Vortrag zu Zwangsaussiedelungen 1952 und 1961 in Pottiga

Pottiga  63 Einwohner mussten innerhalb weniger Stunden ihre Häuser verlassen. Im Kreis Lobenstein standen 420 Personen auf der Liste.

Der Gedenkstein in Pottiga erinnert an jene, die aus politischen Gründen ihre Heimat verlassen mussten.

Der Gedenkstein in Pottiga erinnert an jene, die aus politischen Gründen ihre Heimat verlassen mussten.

Foto: Reinhard Kübrich

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Der 6. Juni 1952 und der 3. Oktober 1961 waren in den Orten an der Staatsgrenze im ehemaligen Kreis Lobenstein geschichtsträchtige Tage. Einwohner, die aus Sicht der Staatssicherheit, Polizei und Behörden als politisch unzuverlässig galten, mussten innerhalb weniger Stunden ihre Häuser verlassen. Allein in Pottiga wurden 63 Personen zwangsausgesiedelt. An diese zwei Aktionen erinnert in der Gemeinde seit dem Vorjahr ein Gedenkstein.

Das Interesse an dem Geschehen ist noch groß. Rund 50 Personen waren kürzlich zu einem Vortrag ins Thüringisch-Tschechische Touristeninformationszentrum in Pottiga gekommen. Anke Geier, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Landesbeauftragten des Freistaates Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, beschäftigt sich intensiv mit dem Thema und hat aus Archiven viele Fakten zusammengetragen.

Sie erwähnte die Polizeiverordnung über die Einführung einer besonderen Ordnung an der Demarkationslinie, die am 27. Mai 1952 in Kraft trat. Eine Fünf-Kilometer-Sperrzone wurde eingerichtet. Pottiga lag in der 500-Meter-Schutzzone. Nur die beim Kommando der Grenzpolizei registrierten und in Listen erfassten Personen durften diesen Streifen betreten. Bald wurde auch ein Stacheldrahtzaun in Grenznähe errichtet.

Die Bewohner des Gutes Saalbach mussten als Erste ihre Heimat verlassen. Die Gebäude unmittelbar an der Saale wurden zwischen 1955 und 1960 abgerissen. Über den Fluss in den Westen zu gelangen, war in jener Zeit noch einfach. Fünf Pottigaer, die auf der Liste standen, schafften dies am 6. Juni 1952. Unter ihnen der Inhaber eines Ladens. Auch eine ganze Familie entwischte. Üblich war es, das Eigentum der Geflüchteten zu beschlagnahmen und sie zu enteignen. An den Gegenständen dieser Familie sollen sich auch Funktionäre der Kreis­leitung bereichert haben.

Zwei Tage nach dem 13. August 1961, dem Tag des Beginn des Mauerbaus in Berlin, beschloss das Politbüro des Zen­tralkomitees der SED, verstärkte Sicherungsmaßnahmen an der Staatsgrenze West durch­zuführen.

In einem Befehl legte der ­Minister des Innern der DDR fest, welche Personen aus dem Grenzgebiet zwangsauszusiedeln sind. Im Kreis Lobenstein standen auf der Liste die Namen von 420 Personen, 254 wurden zwangsausgesiedelt und ihnen neue Wohnorte im Bezirk Gera zugewiesen. 39 Personen, unter ihnen mehrere Kinder, mussten Pottiga verlassen.

Wie Anke Geier ausführte, seien in Pottiga in die Aussiedelungsaktion 40 Mitglieder der SED einbezogen wurden. Um 6 Uhr wurden an jenem 3. Oktober die Betroffenen informiert, um 13.30 Uhr war die Aktion im gesamten Kreis Lobenstein abgeschlossen. Am gleichen Tag fanden in den Grenzgemeinden Partei- und Einwohnerversammlungen statt. Der Parteisekretär der LPG machte in Pottiga den mehr als 100 Anwesenden deutlich, welch große Bedeutung diese Maßnahme zum Schutz des Friedens habe. Für die Betroffenen brachten diese Maßnahmen viel persönliches Leid, den Verlust des eigenen Hauses und der Heimat mit sich. Die Aussiedelung politisch unliebsamer Menschen aus dem Grenzgebiet der DDR sollte vor allem die Zurückgebliebenen einschüchtern.

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