Kolumne

Was man in 25 Jahren mit dem Internet erleben kann

Berlin.  Unser Kolumnist Hajo Schumacher feiert 25 Jahre Internet. Rückblick auf ein Vierteljahrhundert digitaler Jahre von iPhone bis Twitch.

Ein LAN-Kabel steckt in einer Router. Unser Autor hat dank der Verbindung mit dem Internet viel erlebt.

Ein LAN-Kabel steckt in einer Router. Unser Autor hat dank der Verbindung mit dem Internet viel erlebt.

Foto: Jochen Tackvia / www.imago-images.de

Gute 25 Lebensjahre im Internet-Zeitalter sind vergangen – für unseren Autor Zeit, um einen Rückblick zu wagen:

1992: Freundschaftliche Kontakte zur Hamburger Künstlergruppe Ponton European Media Lab, die ihre interaktiven Projekte „Piazza virtuale“ und „Van Gogh TV“ auf der Documenta IX in Kassel präsentierten. Gewundert, nichts verstanden.

1994: Ein paar Verwegene gründen Spiegel Online. „Die Frittenbude“ sagen altgediente Spiegel-Redakteure herablassend, während das Heft ein „Feinschmecker-Restaurant“ sei. Ich arbeitete beim Feinschmecker-Restaurant, fand die Frittenbude aber deutlich cooler.

1995: Das erste Mobiltelefon, ein Siemens S4 – „der Knochen“ mit Ausziehantenne. Anfänglicher Stolz schlägt in Skepsis um. Permanente Erreichbarkeit, ungeduldige Chefs und Gerüchte über Hirntumore durch Strahlung sind eine toxische Kombination.

1995: Zum ersten Mal das Internet gesehen, leider nur graue Streifen auf einem Bildschirm. Nach Ewigkeiten erscheint die Webseite der Suchmaschine Lycos. Oder war es Altavista? Das soll diese bahnbrechende Zukunftstechnologie sein? Leise Zweifel.

1996: Meine Berichte von den Olympischen Spielen in Atlanta werden statt per Fax via Internet nach Hamburg und wieder zurück übertragen. Es piept einfach nur, geht aber echt schnell. Nicht schlecht.

1997: Erste Kollegen geben mit einem Nokia 9000 Communicator an, der „Klappstulle“. Neid.

1998: Erwerb eines sündteuren Newton PDA, eine Art frühes iPhone, nur ohne Telefonie und Internet. Fehlinvestition.

1999: Erwerb von Teldafax- und Biodata-Aktien am Neuen Markt. Herbe Verluste. Erstmals kapiert, dass nicht alles Gold ist, was nach Internet klingt.

Mit iPod und Tetris-Sucht ins neue Jahrtausend

2000: Erste Video-Konferenz. Raumschiff-Enterprise-Feeling.

2001: Mein erster iPod. Besitzerstolz wie beim ersten Auto.

2002: Tetris-Sucht aus eigener Kraft besiegt.

2004: Start einer Läufer-Kolumne. Glücksgefühle wegen unkomplizierter, hierarchieflacher Zusammenarbeit.

2007: Mein erstes iPhone. Avantgarde-Gefühl.

2008: Bei Facebook gestartet. Anfängliche Euphorie, dann Langeweile.

2009: Bei Twitter gestartet, während des Arabischen Frühlings im Jahr darauf lieben gelernt und nächtelang drangehangen. Seitdem Suchttendenzen.

„Instagram nicht verstanden und verpennt“

2011: Gründung der „Achilles Läuferliste“. Ziel: Weltrangliste aller Hobbyläufer. Leider Flop.

2013: Instagram nicht verstanden und verpennt.

2014: An eigener Digitalsucht verzweifelt. Das iPhone abgeschafft. Zurück zum Offline-Handy. Überzeugt, Anführer einer Detox-Bewegung zu sein. Fehleinschätzung.

2015: Erwerb eines Samsung-Tablets. Fest entschlossen, das ganze Leben von iOS auf Android umzustellen. Schwachsinnige Idee. Systemwechsel, egal in welche Richtung, ist möglich, aber nichts als Ärger.

2016: Erstmals bei Airbnb gebucht, eine Bootskajüte im Hafen von Bristol. Teuer, eng, unbequem, aber fühlte sich unglaublich modern an.

2019: Projekt „Netzentdecker“ für die Brost-Stiftung in Essen. Digitale Fortbildung und Neuanfang: zurück zum iPhone, zurück zu iOS. Das „Reverse Mentoring“ entdeckt, zu Deutsch: einfach von den eigenen Kindern das Netz erklären lassen.

TikTok versucht – keine Bindung gefunden. Schlechtes Gewissen. Twitch versucht – keine Bindung gefunden. Weniger schlechtes Gewissen. Asana versucht – keine Bindung gefunden. Kaum schlechtes Gewissen. Slack versucht – keine Bindung gefunden. Kein schlechtes Gewissen. Podcast versucht – Spaß gefunden.

2020: Ein gutes Vierteljahrhundert Internet. Auf die umweltfreundliche Google-Alternative Ecosia umgestellt. Hülle mit Klappe für das Smartphone besorgt.

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