Ukraine

AKW Saporischschja: Angst vor einem zweiten Tschernobyl

Jan Jessen
| Lesedauer: 10 Minuten
IAEA-Chef zu Saporischschja: "Wir spielen mit dem Feuer"

IAEA-Chef zu Saporischschja- Wir spielen mit dem Feuer

Angesichts anhaltender kriegerischer Auseinandersetzungen am von russischen Truppen besetzten ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja hat die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) schnelle Maßnahmen gegen die "unhaltbare" Situation vor Ort gefordert. "Wir spielen mit dem Feuer", sagte IAEA-Chef Rafael Grossi.

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Saporischschja.  Jeder Schuss der Russen in Richtung Saporischschja kann fatale Folgen haben. Ein Mitarbeiter des AKWs packt nun aus und warnt Europa.

Die Straße zieht sich schier endlos geradeaus, die Fahrt geht vorbei an abgeernteten Getreidefeldern und Äckern, auf denen sich die braunen und welken Sonnenblumen bis zum Horizont erstrecken und mit dem bewölkten taubenblauen Spätsommerhimmel verschmelzen. Dann taucht hinter Baumreihen nahe Nikopol in der Ferne am gegenüberliegenden Ufer des Kachowkaer Stausees die Silhouette des derzeit wohl gefährlichsten Ortes in Europa auf. Sechs hügelartige Reaktorgebäude, daneben zwei protzige Türme. Das Kraftwerk Saporischschja, das größte Atomkraftwerk in Europa.

Seit März ist die Anlage in der Ukraine von der russischen Armee besetzt. Seit Tagen wächst die Sorge, dass sich dort eine Katastrophe ereignen könnte. Experten der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA sprechen von einer „unhaltbaren“ Situation, die Betreiberfirma Energoatom warnt, man sei nur einen Schritt vor der Ausrufung eines Notfalls entfernt. Die Menschen in der Region haben Angst.

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Saporischschja macht den Menschen Angst, Schüsse fliegen über den Stausee

Borysivka ist ein Dorf abseits der Landstraße zwischen der Großstadt Saporischschja und dem eine Autostunde westlich gelegenen Nikopol. Einfache kleine Häuser, holprige, staubige Straßen, alte Birken. Hunde kläffen. Laryssa steht am Zaun ihres Gartens, öffnet misstrauisch das quietschende, rostige Tor. Sie ist vor einigen Wochen mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn hierhergezogen, eigentlich kommen sie aus Marganets einige Kilometer südlich. Wegen des Ukraine-Kriegs prasseln seit Wochen Geschosse auf Marganets von der anderen Seite des Stausees herüber, aus Richtung des besetzten Atomkraftwerks.

Auch in Borysivka hört Laryssa jede Nacht die Detonationen. „Hier ist es sicherer als in Marganets“, sagt sie. „Aber ich bin verängstigt wegen dem Atomkraftwerk. Vor allem wegen der Kinder.“ Sie streichelt ihren Bauch. Laryssa ist im fünften Monat schwanger. Weg will sie nicht. „Meine Schwiegermutter ist in Polen und hat gesagt, wir sollen kommen. Das Unbekannte macht mir Angst.“

Atomkraftwerk Saporischschja: „Wir könnten Europa verlieren“

Borysivka hat sich in den vergangenen Monaten verändert. Alteingesessene haben das Dorf verlassen. Fremde sind gekommen, Flüchtlinge wie Laryssa. Nachts stehen oft Autos in Borysivka, in denen Menschen Nikopol oder Marganets schlafen, weil es in ihren Städten zu gefährlich ist. Natalia will ihr Dorf nicht verlassen. Sie ist vor 64 Jahren in Borysivka geboren worden, war Kassiererin im Dorfladen, hat die Poststelle geleitet. Natalia sitzt auf einen Stock gestützt auf einer Bank vor ihrem Haus. „Uns will doch woanders niemand haben“, sagt sie und klagt über ihre Gebrechen.

Herzprobleme, die Nieren. Vielleicht ist das Atomkraftwerk schuld, überlegt sie. Jedes Mal, wenn sie hört, wie die Artillerie feuert, schickt sie Stoßgebete in den Himmel, sagt sie. „Bitte nicht das Atomkraftwerk, bitte nicht das Atomkraftwerk.“ Ihre Augen schimmern feucht. „Wir wollen nicht, dass sich Tschernobyl wiederholt. Unser Atomkraftwerk ist so groß, wenn etwas passiert, könnten wir Europa verlieren.“

Die Regierung verteilt Jodtabletten Papiermasken

Die Regierung hat an die Menschen in der Region Jodtabletten und Atemmasken aus Papier verteilt. Placebos, mehr nicht, das ist allen hier klar. Wenn tatsächlich im Atomkraftwerk das Undenkbare geschehen würde, lägen sie in der 30-Kilometer-Todeszone. Das weiß auch Nikolaj. Er arbeitet in einer Landmaschinenwerkstatt kurz vor Nikopol. Von hier aus kann man die Silhouette des Atomkraftwerks sehen. In der großen, zehn Meter hohen Halle stehen mannshohe Reifen an den Wänden, daneben ausgeschlachtete Traktoren, zwei riesige Mähdrescher, auf dem Boden schimmern Ölflecken.

Nikolaj steigt von einem der Mähdrescher, an den Füßen hat er Badelatschen, auf dem Kopf trägt er eine Schiebermütze, seine Hände und seine grüne Jacke sind ölverschmiert. Er ist seit seiner Jugend in der Landwirtschaft beschäftigt, früher hat er auf der Krim bei der Ernte geholfen. Seine Frau und seine beiden Kinder hat er bereits in Sicherheit gebracht. Die Gedanken an das Atomkraftwerk versucht er zu verdrängen. „Wo soll ich hingehen? Ich habe hier Arbeit.“ Nikolaj sagt, der ständige Beschuss bereite ihm zurzeit mehr Sorgen, als eine mögliche nukleare Katastrophe. Er lebt in der Altstadt von Nikopol.

Die Hälfte der Bewohner ist geflohen

„Gestern Nacht ist eine Rakete hundert Meter neben meinem Haus explodiert. Am 12. September werden es zwei Monate sein, in denen wir jeden Tag beschossen werden.“ Etwa die Hälfte der Menschen in Nikopol seien geflohen. Der Rest lebe in Angst. „Wir wissen nicht, ob und wann die nukleare Wolke kommt. Aber wenn etwas in dem Atomkraftwerk passiert, ist sowieso alles vorbei.“ Nikopol ist gerade einmal sechs Kilometer entfernt von der Anlage jenseits des Sees.

Was auf dem riesigen Gelände des Werks und seiner Umgebung geschieht, ist nur schwer zu ergründen. Die ukrainischen Streitkräfte haben Nikopol für ausländische Journalisten gesperrt. Es sei dort zu gefährlich, heißt es. Wohin die Ukrainer aus den von ihnen kontrollierten Gebieten zurückschießen, ist unklar.

Ein ukrainischer AKW-Mitarbeiter aus der Nähe von Saporischschja packt aus

Wir haben die Gelegenheit, mit einem ukrainischen Arbeiter zu sprechen, der noch auf der Anlage arbeitet, unter dem Deckmantel der Anonymität. Es könnte für ihn lebensgefährlich sein, wenn seine Identität bekannt würde. In Friedenszeiten arbeiten auf der Anlage etwa 11.000 Menschen. Jetzt sind es noch tausend, die den Betrieb aufrechterhalten. „Es ist psychologisch sehr schwer, dort zu arbeiten“, erzählt der Mann. Die russischen Besatzer übten enormen Druck aus.

„Wer im Verdacht steht, proukrainisch zu sein, den nehmen sie mit. Manche kommen nach zwei oder drei Wochen wieder, sie sind dann verängstigt und ausgemergelt und sagen nichts mehr.“ Etwa zweihundert Beschäftigte sollen bereits festgenommen, einige spurlos verschwunden sein.

„Wasserstoff kann wie eine Bombe wirken!“

Der Mann sagt, die Russen hätten auf dem Gelände Mehrfachraketenwerfer des Typs Grad und Haubitzen und in zwei Turbinenhalle Militärfahrzeuge stationiert. Die große Gefahr sei nicht, dass das Atomkraftwerk beschossen würde. Gefährlich würde es, wenn die Kühlung ausfalle. Zwar sind in der Anlage fünf der sechs Blöcke komplett heruntergefahren. Aber auch die heruntergefahrenen Blöcke müssten gekühlt werden. „Sonst entsteht Wasserstoff. Wasserstoff kann wie eine Bombe wirken. Dann hätten wir ein Szenario wie in Fukushima.“

Für die Kühlung ist es wichtig, dass das Atomkraftwerk sich selbst mit Strom versorgen kann. Das ist aktuell ein Problem. In den vergangenen Tagen sind laut der Betreiberfirma Energoatom sämtliche Stromleitungen durch russischen Beschuss zerstört worden, die die Anlage mit dem ukrainischen Stromnetz verbunden haben.

Wie lange reicht der Strom für das Atomkraftwerk noch aus

„Das Atomkraftwerk arbeitet seit Montag im Inselmodus und ist nicht mehr mit dem ukrainischen Netz verbunden“, erzählt uns Petro Kotin, der Präsident von Energoatom, in einem Skype-Interview. Jetzt versorge sich das Werk nur noch selbst mit Strom. Die Frage ist nur: Wie lange noch. „Dieser Modus ist nicht gut“, sagt Kotin. Der Block Sechs arbeite mit nur 215 Megawatt.

„Das ist sehr wenig für eine solche Einheit. Das ist das erste Mal, dass das Atomkraftwerk so betrieben wird.“ Wenn das nicht auf Dauer funktioniere, werde es einen Blackout im Werk geben. „Das bedeutet, dass es dann keinen selbstproduzierten Strom mehr gibt, der für die Kühlung der Brennstäbe benötigt wird. Dann werden alle Dieselgeneratoren im Werk starten.“

„Wir sind nur einen Schritt von einem Notfall entfernt“

Die insgesamt 20 Dieselgeneratoren könnten theoretisch zehn Tage laufen. „Wir haben diese Generatoren bislang aber allenfalls für einen Tag betrieben, niemals für so lange Zeit. Wenn sie für zehn Tage arbeiten, und wir hoffen, dass sie das tun, dann werden wir zusätzlichen Diesel brauchen“, erklärt Kotin. Aber dafür gebe es keine Logistik in dieser Region, weil Krieg herrsche. „Diese Situation ist sehr gefährlich. Wir sind nur einen Schritt vor der Ausrufung des Notfalls auf dem gesamten Gelände entfernt“, sagt der Energoatom-Präsident.

Kotin berichtet zudem, dass die russischen Streitkräfte sich im unter der Erde liegenden und besonders gut geschützten Krisenzentrum des Werks einquartiert hätten. „Sie haben die komplette Notfall-Infrastruktur zerstört. Dieses Zentrum ist eigentlich für das Personal des Kraftwerks in Notfällen gedacht, um die Anlage weiter betreiben zu können.“

In Saporischschja bereiten sich die Rettungskräfte auf den Katastrophenfall vor

In Saporischschja, der Großstadt, die dem Atomkraftwerk seinen Namen gegeben hat, und etwa 90 Kilometer nordöstlich liegt, bereiten sich die Rettungskräfte auf den Katastrophenfall vor. Fast zweihundert Freiwillige haben sich gemeldet. Mykola Zalka, der stellvertretende Chef der Rettungsdienstverwaltung der Region, sagt: „Wir haben klare Befehle und würden sofort hinfahren, wenn etwas passiert. Das Problem ist aber, dass es noch keinen grünen Korridor gibt, wo unsere Leute vor Beschuss sicher wären.“

Zudem bräuchten sie dringend Unterstützung. „Wir haben keine Strahlungsmessgeräte für unsere Einsatzkräfte. Uns fehlen auch Einheiten, in denen wir Menschen, die Strahlung ausgesetzt waren, dekontaminieren können.“ Natürlich, sagt Zalka, hätten auch seine Leute Angst. „Aber wir sind vorbereitet.“

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.