der spanischen Urlaubsinsel Mallorca gezeigt. "Wir müssen sehr aufpassen, dass der Ballermann nicht ein zweites Ischgl gibt."

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„Nicht tanzen, sitzen bleiben“, steht auf einer großen Tafel am Eingang des Gasthauses „Münchner Kindl“, das mitten in Mallorcas „Ballermann“-Vergnügungsviertel an der Playa de Palma liegt. Und eine weitere Bitte an die Gäste: „Maske auf beim Betreten.“ Unter den Corona-Benimmregeln dann noch der Hinweis: „Feiern und Spaß haben ist erlaubt.“

Das „Münchner Kindl“ hat Glück, dass es nicht direkt in jenen beiden bekannten deutschsprachigen Partymeilen, der „Bierstraße“ und der „Schinkenstraße“ liegt, die von Mallorcas Behörden Mitte der Woche überraschend dicht gemacht wurden. Begründung für die Schließung: Innerhalb der Lokale und in den Außenbereichen seien die Corona-Hygieneregeln, wie soziale Distanz und Maskenpflicht, ignoriert worden.

Corona-Beschränkungen auf Mallorca

Im „Kindl“ und in etlichen anderen Schänken der Umgebung darf der Betrieb hingegen weitergehen. Wenn auch gebremst und mit behördlichen Auflagen, die von der Polizei streng kontrolliert werden.

Zu den neuen Corona-Beschränkungen für die gesamte Insel-Gastronomie gehört, dass nun das Trinken mit langen Strohhalmen verboten ist. Diese wurden bisher gerne bestellt, um mit Freunden gemeinsam aus großen Krügen Sangria zu saufen. Das sei in Virus-Zeiten zu riskant, beschieden die Gesundheitsbehörden.

Zudem dürfen, um Alkoholexzesse zu erschweren, nur noch in Gläser mit maximal 0,6 Liter Fassungsvermögen ausgegeben werden. Stehtische wurden in den Lokalen ebenfalls abgeschafft, damit die Gäste nicht wild durcheinanderlaufen. Alle Besucher müssen künftig brav am Tisch sitzen. Lesen Sie auch: Maskenpflicht auf Mallorca verschärft – diese Corona-Regeln gelten

Ballermann: Bierstraße und Schinkenstraße sind geschlossen

„Ballermann“-Fans müssen somit auch nach dem Schankverbot in einem Teil des Partyviertels nicht gänzlich aufs Ausgehen verzichten. Auch wenn es außerhalb der nun trockengelegten „Bierstraße“ und „Schinkenstraße“ üblicherweise etwas zivilisierter zugeht. „Aber man kann auch gesittet und mit etwas Abstand sein Cocktail oder Bierchen trinken“, gibt eine deutsche Urlauberin im Online-Forum des „Mallorca-Magazins“ zu bedenken.

In den beiden stillgelegten „Ballermann“-Straßen herrscht hingegen nun wieder tote Hose – wie schon in den Monaten der totalen Corona-Inselquarantäne. Ein großes Polizeiaufgebot wachte über die Einhaltung des Fiesta-Verbotes. Bei Verstößen drohen den Wirten bis zu 600.000 Euro Strafe. Eine Verlängerung des zunächst zweimonatigen Banns ist nicht ausgeschlossen.

Magaluf: Auch die „Punta Ballena“ wurde stillgelegt

Das britische Sauf-Epizentrum im 30 Kilometer entfernten Magaluf mit der legendären Pub-Straße „Punta Ballena“ wurde ebenfalls stillgelegt. Dort hatte es am vergangenen Wochenende die schlimmsten Szenen gegeben: Anwohner fanden ihre auf der Straße abgestellten Autos demoliert vor. Auf Videos sah man später, wie Betrunkene auf den Fahrzeugdächern tanzten. Mehrere Karosserien waren von Erbrochenem bedeckt. „Ekelhaft“, erregten sich Einheimische.

Francina Armengol, Regierungschefin Mallorcas und der Nachbarinseln, tobte anschließend: „Wir wollen nicht diesen Sauftourismus.“ Und erst recht nicht in diesem Corona-Sommer, in dem das Risiko eines neuen Virusausbruchs allerorten groß sei. Man werde nicht tolerieren, dass dieses „unzivilisierte und unverantwortliche Verhalten einer Minderheit“ die Gesundheit aller und die Erholung der Tourismuswirtschaft gefährde.

Alkohol, Sex, Drogen: Mallorca kämpft gegen Exzesse

Schon seit Jahren kämpft Armengol, die einer Mitte-links-Koalition vorsitzt, gegen Exzesse am „Ballermann“. Sie erließ Sittengesetze, mit denen zum Beispiel das beliebte Sangria-Trinken am Strand aus 10-Liter-Eimern verboten wurde. Alkoholgelage und unzüchtige Handlungen auf der Straße sind ebenfalls schon länger untersagt. Gebracht hat es wenig: Drogen-, Sauf- und Sexskandale sorgen jedes Jahr für Negativschlagzeilen.

Und nun also Corona-Partys, bei denen alle Hygieneregeln in den Wind geschlagen wurden: „Stell dir vor, du bist als normaler Mensch im Urlaub auf Mallorca, gehst wandern und lecker essen, hältst Abstand... und dann musst du auf dem Rückflug mit diesen Ballermann-Partytypen im Flieger sitzen“, empörte sich die Twitter-Nutzerin Emmanuelle. Das sei ein Albtraum.

Die auf Mallorca lebende deutsche Schauspielerin Jenny Jürgens, Tochter des 2014 verstorbenen Sängers Udo Jürgens, wetterte: „Geht’s noch? Ihr seid hier Gäste! Verhaltet Euch verdammt noch mal auch so! Die Mallorquiner und die Menschen, die hier leben, haben sich monatelang in absoluter Disziplin in der spanischen Quarantäne geübt! Und jetzt kommt Ihr hier angereist – ohne jeglichen Respekt und ohne Achtung und feiert Eure beknackten Ballermann-Partys?“

Corona-Brennpunkt: Mallorca könnte zum Hot Spot der Pandemie werden

Die Inselregierung reagierte mit dem Schankverbot auf die Sorge, dass Mallorca zum neuen europäischen Corona-Brennpunkt werden könnte. Vor allem in Deutschland waren Befürchtungen laut geworden. „Wir müssen sehr aufpassen, dass der Ballermann kein zweites Ischgl wird“, hatte zum Beispiel Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn gewarnt. Der Tiroler Skiort Ischgl war im März ein Corona-Brennpunkt. Viele Winterurlauber steckten sich dort beim Après-Ski an.

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Bisher ist Mallorca dank der Insellage besser als die meisten anderen europäischen Regionen durch die Corona-Krise gekommen. „Die epidemiologische Situation auf der Insel ist exzellent“, bekräftigt die Balearen-Regierung. Und damit dies auch so bleibe, werde man bei Verstößen gegen die Corona-Regeln hart durchgreifen.

Mallorcas Regierung will kein Risiko mehr eingehen

Die Kult-Kneipe „Et Dömsche“ in der „Bierstraße“ hatte vor der Zwangsschließung per Facebook noch an die Vernunft der Gäste appelliert: „Bitte funktioniert die sonst so gepflegte und gesittete Bierstraße nicht in ein asoziales und rücksichtsloses Saufgelage um.“

Doch der Aufruf, die Corona-Regeln zu respektieren, kam zu spät: Mallorcas Regierung wollte kein Risiko mehr eingehen und schloss die Vergnügungsstraße. Die betroffenen Kneipiers halten die Maßnahme für überzogen und wollen nun vor Gericht ziehen. Auch im „Dömsche“ ist der Frust groß: „Das ist Schikane! Bei uns wurde sich jederzeit an die geltenden Bestimmungen gehalten!“

Und in einem gemeinsamen Schreiben erklären die „Bierstraßen“-Gastronomen: „Wir wollen unseren Gästen ihren Urlaub einfach trotz der schwierigen Bedingungen so schön wie möglich gestalten, was uns auch bis dato hervorragend gelungen ist! Ok, es standen mal zu viele Leute auf der Straße, und es hatte vielleicht auch nicht jeder eine Maske an, aber wo ist das bitte nicht so?“