Kriminalfall

Maddie McCann: Ermittler prüfen Verbindung zum Fall Tristan

Braunschweig.  2007 wurde Maddie McCann in Portugal entführt – jetzt wird gegen einen Deutschen ermittelt. Die Behörden erhalten Hunderte Hinweise.

Anwalt der McCanns setzt große Hoffnung auf neue Ermittlungen

Die neue Spur im Fall der vor dreizehn Jahren verschwundenen Madeleine MacCann macht auch dem portugiesischen Anwalt von "Maddies" Eltern, Rogerio Alves, große Hoffnung. Besonders die Tatsache, dass die neuen Erkenntnisse von der deutschen Polizei kommen, lässt den Anwalt hoffen, dass der Fall bald geklärt werden kann.

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  • Spektakuläre Wende im Fall Maddie McCann: Nach jahrelangen Ermittlungen steht jetzt ein Deutscher unter Verdacht
  • Der aus Braunschweig stammende Mann soll die damals dreijährigen Britin aus einer portugiesischen Ferienanlage entführt und ermordet haben
  • Der mögliche Täter ist vorbestraft und sitzt derzeit in Haft – könnten ihm auch andere Fälle zuzurechnen sein?
  • Aktuell prüfen Ermittler Verbindungen zum Fall des vermissten Tristan aus Frankfurt
  • Die Ermittler starteten einen Aufruf bei „Aktenzeichen XY ..“ im ZDF – sowohl bei den Behörden in Großbritannien als auch beim BKA gingen Hunderte neue Hinweise ein
  • Wie ist der aktuelle Stand der Ermittlungen? Und was ist über den mutmaßlichen Täter bekannt?

Im Fall der 2007 spurlos in einem portugiesischen Urlaubsort verschwundenen Maddie McCann zeichnet sich eine spektakuläre Wende ab. Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft hat gegen einen 43 Jahre alten Deutschen Ermittlungen wegen Mord an der damals dreijährigen Britin eingeleitet. Er soll zur Tatzeit in der Nähe der Ferienanlage gewohnt haben, aus der Maddie verschwand. Derzeit sitzt der mehrfach straffällig gewordene Verdächtige in Kiel eine alte Haftstrafe ab. Auch andere alte Fälle vermisster Kinder stehen nun wieder im Fokus.

Das Bundeskriminalamt (BKA) und die Staatsanwaltschaft Braunschweig hatten Anfang Juni überraschend bekanntgegeben, dass der 43-jährige Deutsche in dem Fall unter Mordverdacht steht. Zeitgleich gab es einen erneuten Zeugenaufruf zur verschwundenen Maddie in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“. Nach lautem internationalen Medienecho erhoffen sich die Ermittler Hinweise aus der Bevölkerung, die doch noch zum Durchbruch führen.

Fall Maddie McCain: Britische Polizei geht neuen Hinweisen nach

Beim BKA sind seit dem Aufruf Hunderte Hinweise eingegangen. Das sagte der Sprecher der Braunschweiger Staatsanwaltschaft, Hans Christian Wolters, am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Die Hinweise würden nun abgearbeitet. „Erfahrungsgemäß wird die Auswertung dieser Hinweise zumindest mehrere Wochen, wenn nicht Monate in Anspruch nehmen.“ Darum wirkten Maddie McCanns Eltern so abgeklärt.

Auch aus dem Ausland gibt es bereits neue Hinweise: Die britische Polizei hat etwa 400 neue Hinweise zum Mordfall Maddie erhalten. Sie seien telefonisch oder per E-Mail eingegangen, teilte ein Polizeisprecher am Sonntag in London mit. Ein 43-jähriger Deutscher soll am 3. Mai 2007 die kleine Madeleine McCann aus einer Ferienanlage in Portugal entführt haben. Die Ermittler in Deutschland sind überzeugt, dass das Kind tot ist.

Die britische Polizei geht hingegen auch nach 13 Jahren weiter von einem Vermisstenfall aus. „Es gibt keinen endgültigen Beweis, dass Madeleine noch lebt oder tot ist“, so der Sprecher von Scotland Yard.

Eine britische Zeugin will den Verdächtigen nach einem Bericht der „Sun“ vom Samstag wiedererkannt haben. Er soll sich damals in der Nähe des Appartements der Familie McCann merkwürdig verhalten haben. Die Zeitung nennt die Frau eine „glaubwürdige Zeugin“, die den Mann schon wenige Stunden nach dem Verschwinden des kleinen Mädchens in der Ferienanlage in Portugal beschrieben haben soll.

Als ihr nun ein Bild von dem Verdächtigen gezeigt wurde, sagte die Zeugin der „Sun“ zufolge: „Das ist der Mann, den ich gesehen habe.“ Scotland Yard wollte den Bericht auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur am Wochenende nicht kommentieren.

Eine Spur führte die deutschen Ermittler nach Sachsen-Anhalt – und damit zum Fall der 2015 verschwundenen damals fünfjährigen Inga. Dort fanden die Ermittler allerdings zunächst keine Hinweise auf Verbindungen zum Tatverdächtigen im Fall Maddie.

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft überprüft einen möglichen Zusammenhang zum Fall Tristan. Es sei zu früh, „um zu spekulieren“. Die verstümmelte Leiche des 13-jährigen Tristan Brübach wurde 1998 im Frankfurter Stadtteil Höchst gefunden. Der Fall konnte bis heute nicht aufgeklärt werden.

Auch haben Ermittler geprüft, ob der Verdächtige in Verbindung mit der Entführung eines Kindes aus dem Raum Köln steht – dem 1996 in Portugal verschwundenen René Hasee. Der sechsjährige Junge aus Elsdorf bei Bergheim war im Sommerurlaub an der Algarve am Strand verschwunden, als seine Mutter und ihr Lebensgefährte ihn für einen Moment aus den Augen gelassen hatten. Die Ermittler konnten in diesem Fall aber keine neuen Hinweise oder Ermittlungsansätze finden.

Ermittler traten in „Axtenzeichen XY“ an die Öffentlichkeit

Mit ihrem Verdacht im Fall Maddie traten die Staatsanwaltschaft und das Bundeskriminalamt am Mittwochabend in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ erstmals an die Öffentlichkeit. Mehr als 5,2 Millionen Zuschauer sahen die Folge, in der über Maddies Fall berichtet wurde. Am frühen Donnerstagnachmittag informierte die Staatsanwaltschaft die Öffentlichkeit auch in einer vom NDR live übertragenen Pressekonferenz über den Stand der Ermittlungen.

Allerdings: Neue Erkenntnisse lieferten die Ermittler nicht, Nachfragen von Journalisten wurden nicht beantwortet. Hans Christian Wolters, Sprecher der Braunschweiger Staatsanwaltschaft, verlas lediglich eine Pressemitteilung, die bereits am Vorabend veröffentlicht worden war, und verwies auf laufende Ermittlungen.

Lesen Sie hier: Sexueller Kindesmissbrauch: Elf Festnahmen in neuem Fall

Derzeit gingen sie aber davon aus, dass Maddie nicht mehr lebe, sagte der Behördensprecher. Zudem richtete er eine eindringliche Bitte an die Bevölkerung: Jeder, der Informationen liefern könne, sei aufgerufen, sich bei der Polizei zu melden, und zu helfen, den Fall zum Abschluss zu bringen.

Immerhin: Ein wichtiges Ziel haben die Ermittler mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit erreicht. Nach der Ausstrahlung der Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ seien zahlreiche Hinweise eingegangen, die nun ausgewertet würden, wie Staatsanwalt Hans Christian Wolters sagte.

Maddie McCann: Eltern wenden sich an die Öffentlichkeit

Bereits am Mittwochabend hatten sich auch Maddies Eltern, Kate und Gerry McCann, mit einer Stellungnahme in den sozialen Netzwerken zu Wort gemeldet. Auf der Facebook-Seite „Official Find Madeleine Campaign“ veröffentlichten sie einen Post, in dem sie den Ermittlern für alle Mühen bei der Suche nach ihrer Tochter dankten.

„Alles, was wir jemals wollten, ist, sie zu finden, die Wahrheit aufzudecken und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen“, heißt es in der Stellungnahme. Zwar würden sie die Hoffnung nicht aufgeben, ihre Tochter lebend wiederzufinden, aber es sei ebenfalls wichtig, Frieden zu finden, so das Paar.

Weitere Stellungnahmen werde es zunächst nicht geben, kündigten die McCanns an und dankten auch der Öffentlichkeit für die Unterstützung.

Fall Maddie löste weltweit Anteilnahme aus

Der Fall Maddie ist ein Kriminalfall, der wie kaum ein anderer weltweit Anteilnahme und Spekulationen erzeugt hat: Am Abend des 3. Mai 2007 verschwand die dreijährige Britin Madeleine McCann auf rätselhafte Weise aus einem Ferien-Appartement in dem portugiesischen Urlaubsort Praia da Luz an der Algarve.

Der Fall löste Suchaktionen, internationale Ermittlungen und eine jahrelange Spurensuche aus, die immer wieder im Sande verlief. Maddie blieb verschwunden. Bis heute. Lesen Sie auch: Fall Maddie – Deutscher im Fokus der Ermittlungen.

Bei dem Beschuldigten handelt es sich nach Angaben des Bundeskriminalamtes um einen mehrfach vorbestraften Sexualstraftäter, der unter anderem auch wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt worden ist.

Im September 2017 war er wegen Besitzes von Kinderpornografie und sexuellen Missbrauchs eines Kindes vom Landgericht Braunschweig verurteilt worden. Das bestätigte am Donnerstag Thomas Klinge, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, die für alle Fälle in Niedersachsen mit Bezug zu Kinder- und Jugendpornografie zuständig ist.

Der Mann habe eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten erhalten, die er bereits verbüßt habe, sagte der Sprecher. Die Ermittlungen in diesem Fall hätten bereits 2014 begonnen. Zwischen 1995 und 2007 soll der Verdächtige regelmäßig an der Algarve gelebt haben, unter anderem für einige Jahre in einem Haus zwischen Lagos und Praia da Luz.

BKA sucht per Öffentlichkeitsfahndung – Verdächtiger zuletzt in Braunschweig gemeldet

Nach bisherigen Erkenntnissen hatte er in dieser Zeit im Raum Lagos mehrere Gelegenheitsjobs, unter anderem in der Gastronomie. Weitere Anhaltspunkte legen BKA und Braunschweiger Staatsanwaltschaft zufolge nahe, dass er seinen Lebensunterhalt zudem durch die Begehung von Straftaten, darunter Einbruchdiebstähle in Hotelanlagen und Ferienwohnungen sowie Drogenhandel, bestritt.

  • Rückblick: Familie McCann sucht seit zehn Jahren nach Tochter Maddie

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig sei mit den Ermittlungen befasst, weil der Beschuldigte vor seinem Auslandsaufenthalt seinen letzten Wohnsitz im hiesigen Bezirk hatte. Im Rahmen der Ermittlungen, die im Auftrag der Staatsanwaltschaft Braunschweig durch das Bundeskriminalamt (BKA) in enger Zusammenarbeit mit der Metropolitan Police/Großbritannien sowie der Polícia Judiciária/Portugal geführt werden, werde jetzt auch öffentlich um Mithilfe der Bevölkerung gebeten, heißt es in der Pressemitteilung.

Das BKA sucht unter anderem Zeugen, die den Wagen des Verdächtigen gesehen haben könnten. Den ganzen Fahndungsaufruf des BKA zu Maddie Mc Cann, finden Sie hier.

Vermisste Inga: Hat der Verdächtige im Fall Maddie auch mit ihrem Verschwinden zu tun?

Die Ermittlungen gegen den nun im Fall Maddie verdächtigen Deutschen führen auch in einem weiteren Fall zu einer neuen Spur: dem Fall der 2015 verschwundenen Inga. Das damals fünf Jahre alte Mädchen – ebenfalls blond und zierlich wie Maddie – wird bis heute vermisst.

So sucht die Staatsanwaltschaft Stendal nach möglichen Verbindungen zwischen beiden Vermissten-Fällen. Im Zusammenhang mit dem Tatverdacht im Fall Maddie werde geprüft, ob es Anhaltspunkte für Zusammenhänge gebe und ob sich daraus ein Anfangsverdacht gegen den Tatverdächtigen ergebe, teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag in Stendal mit. Weitere Details wurden nicht genannt.

Wie die „Magdeburger Volksstimme“ am Freitag berichtete, soll er ein verfallenes Grundstück in der Börde besitzen. Er soll in der Nähe gewesen sein, als 2015 die damals fünfjährige Inga aus Schönebeck im Landkreis Stendal aus einem Wald verschwand. Dorthin hatte sie mit ihrer Familie einen Ausflug gemacht. Umfangreiche Suchaktionen und Ermittlungen konnten nicht klären, was mit Inga geschah.

Bereits im Februar 2016 hatte es dem Bericht zufolge auch in Sachsen-Anhalt Ermittlungen gegeben. Auf dem Grundstück des Verdächtigen in Neuwegersleben fanden die Beamten einen Datenstick mit Kinderpornografie. Nur einen Tag vor dem Verschwinden von Inga soll der Verdächtige auf einem Autobahnrastplatz bei Helmstedt einen Unfall gehabt haben. Die Anwältin von Ingas Mutter fordert laut „Volksstimme“ nun neue Ermittlungen.

Der Fall Maddie McCann – Eine Zusammenfassung

  • Am Abend des 3. Mai 2007, neun Tage vor ihrem vierten Geburtstag, verschwand Madeleine McCann während eines Familienurlaubs an der portugiesischen Algarve spurlos aus ihrem Appartement in einer Ferienanlage in dem Urlaubsort Praia da Luz.
  • Wie konnte das passieren? Die Eltern, das britische Ärztepaar Kate und Gerald McCann, aßen zu dieser Zeit im Tapas-Restaurant der Anlage in geselliger Runde zu Abend. Im Wechsel sahen die Eltern bei den Kindern nach dem Rechten. Als Kate McCann gegen 22 Uhr das Zimmer betrat, in dem Maddie und die jüngeren Zwillinge schliefen, war das Bett der Dreijährigen leer, ein zuvor verschlossenes Fenster stand offen.
  • Damit begann unter den Augen der Weltöffentlichkeit eine beispiellose Suche nach dem verschwundenen Mädchen, nach Täter und Motiv. Wurde das Kind das Opfer eines Einbrechers, eines Pädophilen oder von Menschenhändlern?
  • Auch die Eltern selbst wurden zwischenzeitlich verdächtigt: Wollten Kate und Gerald McCann vertuschen, dass sie selbst, etwa durch die Gabe eines zu hoch dosierten Medikaments oder einen anderen Unfall, für Maddies Tod verantwortlich waren?
  • Zwei Zeugen hatten unabhängig voneinander ausgesagt, im Tatzeitraum einen Mann gesehen zu haben, der ein schlafendes Kind auf dem Arm davontrug, das Maddie hätte sein können. Im Appartement selbst fanden die Ermittler keine tauglichen Spuren.
  • Der Fall bewegte nicht nur wegen seiner Rätselhaftigkeit ein mediales Millionenpublikum, das der Streamingdienst Netflix mit einer achtteiligen Doku-Serie ebenso bediente wie etwa auch Kate McCann selbst mit ihrem Bestseller „Das Verschwinden unserer Tochter und die lange Suche nach ihr“.
  • Zudem hatten Maddies Eltern früh die Presse eingeschaltet und die Öffentlichkeit um Hilfe bei der Suche nach ihrer Tochter gebeten. „Es wirkte so, als würde die ganze Welt an Maddies Schicksal teilhaben“, heißt es in einer Fernsehdokumentation zum Fall Maddie. Die Eltern hätten vor der Welt ihren Schmerz ausgeschüttet.
  • Hinweise auf Maddie sollen aus 42 Ländern auf fünf Kontinenten gekommen sein. Doch alle vermeintlichen Sichtungen des blonden Mädchens mit den blauen Augen liefen ins Leere. Hinweise auf Verdächtige ließen sich in der Vergangenheit nicht erhärten. Auch die Vermutung nach dem Anschlagen eines Leichen- und eines Blutspürhundes, Maddie könnte in der Ferienwohnung gestorben sein, wurde später von Forensikern widerlegt.
  • In die Ermittlungen waren neben den portugiesischen auch britische Ermittler eingeschaltet. Seit 2011 befasst sich eine Spezialeinheit von Scotland Yard mit dem Fall.

Verdächtiger im Fall „Maddie“ beschäftigt auch den BGH

Die Haftstrafe, die der Verdächtige derzeit in Kiel absitzt, hatte das Amtsgericht Niebüll bereits 2011 gegen ihn verhängt. Dabei ging es um Handel mit Betäubungsmitteln. Parallel ist wegen der Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn Untersuchungshaft angeordnet.

Seine aktuelle Haftstrafe hat der Mann fast zu zwei Dritteln verbüßt, damit stand er kurz vor der Entscheidung über eine mögliche Freilassung auf Bewährung. Das geht aus zwei Beschlüssen des Bundesgerichtshofs (BGH) vom 21. April hervor (Az. 6 StR 41/20). Bei den Strafrichtern der Leipziger BGH-Außenstelle ist die Revision des 43-Jährigen in einem anderen Strafverfahren anhängig. Dabei geht es um die Vergewaltigung einer damals 72-jährigen US-Amerikanerin in Portugal im Jahr 2005.

Von der BGH-Entscheidung wäre mit abhängig, ob die U-Haft wegen der Vergewaltigungsvorwürfe Bestand hat und damit nahtlos die verbüßte Haftstrafe ablöst. Weil es bei der Revision rechtlich um die Vollstreckung eines europäischen Haftbefehls geht, hat der BGH das Verfahren ausgesetzt und dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) vorgelegt. Das geht aus den veröffentlichten Beschlüssen hervor. (mit jkali/ba/dpa/afp)