Corona-Pandemie

Zweite Welle in Italien: Die Rückkehr zum Risikogebiet

Rom/Neapel.  Die erste Corona-Welle traf Italien besonders hart. Jetzt rollt die zweite Welle und die Versäumnisse seit dem Frühjahr treten zu Tage.

Zweite Corona-Welle schlägt mit voller Wucht ein

Aus vielen Ländern werden neue Rekordwerte bei den Coronavirus-Neuinfektionen gemeldet, etwa in den USA, Deutschland und Frankreich. Für die WHO ist Europa inzwischen das Epizentrum der Pandemie. from WHO Europe director, Hans Kluge

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Ein Mann liegt ausgestreckt auf dem Boden einer Toilette im Cardarelli-Krankenhaus in Neapel. Im angrenzenden Flur stehen Krankenbetten mit Patienten in dicht gedrängtem Durcheinander. Das verschwommene Handy-Video über den schockierenden Tod eines 84-Jährigen in einer Notaufnahme wurde in den sozialen Netzwerken binnen weniger Stunden viral.

Vor einem anderen Krankenhaus der Vesuv-Metropole stehen Autos von Patienten mit Atemnot Schlange. Damit sie nicht ersticken, stellen Pfleger Sauerstoffflaschen neben die Wagen. Dünne Schläuchen führen ins Wageninnere zu den Kranken auf der Rückbank.

Seniorenheime in Rom nehmen keine Corona-Genesenen mehr auf

In Rom bleiben alte Menschen nach überstandener Corona-Infektion im Krankenhaus, weil Seniorenheime sie nicht mehr aufnehmen. Ein junger Mann, der in Rom die Schlange für den Corona-Test verlassen hat, um zur Arbeit zu gehen, erhält kurz darauf die Nachricht, er sei positiv getestet worden, obwohl es nicht mehr zum Abstrich kam. Unzählige Episoden demonstrieren, dass das italienische Gesundheitssystem mit der zweiten Corona-Welle überfordert ist.

Neapel gehört seit dem Wochenende gemeinsam mit der Lombardei, Piemont, Kalabrien, dem Aostatal, der Toskana und der autonomen Provinz Bozen zu den sieben „ roten Zonen “. Rom gehört in dem dreistufigen System mit roten, orangenen und gelben Zonen weiterhin zu den fünf Gebieten mit dem geringsten Risiko. Grüne Zonen gibt es nicht, denn das Virus ist überall.

So stehen in Roms berühmtem Eiscafé Giolitti unweit von Parlament und Regierungssitz an milden Herbsttagen nicht wie üblich Touristen bis auf die Straße Schlange. Stattdessen werden Römer auf dem Spaziergang in der durch die Corona-Pandemie die wie leer gefegt wirkenden Altstadt von der Kassiererin sogar mit einem Scherz begrüßt. „4.000 Euro“, sagt sie auf ihrem hohen Thron neben dem Eingang sitzend und scheinbar ungerührt vier Nullen an den eigentlichen Preis für einen Eisbecher anhängend. Doch der fröhliche Ton trügt.

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Ministerpräsident Conte verhängt schärfere Maßnahmen im Wochenrhythmus

Auch wenn Rom nicht zu den im jüngsten Corona-Dekret eingerichteten roten Zonen gehört, geht in der italienischen Hauptstadt die Angst um, vor der Epidemie und vor den wirtschaftlichen Folgen der schrittweise verschärften Beschränkungen. Die einen tragen eisern Maske und halten Abstand. Andere versammeln sich in Ostia zur Strandparty mit DJ oder feiern mit Vertretern der rechtsextremen Forza Nuova dicht gedrängt vor einer Kirche in der Altstadt ohne Masken eine Messe „gegen die Tyrannei“.

Unter dem Eindruck exponentiell wachsender Infektionszahlen verfügte Ministerpräsident Giuseppe Conte für Mediziner zu spät, für Unternehmer dennoch zu scharfe Maßnahmen. Bis zum 3. Dezember soll das jüngste Dekret diesmal gelten. In den vergangenen Wochen erließ er ein Dekret nach dem anderen, ohne jeweils zwei Wochen abzuwarten, um die Wirkung der Maßnahmen zu prüfen.

Gesundheitsminister Sileri zeigt sich vorsichtig optimistisch

Die Lombardei verzeichnet mit rund 8.000 weiterhin die höchste Zahl an Neuinfektionen innerhalb eines Tages. Doch der Ansturm auf Notaufnahmen der Krankenhäuser lässt nach. „Ich würde noch ein paar Tage warten, bevor ich sage, dass der Höhepunkt der zweiten Welle erreicht ist“, verkündet der stellvertretende Gesundheitsminister Pierpaolo Sileri vorsichtig optimistisch.

Mittlerweile sank der Reproduktionsindex landesweit von 1,7 auf 1,4. Gleichzeitig stieg der in Italien im Unterschied zu Deutschland nicht über eine sondern über zwei Wochen berechnete Inzidenz-Wert von Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner zuletzt von 525 auf rund 650 an.

Die Regionen hatten auf nationale Regelungen gedrungen. Sie wollten nicht für die wirtschaftlichen Folgen lokaler Lockdowns verantwortlich gemacht werden. Conte entschied sich am Ende dennoch für dem jeweiligen Infektionsgeschehen angepasste Vorgehensweisen.

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Harter Lockdown für sieben italienische Regionen

So gilt seit rund zehn Tagen im ganzen Land ab 22.00 Uhr eine nächtliche Ausgangssperre . Museen, Kinos und Theater bleiben allerorts geschlossen. Bars und Restaurants müssen um 18.00 Uhr schließen. In den neun auf ganz Italien verteilten aufgrund des mittleren Risikos als orange eingestuften Regionen bleiben Bars und Restaurants ganz geschlossen. Nur in dringenden Fällen dürfen die Bewohner diese Regionen verlassen.

In den sieben als rot eingestuften Regionen gilt ein harter Lockdown wie im Frühjahr mit ganztägiger Ausgangssperre. Nur zur Arbeit, zum Arzt und zum Einkaufen dürfen die Bewohner das Haus verlassen. Ab der 6. Klasse sollen die Schulen in den am schwersten betroffenen Landesteilen auf Fernunterricht umstellen. Doch nicht alle Familien verfügen über einen Internetanschluss oder einen Computer. Grundschulen sollen vorerst in allen Regionen geöffnet bleiben.

Der Regionalgouverneur der Lombardei, Attilio Fontana von der rechtsnationalen Lega, nannte das Vorgehen der Regierung in Rom dennoch schlicht eine „Ohrfeige“. Noch drastischer drückte es Lega-Chef Matteo Salvini aus. In dem für ihn typischen Wahlkampagnen-Ton beurteilte er die Regierung sei unwürdig und unfähig. „Mir scheint, sie spielen Tombola.“

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Mediziner kritisieren fehlende Nachverfolgung der Infektionsketten

Dabei hatte der parteilose Conte sich im Sommer als erfolgreicher Krisenmanager der ersten Corona-Phase in einem Umfrage-Hoch gesonnt. Den Notstand hatte er mit einem harten Lockdown erfolgreich bekämpft. Angesichts der dramatischen Bilder von Militärlastern, die Särge aus dem überlasteten Krematorium von Bergamo abtransportierten , war die Akzeptanz für die Maßnahmen im Frühjahr groß.

Doch dann bildeten Rettungswagen mit Kranken wieder Schlangen vor Krankenhäusern . „Wir bezahlen dafür, dass wir kein ausreichendes System zur Nachverfolgung der Infektionen und keine territoriale Prävention aufgebaut haben“, meint Nino Cartabellotta von der Gimbe-Stiftung in Bologna.

Der Vorsitzende der medizinische Forschungseinrichtung betont, nur ein strenger Lockdown senke die Kurve der Neuinfektionen binnen eines Monats um fünfzig Prozent. Die jüngste Verschärfung der Corona-Maßnahmen hält er für unzureichend. Überdies sei unklar, wie die 21 Kriterien funktionieren, nach denen Regionen als rot, orange oder gelb eingestuft werden.

Zahl der Intensivbetten wurde nicht wie geplant erhöht

Im Sommer wurde überdies die geplante Erhöhung der Betten in Intensivstationen nur teilweise umgesetzt. Anstatt wie geplant um 3.500 wurde die Zahl der verfügbaren Plätze nur um rund 1.000 auf 6.500 Betten erhöht.

Mediziner hatten bereits im Frühjahr vor einer Rückkehr des Virus mit kühleren Temperaturen im Herbst gewarnt. Dennoch versammelten sich vor allem junge Leute seit den ersten Lockerungen wieder in Bars und Restaurants oder feierten gemeinsam zu Hause. In Sardinien durften sie im August sogar in Strand-Diskos tanzen. Ohne die Einhaltung der geltenden Abstandsregeln stieg die Kurve der Infektionen vor allem nach dem Ende der Schulferien wieder steil an.

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