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Heikler Partner: Was Baerbock in Indien erreicht hat

Michael Backfisch
| Lesedauer: 6 Minuten
UNO: Weltbevölkerung auf acht Milliarden Menschen gewachsen

UNO- Weltbevölkerung auf acht Milliarden Menschen gewachsen

Die Weltbevölkerung überschreitet am Dienstag nach UN-Schätzungen die Schwelle von acht Milliarden Menschen. Seit 1950 hat sich die Anzahl der Menschen auf der Welt mehr als verdreifacht.

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Neu Delhi.  Komplizierte Angelegenheit: Außenministerin Baerbock umwirbt das aufstrebende Schwellenland – auch in der Frage des Ukraine-Krieges.

Der Airbus A340 der Bundesluftwaffe gleitet durch einen milchig-braunen Schleier. Es ist der Smog, der über Indiens Hauptstadt Neu-Delhi mit ihren rund 22 Millionen Menschen liegt. Selbst die bereits warme Morgensonne dringt nicht durch die Schadstoffglocke. Die Häuserreihen sind nur schemenhaft zu erkennen.

Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) besucht am Montag Indien. 1,4 Milliarden Menschen wohnen hier, ein Sechstel der Weltbevölkerung. Auf Indien richten sich derzeit die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit. Die Regierung in Neu-Delhi hat seit dem 1. Dezember den G20-Vorsitz der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer inne.

Baerbock in Indien: An Gandhis Grab

Vor Beginn der politischen Gespräche tut Baerbock das, was sie bei jeder Auslands- Visite tut: Sie erweist dem Land Respekt. Am Morgen fährt sie zu Gandhi Smriti, ein Museum, das dem Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung gewidmet ist. Es befindet sich an dem Ort, an dem Mahatma Gandhi die letzten 144 Tage seines Lebens verbracht hatte. Baerbock, die ein orange-weiß gemustertes Kleid trägt, verstreut Rosenblätter an „Martyr’s Column“, ein Gedenkort mit vier schlichten Säulen.

Am Nachmittag macht sie einen Abstecher beim Sikhtempel Gurudwara Sis Ganj Sahib. Sie läuft barfuß und mit weißer Kopfbedeckung – wie es der Brauch vorsieht – durch das Gebetshaus, vorbei an einem goldenen Schrein und Kristalllüstern. In der Küche neben dem Tempel setzt sie sich an den Backtisch und rollt mit anderen Frauen Teig für Fladenbrot aus.

Indiens Rolle in Ukraine-Krieg: „Wir brauchen Dialog und Diplomatie“

Doch das alles überragende Thema an diesem Tag ist der Ukraine-Krieg. Indiens Position in dieser Frage ist bedeutend. Durch seine Bevölkerungsgröße, sein politisches und wirtschaftliches Gewicht ist das Land ein bedeutender Vertreter des globalen Südens. Viele Staaten zwischen Lateinamerika, Afrika und Asien leiden unter den hohen Energiepreisen und der Nahrungsmittelknappheit – beides Folgen des Ukraine-Krieges.

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Aber wo steht Indien in der Frage des Konflikts? Außenminister Subrahmanyam Jaishankar sitzt auf dem Podium im Presseraum seines Ministeriums, unten hängt ein rot-weißes Blumengebinde. „Es ist keine Zeit für Krieg“, sagt er. Er spricht ruhig und überlegt. „Wir brauchen Dialog und Diplomatie. Das liegt aber an den beteiligten Ländern.“ Meint er Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine? Der Minister erläutert es nicht. Baerbock sitzt daneben und schweigt. Der Inder vollführt einen Eiertanz. Einerseits übt er sachte Kritik an der Ukraine-Invasion des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Andererseits zieht er keine rote Linie zum Kreml.

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Russland: Warum Indien bei den Sanktionen des Westens nicht mitzieht

Baerbock versucht einen Brückenschlag. „Deutschland und Indien haben gemeinsame Werte wie Menschenrechte, Freiheit, Demokratie und Recht. In der schwierigen Weltlage müssen Wertepartner enger zusammenwachsen – und das tun wir.“ Die Außenministerin warnt vor den „globalen Auswirkungen des brutalen russischen Angriffskrieges“.

Doch Jaishankar nimmt den Ball nicht auf. Schnell wird klar, dass sich Neu-Delhi nicht den Russland-Sanktionen des Westens anschließen wird und auch beim gerade verhängten Ölpreisdeckel gegen Moskau nicht mitzieht. Indien habe bereits vor Jahren mit Russland vereinbart, den Handel zwischen beiden Ländern hochzufahren, unterstreicht der Außenminister. „Wir schauen, was wir gegenseitig importieren können.“ Und er wirft den Europäern ein Stückweit Doppelmoral vor. „Die EU hat zwischen dem 24. Februar und dem 16. November mehr Öl aus Russland importiert als die zehn danach kommenden Länder zusammen.“

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2023 wird Indien das bevölkerungsreichste Land – und steckt in einem Dilemma

Der G20-Gipfel Mitte November im indonesischen Bali schien zunächst Indiens Westkurs zu bestätigen. Premier Modi trug – wie auch der chinesische Staatschef Xi Jinping – die Abschlusserklärung mit: Darin wurden die russische Invasion in die Ukraine sowie Putins Atomwaffendrohungen heftig verurteilt. Doch Neu-Delhi ist in seiner Linie nicht konsequent. In der UN-Vollversammlung hatte es sich mehrmals enthalten.

Indien steckt in einem Dilemma. Im kommenden Jahr wird es China als bevölkerungsreichstes Land der Erde ablösen. Seine 1,4 Milliarden Einwohner müssen ernährt werden. Der Energiebedarf wird sich nach Schätzungen der UN bis 2050 verdoppeln. Indiens Wirtschaft ist daher zum Wachsen verdammt. Hierzu braucht das Land dringend billiges Öl und Kohle – beides liefert Russland.

Indien: Baerbocks leichte Annäherungsversuche

Indiens Abhängigkeit liegt auch an seinem antiquierten Energiemix. Dieser speist sich zu mehr als 90 Prozent aus fossilen Quellen. Indien ist nach China, den USA und der EU weltweit der viertgrößte Verursacher von Treibhausgasen.

Baerbock versucht, Indien beim Klima-Thema zu umwerben. „Deutschland ist Indien ein Partner für mehr Klimaschutz“, erklärt sie. Die Ampelkoalition habe für den Ausbau erneuerbarer Energien bis 2030 zehn Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Teil des Projekts ist eine Task Force für grünen Wasserstoff.

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Auch mit Blick auf verbesserte Bildungschancen verfolgt die Außenministerin einen Annäherungskurs der kleinen Schritte. Mit ihrem Amtskollegen vereinbart sie eine Mobilitätspartnerschaft, die den gegenseitigen Austausch von Fachkräften, Studierenden und Auszubildenden ankurbeln soll. Baerbock holt kurz Luft und sagt mit Entschuldigungsmiene: „Ich weiß, es gibt einen weltweiten Andrang an deutschen Visastellen. Wir müssen die Warteschlangen reduzieren.“ Jaishankar nickt. Ein versöhnlicher Abschluss auf nicht so kontroversem Gelände.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.