Artensterben

Ostsee-Sanddorn leidet an einer mysteriösen Krankheit

Sebastian Kohler
| Lesedauer: 4 Minuten
In Brandenburg wird auch Sanddorn angebaut.

In Brandenburg wird auch Sanddorn angebaut.

Foto: picture alliance/ZB

Berlin  Die Zitrone des Nordens stirbt. Immer mehr Sanddornsträucher vertrocknen an den Stränden und auf den Plantagen Mecklenburg-Vorpommerns.

Der Sanddorn gehört zu den Markenzeichen Mecklenburg-Vorpommerns. Seit den 1980er-Jahren wurde die saure Frucht an der Ostseeküste kultiviert und erfuhr als Wildwuchs auf den Dünen der Sandstrände große Beliebtheit bei Touristen. Doch seit einigen Jahren leidet die Population an einer rätselhaften Krankheit. In diesem Jahr musste der Pionier der "Zitrone des Nordens" erstmals die Ernte ganz aufgeben.

Der Sanddorn in Not: Wahrzeichen der Strände in Mecklenburg-Vorpommern stirbt massenhaft

Der Sanddorn-Strauch produziert kleine, orangefarbene Früchte, die in Säften, , Fruchtmus, Brotaufstrichen sowie in Kosmetika Verwendung finden. Weil sich im Fruchtfleisch des Sanddorn neben Antioxidantien und Carotin auch noch bis zu 20-mal soviel Vitamin C findet wie in der Zitrone, gilt die "Dünenbeere" als gesundes Superfood. Die Überlebenskünstlerin stammt ursprünglich aus dem nepalesischen Hochland im Himalaya, benötigt aber nicht viel zum Blühen und gilt deswegen als Pionierpflanze.


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Zu Hochzeiten erntete der größte Produzent in Mecklenburg-Vorpommern, die Sanddorn Storchennest GmbH, rund 120 Tonnen Sanddorn. Seit 2015 ging es landesweit aber steil bergab, im vergangenen Jahr betrug der Ertrag lediglich vier Tonnen. Dieses Jahr musste das Agrarunternehmen aus Ludwigslust die Ernte erstmals komplett ausfallen lassen.


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Wichtig fürs Biotop Ufer: Kulturpflanze spendet Essen, Schutz und Halt

Weil Pionierpflanzen gemeinhin besonders robust sind, wirft das Massensterben Rätsel auf. Nun soll die Forschung dem Phänomen auf den Grund gehen. In Kooperation mit dem Julius Kühn-Institut, der Bundesforschungsanstalt für Nutzpflanzen, initiierte das Land Ende 2020 ein Verbundprojekt, das die Ursachen klären soll. Rund 1.100 Pilze wurden in Sanddorn-Proben bereits isoliert. "Ob einige davon direkt die beobachteten Krankheitssymptome auslösen können, wird aktuell geprüft", erklärt Frank Hippauf von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei auf Nachfrage des "Evangelischen Pressedienst".

Dabei handelt es sich nicht um das erste Massensterben der Pionierpflanze. Ähnlich verhielt es sich bereits bei Sanddorn-Kulturen in Estland, Finnland, Schweden, Russland, Weißrussland und China, dem weltweit größten Produzenten. Obwohl es sich beim Sanddorn in Deutschland um eine Nischenfrucht handelt, wiegt der Verlust der vielen Pflanzen schwer. Denn die weiblichen Sträucher brauchen viel Zeit um Früchte zu tragen. Etwa sechs bis acht Jahre müssen sie zur Fruchtreife wachsen. Just an dieser Altersschwelle beginnen sie unter dem Einfluss der unbekannten Krankheit zu vertrocknen.


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Kult-Frucht mit DDR-Vergangenheit: Die Suche nach dem Krankheitserreger

Noch sind die Anbaugebiete in Brandenburg und Sachsen-Anhalt, wohin die DDR-Führung einst die Sanddorn-Kultivierung delegierte, sowie in Schleswig-Holstein nicht von der Katastrophe erfasst. In Mecklenburg-Vorpommern wiegt der Verlust ungleich schwer. Mit ihren weitläufigen Wurzeln stabilisieren die Gewächse nämlich Küstendünen und bieten Vögeln und Reptilien Schutz, Nahrung und Lebensraum. Zudem gilt der Sanddorn mit seinen auffälligen Beeren mittlerweile als Markenzeichen der Ostseestrände.


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Was genau das Massensterben auslöst, ist unklar. Carolin Popp vom Julius Kühn-Institut sieht ein "komplexes Zusammenspiel von mehreren Faktoren und Wechselwirkungen zwischen Pflanze, Umwelt und verschiedenen Mikroorganismen inklusive potenzieller Krankheitserreger." Zumindest die Hoffnung auf einen Neuanfang lebt in Ludwigslust. "Wir pflanzen jedes Jahr drei bis vier Hektar an", heißt es vonseiten der Sanddorn Storchennest GmbH. Beim zweitgrößten Produzenten in der Nähe von Rostock findet dieses Jahr die letzte Ernte auf sechs Hektar statt. Künftig sollen hier Weihnachtsbäume wachsen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.