Konsequenz

„Umweltsau“: Künftig mehr Kommunikation im WDR-Kinderchor

Köln.  Das „Umweltsau“-Video sorgte für Diskussionen. Vorstand und Eltern des Kinderchors sollen bei brisanten Themen vorab informiert werden.

Das Gebäude des WDR in Köln.

Das Gebäude des WDR in Köln.

Foto: Oliver Berg / dpa

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  • Das Satire-Video des WDR zum „Umweltsau“-Lied sorgte für Diskussionen
  • TV-Comedy-Autoren warfen dem WDR vor, Mitarbeiter „auf Fahrlässigste“ allein gelassen zu haben
  • Vorstand und Eltern des Kinderchors sollten künftig vorab informiert werden
  • Es gab Demonstrationen vor der Zentrale des Senders in Köln
  • Armin Laschet, Ministerpräsident von NRW, kritisierte zuvor die Öffentlich-Rechtlichen

Nach dem Wirbel um das „Umweltsau“-Lied sollen Vorstand und Eltern des WDR-Kinderchors bei brisanten Themen künftig vorab informiert werden. Diese Konsequenz sei am vergangenen Donnerstag bei einem Elternabend des Chors mit dem Leiter Zeljo Davutovic vereinbart worden, sagte der Vorstandsvorsitzende der Dortmunder Chorakademie, Jan Boecker, am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Zuvor hatten die „Ruhr Nachrichten“ berichtet. Personelle Konsequenzen werde es nicht geben: „Zeljo Davutovic bleibt weiter Chorleiter“, stellte Boecker klar. Der WDR-Kinderchor ist eine seit 2017 bestehende Kooperation des Senders mit der Chorakademie Dortmund.

Das umstrittene „Umweltsau“-Lied des Westdeutschen Rundfunks und das Krisenmanagement des Senders sorgten zuvor für Diskussionen. In einer außerordentlichen Redakteursversammlung mit mehreren Hundert Teilnehmern haben sich WDR-Mitarbeiter in Köln über mangelnde Rückendeckung durch Intendant Tom Buhrow beklagt.

Seine schnelle Distanzierung vom „Umweltsau“-Lied habe viele verunsichert, hieß es nach Angaben eines Teilnehmers bei der nicht-öffentlichen Versammlung. Für diese Mitarbeiter stelle sich die Frage, ob man sich künftig überhaupt noch an eine Satire heranwagen könne. Buhrow betonte daraufhin den Angaben zufolge, dass alle unbedingt so weitermachen sollten wie bisher, es habe sich nichts geändert, und es dürfe und solle weiter experimentiert werden.

Die Senderspitze habe auch darauf verwiesen, dass man das „Umweltsau“-Video zum Schutz der Kinder von der Seite genommen habe. Kritik gab es in der Versammlung auch an der Krisenkommunikation des WDR, bei der so manches schief gelaufen sei.

„Umweltsau“-Video: TV-Autoren stellen sich hinter WDR-Kollegen

Unternehmenssprecherin Ingrid Schmitz sagte im Anschluss an die Veranstaltung: „Es war ein offener, kritischer und konstruktiver Austausch, der mit Blick nach vorne weiter fortgesetzt wird.“ Intendant Buhrow und seiner Geschäftsleitung sei es wichtig gewesen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern transparent Rede und Antwort zu stehen.

Der Meinungsstreit beschäftigt am kommenden Donnerstag auch den nordrhein-westfälischen Landtag. Auf Antrag der AfD-Opposition setzt der Kultur- und Medienausschuss das Thema unter dem Titel „WDR-Kinderchor-Skandal“ auf seine Tagesordnung.

In einem offenen Brief stellten sich am Montag zudem 44 Fernsehautoren und -autorinnen hinter die betroffenen WDR-Mitarbeiter und forderten die „sofortige Wiederonlinestellung“ des Videos.

Die Mitarbeiter des WDR seien von ihrem Arbeitgeber „aufs Fahrlässigste allein gelassen“ worden, hieß es in dem Brief, der mit „Solidaritätserklärung“ überschrieben ist. Zu den Unterzeichnern gehören Autoren und Autorinnen bekannter deutscher Satire- und Comedyshows, unter anderem der „Heute Show“ und des „Neo Magazin Royale“.

Der Streit um das Lied entbehre jeder Grundlage, so die Autoren: „Eine (!) fiktionale Oma diskriminiert genauso wenig eine ganze Generation wie der Alkoholiker-Vater aus ‘Papa Was a Rollin’ Stone’ nicht alle Männer für untauglich erklärt.“ Der eigentliche Skandal sei es, dass rechte „Trolle“ nach bekannten Mustern den Diskurs übernommen und eine Verschiebung des Sagbaren erreicht hätten.

„Umweltsau“: Glaubwürdigkeitsverlust für WDR-Intendant Buhrow?

Intendant Buhrow – der sich live per Anruf in einer WDR-Sendung für das Lied entschuldigt hatte – sei mit seiner Reaktion auf den „künstlich erzeugten“ Skandal in eine Falle getappt, „aus der er ohne massiven Glaubwürdigkeitsverlust“ nicht mehr heraus komme.

„Ein Medienmanager, dessen Umgang mit moderner, rechter Propaganda von so viel Naivität und Ungeschicktheit zeugt und der nicht in der Lage ist, sich in einfachsten Fragen der Presse- und Meinungsfreiheit vor seine MitarbeiterInnen zu stellen, gefährdet eben diese Freiheiten“, heißt es im Brief weiter. Buhrow solle die Konsequenzen ziehen. Wie diese aussehen sollen, wurde nicht ausgeführt.

Wenige Tage zuvor hatte sich auch die Redakteursvertretung des WDR „fassungslos“ gezeigt, dass Buhrow „einem offenbar von Rechtsextremen orchestrierten Shitstorm so leicht nachgibt“.

Rechtsextreme verschaffen sich Zugang zu Dach des WDR-Funkhaus

Zuvor hatten sich rechtsradikale Aktivisten Zutritt zum Dach des WDR-Funkhauses verschafft und von dort aus ein Banner aufgehangen. Zudem haben sie Flugblätter heruntergeworfen.

Davor hatten sich rund 50 Menschen aus hauptsächlich rechten Gruppierungen vor dem WDR-Funkhaus versammelt und protestierten gegen das Video. Etwa 1.500 Menschen hatten sich zu einer Gegendemonstration gegen die Kundgebung rechtspopulistischer und rechtsextremer Gruppen zusammengefunden.

„Umweltsau“-Video: Demonstranten beklagen sich über „merkwürdige Posts“

Die rechten Demonstranten, die einem Aufruf aus dem Umfeld der „Bruderschaft Deutschland“, aus AfD-Kreisen sowie Gruppen, die der Identitären Bewegung gefolgt waren, beklagten sich über „merkwürdige Posts“, die eine ganze Generation verunglimpften.

Sie bezogen sich dabei offenbar auf einen Tweet eines WDR-Reporters. Der hatte auf Twitter geschrieben, dass die Großmütter derjenigen, die sich über das „Umweltsau“-Video des WDR aufregen würden, „Nazisäue“ gewesen wären. WDR2-Chef Jochen Rausch und auch der betroffene Reporter hatten sich anschließend für den Tweet entschuldigt und sich davon distanziert.

Für Armin Laschet geht mit dem Video „Maß und Mitte“ verloren

Ein Anzeichen, dass „Maß und Mitte“ in der Gesellschaft verloren gehen, sah der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) in dem Video, wie er der „Zeit“ erklärte.

Allerdings bezog er sich damit nicht auf die heftigen Reaktionen, sondern auf den Inhalt. Er sehe Unerbittlichkeit, Aggression – „Wenn wir die Debatten, die jetzt anstehen, tribunalisieren, wird die Gesellschaft daran zerbrechen“, warnt Laschet. „Warum nur kann man nicht für Klimaschutz eintreten, ohne daraus einen Generationenkonflikt zu konstruieren?“

Weiter meint er: „Wer eine andere Auffassung vertritt, ist keine Sau und auch kein Schwein.“ Und sieht offenbar die Pflicht der Öffentlich-Rechtlichen verletzt: „In diesen Zeiten brauchen wir dringend einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der dem Zusammenhalt dient, wie es seinem Auftrag entspricht“, so der CDU-Politiker.

SPD-Chefin und Linke-Chef entsetzt über Umgang mit „Umweltsau“-Video

Anfangs hatte sich unter anderem auch noch die neue SPD-Chefin Saskia Esken über das Satire-Stück geäußert – und sich eher mit der Heftigkeit der Kritik auseinandergesetzt. Auf Twitter stellt die Bundesvorsitzende die Frage, was Satire darf. „Mich beunruhigt das, wenn Journalisten, Medienschaffende, Künstler in diesem Land keine Rückendeckung haben, weil Verantwortliche einem Shitstorm nicht standhalten. Mich beunruhigt das sehr.“

Linke-Chef Bernd Riexinger hat sich fassungslos über die Debatte gezeigt und den zuständigen Intendanten Buhrow scharf angegriffen. „Die Empörungswelle rund um das Satire-Video des WDR entbehrt jedweder Realität und Normalität“, sagte Riexinger unserer Redaktion.

„Anstatt über den Inhalt des Videos zu diskutieren, müssen Mitarbeiter des WDR um ihr Leben fürchten. Dass der WDR-Intendant sich nicht sofort konsequent hinter die Beteiligten gestellt hat, ist unverständlich und töricht.“ Weiter sagt er: „Satire darf erst mal alles, vor allem provozieren.“

„Man kann darüber diskutieren, ob man die Oma als Umweltsau bezeichnet. Ich persönlich halte davon nicht so viel.“ Zur Medienfreiheit gehöre aber, dass Satire provokativ sei. „Dass man sich darüber aufregt, gehört zur Satire dazu.“

„Oma ist ne alte Umweltsau“: WDR-Mitarbeiter erhält Morddrohungen

Der freie Mitarbeiter des WDR war wegen Tweets zum Lied zuvor bereits Morddrohungen ausgesetzt. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) forderte die Verantwortlichen beim WDR auf, sich aktiv um den Schutz des freien Journalisten zu bemühen. Der WDR verkündete über Twitter, dass der bedrohte Mitarbeiter unterstützt werde.

„Wir werden das nicht dulden, ich gehe mit allen juristischen Mitteln dagegen vor“, sagte Buhrow zu den Morddrohungen.

Auch Journalisten wie Georg Restle, Redaktionsleiter der ARD-Sendung Monitor, stellten sich auf Twitter hinter den freien Kollegen.

„Oma ist ne alte Umweltsau“ – Lied sollte zum Nachdenken anregen

Auch Chorleiter Zeljo Davutovic äußerte sich und wehrte sich gegen den Vorwurf, die Kinder seien „instrumentalisiert“ worden. Man habe erklärt, was die Parodie bezwecken solle. Alle Kinder hätten freiwillig und mit Zustimmung ihrer Eltern teilgenommen. Von dem Wirbel um das Satirelied sei er vollkommen überrascht worden.

„Ich habe geglaubt, dass das Lied in der WDR-Satire-Ecke bleiben und auch in diesem Kontext diskutiert werden würde“, erklärte Davutovic gegenüber sueddeutsche.de. Auch einige kritische Kommentare habe er erwartet, das Ausmaß der Auseinandersetzung aber nicht im Ansatz.

Für ihn sei klar gewesen, dass mit „Oma“ alle Menschen gemeint seien. „Selbst die Jüngeren werden in einigen Jahren oder Jahrzehnten Großeltern sein und sich von Nachfolgegenerationen Fragen gefallen lassen müssen, die unbequemer sind.“ Der Text bringe die jüngere Generation genauso zum Nachdenken.

„Es geht nicht um die Oma, sondern um uns alle. Hier schließe ich mich persönlich ein. Ich möchte mich als beteiligter Musiker bei allen entschuldigen, die sich trotz der Einordnung als Satire von uns persönlich angegriffen fühlen“, sagte Davutovic und stellte klar: „Wir haben in den vergangenen Jahren immer allergrößten Respekt vor Seniorinnen und Senioren gezeigt. Diesen werden wir uns auch in Zukunft nicht nehmen lassen.“

Das Satirelied – WDR ließ Kinderlied umdichten

Oma ist in dem umgedichteten Kinderklassiker keine „patente Frau“ wie im Original, sondern ‘ne alte Umweltsau“. Eine, die tausend Liter Super jeden Monat verbrennt, mit dem SUV zum Arzt fährt, zehn Kreuzfahrten im Jahr macht und sich Billigfleisch vom Discounter aufbrät. „2019 Friday for Future Version“ hat der WDR die Neufassung anfangs noch genannt.

Viele Hörer kritisierten „mangelnden Respekt“ gegenüber Älteren, andere schimpften, „Unterirdisch“, „unterstes Niveau“, „eine einzige Frechheit“.

Das Thema verselbstständigte sich, obwohl der WDR es sogar von allen seinen Seiten löschte.

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar: Warum wir uns alle beruhigen sollten.

• Mehr zum Thema: „Schmähkritik“: Jan Böhmermann zieht vor Verfassungsgericht

(mit epd/ba/tma)

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