Wir sind Heimat: „Man muss Idealist sein“

Scheiditz  OTZ-Serie „Wir sind Heimat“: Holger Kössel aus Scheiditz ist Orchideen-Experte und Pilzberater. Dafür verzichtet er auf Freizeit. Vielen Ratsuchenden hat er schon helfen können.

Um Laien die Unterschiede zwischen den Pilzarten zu erklären, sind nach Meinung von Holger Kössel Bildtafeln unersetzlich.

Um Laien die Unterschiede zwischen den Pilzarten zu erklären, sind nach Meinung von Holger Kössel Bildtafeln unersetzlich.

Foto: Dietmar Opitz

Nein, als Lebensretter sieht sich Holger Kössel nicht. Doch immerhin hat der Scheiditzer in den vergangenen zwölf Jahren schon manchen Mitbürger vor einer Vergiftung bewahrt. Und das nicht etwa von Berufs wegen, sondern im Ehrenamt. Als Pilzberater.

Eigentlich war es die Begeisterung für einheimische Orchideen, die ihn zu den Pilzen geführt hat. Die wiederum verdankt er einem Freund. Der hatte ihn vor 15 Jahren zu Pfingsten zu einer Orchideenwanderung eingeladen. Holger Kössel wird den Tag nie vergessen, denn mit einem Mal tat sich ihm eine Welt auf, zu der er bis dahin keinen Zugang hatte. Ihn, den gelernten Landmaschinenschlosser und jetzigen CNC-Fachmann, hatte die Natur eher mit Blick auf den bäuerlichen Hof interessiert, auf dem er aufgewachsen ist und immer noch lebt. In seiner Freizeit waren andere Dinge wichtig. So hatte er von Kindesbeinen an intensiv Sport betrieben, leidenschaftlich Handball gespielt und war begeisterter Kegler.

Kein Mann für halbe Sachen

Doch die Orchideen sollten seinem Leben einen neuen Sinn geben. Da hatte er also sein ganzes Leben in einer Region verbracht, in der ein Großteil der etwa 60 in Deutschland wild wachsenden Orchideenarten beheimatet ist – und hatte es nicht einmal gewusst! Die kalkhaltigen Böden, Magerrasen und Biotope in der Umgebung von Jena waren beste Voraussetzung für ein Orchideenparadies, das ihn nicht mehr losließ. Er kaufte Bücher, studierte und bestimmte die seltenen Arten – und fand dabei Gleichgesinnte, was die Freude am neuen Hobby noch vergrößerte. Mit ihnen kann er auch die Sorge um die bedrohten Arten teilen.

Über die Orchideen kamen 2005 auch die Pilze ins Spiel. Da war er am Ende eines feuchten Sommers mit der Kamera auf der Wöllmisse unterwegs, auf der Suche nach seltenen Orchideen. Plötzlich sah er auf einer Fläche von 500 mal 500 Metern viele unterschiedliche Pilzarten. Obwohl ihn Pilze vorher kaum interessiert hatten, war er derart fasziniert, dass er unbedingt mehr wissen musste.

Auf der Suche nach fachmännischem Rat rief Hoger Kössel beim Pilzexperten Andreas Gminder in Jena an. Und weil er kein Mann für halbe Sachen ist, ging er schließlich bei Gminder in die „Pilzberater-Lehre“, kaufte sich Bücher, sammelte Pilze und wagte sich zunehmend auch an die Bestimmung seltener Exemplare. Diese überhaupt zu finden, das ist schon ein echter Glücksfall.

Je nach Witterungslage jährlich 20 bis 30 Pilzberatungen

Seit 2006 ist er Pilzberater und hat vielen Ratsuchenden beim Kennenlernen der reichen Pilzflora sowie beim Aussortieren giftiger und ungenießbarer Pilze geholfen. Im Durchschnitt kommt er je nach Witterungslage jährlich auf 20 bis 30 Pilzberatungen, die er kostenlos durchführt. Weil er wegen seiner Schichtarbeit nur zu bestimmten Zeiten zu Hause erreichbar ist, empfiehlt sich eine telefonische Anmeldung. In besonders dringenden Fällen kann er schon mal seinen Arbeitsplatz für ein paar Minuten verlassen, um vorm Werksgelände ausgelegte Exemplare in Augenschein zu nehmen.

Er weiß, wie groß bei vielen der Respekt vor Pilzen ist: „Im Prinzip zu Recht, denn in Mitteleuropa sind etwa 10 000 Großpilzarten nachgewiesen. Von diesen sind aber nur 10 bis 15 potenziell tödlich giftig. Doch der Saale-Holzland-Kreis und die Umgebung von Jena zeichnen sich wegen ihrer sauer oder basisch verwitternden Böden durch einen besonderen Artenreichtum aus. Von den hier vorkommenden 4000 Arten führen aber nur wenige zum Tod, zum Beispiel der Grüne Knollenblätterpilz und der nach feuchtem Mehl riechende Gift-Häubling.

Die Pilzberater, von denen es aktuell in Thüringen 59 gibt, könnten seiner Meinung nach mehr Unterstützung gebrauchen: „Um als Berater zugelassen zu werden, braucht man eine solide Qualifikation, die regelmäßig erneuert werden muss. Das geht nicht ohne ständige Weiterbildungen mit Exkursionen und anspruchsvollen Büchern. Und das ist nicht billig. Schwerer als der Verzicht auf Freizeit wiegt aber das Bewusstsein, welch große Verantwortung damit verbunden ist. Man muss eben Idealist sein.“

Nachwuchs an Pilzberatern ist rar

Kein Wunder, dass die Zahl der Pilzberater in den Landkreisen stagniert oder sogar schrumpft und der Altersdurchschnitt der Ehrenamtlichen hoch ist. Mit seinen 48 Jahren gehört Holger Kössel zu den Jüngeren, doch Nachwuchs ist rar. Nur in Jena sind kürzlich zwei junge Männer dazugekommen.

Pilz-Neulingen rät Holger Kössel, mit Röhrenpilzen zu beginnen, weil es bei diesen keine tödlich giftigen Arten gibt. Natürlich sind ein verdorbener Magen, Krämpfe und Durchfall nicht angenehm, doch in der Regel nicht lebensbedrohlich. Aber auch das lässt sich vermeiden, wenn keine grauhütigen Röhrlinge gesammelt werden. Überhaupt sollten Pilzsammler mehr auf ihren Geruchssinn „hören“. Pilze, die schon im Wald unangenehm riechen, können ruhig da bleiben. Wenn sich etwas erst in der Pfanne als unappetitlich entpuppt, ist das ebenfalls eine Warnung.

Eine gute Möglichkeit, die interessierte Öffentlichkeit zu erreichen, sind Ausstellungen. So veranstalten die Thüringer Pilzberater alle zwei Jahre am zweiten Oktoberwochenende in der Ilmenauer Festhalle eine Landespilzausstellung. Holger Kössel freut sich sehr über die gewaltige Resonanz, die sein Pilz-Stand beim Reinstädter Landmarkt im vergangenen Herbst fand. Er schwört darauf, in Riech-Ecken den Geruchssinn zu schulen. Schließlich ist es nicht unwichtig, ob ein Pilz nach Kakao, Marzipan, gekochter Milch oder nach Chlor riecht.

Holger Kössels äußerliches Erkennungszeichen ist übrigens sein Hut. Ein Hut aus Pilzleder, das aus getrocknetem Zunderschwamm hergestellt wurde, somit vegan und nachhaltig ist und zugleich eine therapeutische Wirkung hat. Schon Ötzi soll vor über 5000 Jahren Zunderschwamm-Stücke bei sich gehabt haben, und der Arzt Hippokrates empfahl den Pilz als hervorragendes Mittel zur Wundbehandlung. Mit dem Pilzhut geht Holger Kössel auch „in die Schwämme“. Er freut sich schon auf die Spitzmorcheln, mit denen er etwa ab Gründonnerstag rechnet.

Friedrich Bernhard Störzner – großer Sohn eines kleinen Ortes

Damit er nicht in Vergessenheit gerät, hat man Friedrich Bernhard Störzner vor 20 Jahren in Scheiditz einen Mammutbaum gepflanzt und vor zehn Jahren als Gedenkstein einen Findling gesetzt. Verdient hat er das allemal, denn der 1861 im heutigen Hof Nr. 4 geborene Störzner war ein ganz Großer – und bescheiden dazu.

Zwar zog es den jüngsten von vier Bauernsöhnen nach der Albersdorfer Volksschule, dem Gymnasium in Eisenberg und dem Annaberger Lehrerseminar schon 1885 ins sächsische Arnsdorf. Dort fand er seinen Lebensmittelpunkt, war Lehrer, Kantor, Chorleiter, Kirchen- und Schulvorstand, gründete und belebte Vereine. Doch seiner Ostthüringer Heimat blieb er zeitlebens ganz eng verbunden. Auf seinem heute denkmalgeschützten Grabmal in Arnsdorf steht, dass er 1933 „voll tiefen Heimwehs nach seiner Heimat“ verstarb.

Für ihn war die Heimat der eigentliche Sinn des Lebens, und er hinterließ tiefe Spuren, die heute noch wegweisend sind. Um Heimatliebe und Heimatbewusstsein zu erreichen, müsse man altes Brauchtum, Sagen und Überlieferungen, überhaupt das Geschehen im Heimatort für nachkommende Generationen festhalten. Die schnelllebige Zeit – sagte er 1901 – sorge sonst dafür, dass „manch Gutes, Schönes, Edles und Wissenswertes für immer verlorengeht“. Dieser Maxime diente er als Lehrer, Kantor, Heimatforscher, Autor und Vater mit ganzer Kraft.

Er hielt dabei so viel für die Nachwelt fest, dass er sich selbst ein Denkmal setzte. Heute sind seine prächtig ausgestatteten Bücher gefragte bibliophile Schätze, und an ihren Inhalten kommt keiner vorbei, der sich zum Beispiel mit Steinkreuzen oder Heimatsagen beschäftigt. In Thüringen sind es besonders die „Holzlandsagen“, die mit Störzners Namen nachhaltig verbunden sind.

Störzners Maxime lebt auch in seinen Nachfahren weiter. So schickte sich der 1958 in Erfurt geborene Frank Störzner an, in die gewaltigen Fußstapfen seines Ur-Großonkels zu treten – ohne anfangs auch nur von ihm zu wissen. Schon mit 15 Jahren waren Steinkreuze sein Hobby. Doch er wollte sie nicht nur fotografieren, sondern mehr über ihre Geschichte erfahren und publizieren.

Also beschaffte er sich Bücher und Handschriften, stieß darin immer wieder auf den Namen Friedrich Bernhard Störzner und erfuhr schließlich, dass dieser nicht nur Namensvetter, sondern sein Ur-Großonkel war.

Der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Friedrich Bernhard Störzners Vermächtnis in Scheiditz nicht vergessen wird, kann Frank Störzner freilich nur mit Verbündeten vor Ort gerecht werden.

Dorfcharakter bewahrt

Nicht weit von Bürgel, Hermsdorf und Bad Klosterlausnitz entfernt, liegt Scheiditz malerisch in einer engen Talmulde des Gleisbaches. Gleich beim ersten Haus begrüßt ein originelles Holz-Einhorn die Dorfbesucher. Mit aktuell 54 Einwohnern ist Scheiditz die zweitkleinste Gemeinde Thüringens.

Das 1339 erstmals urkundlich erwähnte Dorf ist nur über eine Zufahrtsstraße vom Süden her zu erreichen. Durch seine Lage blieb es von den Wirren des Dreißigjährigen Krieges und den Truppen Napoleons verschont.

Scheiditz hat sich seinen historischen Charakter als Bauerndorf bis heute bewahren können. Das Ortsbild prägen jahrhundertealte, liebevoll sanierte Drei- und Vierseithöfe mit traditionellen Bauerngärten.

Bürgermeister Uwe Appelt ist stolz auf das seit der Wende gemeinsam Geschaffene. Im Ort wurde der Dorfteich saniert, das Kriegerdenkmal umgestaltet und die Gleisbachbrücke erneuert. Eine behutsame Sanierung hat das Feuerwehrgerätehaus aus dem Jahre 1927 erfahren: Der Fachwerkbau mit zwei Türmen steht auf der Denkmalschutzliste des Landes.

Saniert wurde auch das Dorfgemeinschaftshaus, das für den Zusammenhalt der Scheiditzer sehr wichtig ist. Übers Dorf hinaus beliebt sind die Walpurgisnächte, der Preisskat und die Oktoberfeste.

Am Rande des Friedhofs steht ein großer Mammutbaum. Er verdeckt fast den Findling, der vor zehn Jahren zum Gedenken an den 1861 in Scheiditz geborenen Friedrich Bernhard Störzner gesetzt wurde. Störzner hatte sich nicht nur in Thüringen und Sachsen einen Namen als Heimatforscher und Verfasser heimatkundlicher Bücher und Schriften gemacht.

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