Radikalisierung

„Third Wave“-Experiment: Darauf beruht neue Netflix-Serie

Berlin.  Das „Third Wave“-Experiment des Pädagogen Ron Jones aus den 60ern liefert die Idee für die Serie „Wir sind die Welle“. Er bereut es.

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Irgendwo in der grauen, politisch braun gefärbten deutschen Provinz: Fünf Kids gründen eine Untergrund-Gang, lehnen sich auf gegen Rassismus, Waffenhandel, Umweltverschmutzung. Doch aus zivilem Ungehorsam wird Gewalt. Hinter allem steht die Frage: Wie weit darf Protest gehen? Die dritte deutsche Netflix-Serie „Wir sind die Welle“ sorgt derzeit für Diskussionsstoff, spaltet Kritiker und Zuschauer.

Angelehnt ist die Erzählung (wie schon der Roman und der Kinofilm „Die Welle“) an das bekannte „The Third Wave“-Experiment von 1967, das an der Cubberley High School im kalifornischen Palo Alto durchgeführt wurde. Der junge Geschichtslehrer Ron Jones will seinen Schülern den Nationalsozialismus erklären.

Er entschließt sich, ein Experiment zu starten. „Auf diese Weise sollten sie verstehen, wie Menschen Ideologien verfallen“, so der heute 78-Jährige zu unserer Redaktion. Also entwirft er als „Diktator“ eine Bewegung namens „The Third Wave“ mit dem vorgeblichen Ziel, die Unterrichtsleistung zu verbessern. Mit Leitgedanken wie „Stärke durch Disziplin“ und „Kraft durch Gemeinschaft“ schwört er die Gruppe aufeinander ein.

Vater bricht in Klassenzimmer ein

Innerhalb von nur fünf Tagen gerät das Experiment aus dem Ruder. Die Schüler und er selbst steigern sich immer fanatischer in ihre Rituale hinein, denunzieren vermeintlich Abtrünnige, mobben Nicht-Mitglieder. Schließlich stürmt ein wütender Vater, der im Krieg Gefangener der Deutschen war, ins Klassenzimmer ein und verwüstet es. Ron Jones bricht seinen Versuch ab.

Auch wenn die Netflix-Serie nur noch sehr lose auf seinem Experiment beruht, erkennt Jones Parallelen: „Damals habe ich ein bisschen gebraucht, um das zu erkennen, aber was ich den Kindern vor allem gab, war eine Stimme. Die fehlt den Charakteren der Serie auch, die alle auf ihre Weise Außenseiter sind.“

Mit Sorge beobachtet Jones die Unzufriedenheit vieler Menschen in Europa und den USA, die sich von der Politik nicht vertreten fühlen. „Sie haben das Gefühl, dass ihre Probleme bei ‚denen da oben‘ keine Rolle spielen. Deshalb suchen sie nach einem Anführer, der endlich etwas für sie ändern könnte.“

„Respekt für Unterschiede und demokratische Werte“

Für Jones ist Radikalisierung keine Frage von „links“ oder „rechts“. Die Serie zeige, wie schnell Bewegungen außer Kontrolle geraten, selbst wenn der Antrieb ein guter sei. „Es ist eine schwierige Debatte: Was tun, wenn man mit friedlichen Protesten nicht weiterkommt?“ Auch sein eigenes entgleistes Experiment sei schließlich in guter Absicht entstanden.

„Ich wollte Respekt für Unterschiede und demokratische Werte vermitteln. Dann genoss ich die Macht und die Verherrlichung, die mit meiner Position einhergingen. Ich gab meinen Glauben an Demokratie und Freiheit auf für einfache Antworten. Wie jene vor mir in der Geschichte ging ich verloren in der Dunkelheit des Faschismus.“

Seinen Versuch bereue er zutiefst: „Ich habe meine Schüler in Gefahr gebracht und sie Konsequenzen ausgesetzt, die sie verfolgen würden.“

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