Washington/Miami. Trump-Herausforderer Ron DeSantis hat seine Präsidentschaftskampagne gestartet. Der Auftakt war voller Pannen und Trump frohlockte.

Kurz nach dem Abheben der in Rauch und Feuer aufgegangenen Riesen-Rakete “Starship” seiner Raumfahrt-Firma SpaceX hat Elon Musk abermals einen kolossalen Fehlstart zu verantworten. Diesmal auf Erden. Auf Twitter.

Dort wollte der ärgste Rivale von Donald Trump um die republikanische Präsidentschaftskandidatur 2024, Ron DeSantis, in einem Live-Forum der Musk gehörenden Info-Plattform am Mittwochabend unkonventionell den offiziellen Auftakt seiner offiziell geworden Bewerbung für das Weiße Haus mit Inhalt füllen. Es wurde zu einem tragikomischen Fiasko, das Komödianten und professionelle Spötter noch Jahre in Lohn und Brot halten wird.

Erst nach rund 30 Minuten voller Pannen, bizarrer Unterbrechungen und hilfloser Kommentare von Musk & Co., ausgelöst durch mangelnde technische Vorbereitungen auf anfangs 600.000 Zuhörer, konnte Floridas Gouverneur zum ersten Mal sein Wort machen. Und erklären, wie er “unser großartiges amerikanisches Comeback anzuführen” gedenkt.

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DeSantis gibt Kandidatur bekannt – Biden setzt Spenden-Aufruf ab

Bis dahin hatte das Camp von Widersacher Donald Trump den Kurzmitteilungsdienst bereits mit beißend-ironischen Kommentaren geflutet. Tenor: “Ron DeSaster” ist alles – aber nicht reif für die große Bühne. Amtsinhaber Joe Biden setzte auf seinem Twitter-Konto frech einen Spenden-Aufruf für seinen Wahlkampf ab und fügte sarkastisch hinzu: “Dieser Link funktioniert.”

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Weil die Veranstaltung eine reine Audio-Angelegenheit war, konnte man nur erahnen, wie die ohnehin schmalen Lippen des 44-jährigen DeSantis, der sonst nie etwas dem Zufall überlässt, bei der Aufnahme von “twitter spaces” noch schmaler geworden sein müssen.

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Als die Verbindung endlich stand und über 300.000 User genervt abgesprungen waren, las DeSantis gehetzt vom Blatt über mehrere Minuten in monotonem Roboter-Ton seine in den nächsten Wochen noch häufiger zu hörende Standard-Rede ab, in der manches frappierend nach Donald Trumps apokalyptischen Zustandsbeschreibungen klingt: “Unsere Grenze ist eine Katastrophe. Das Verbrechen hat unsere Städte heimgesucht. Die Regierung erschwert es unseren Familien, über die Runden zu kommen, und der Präsident pfuscht herum.”

Seitenhiebe gegen Trump

DeSantis stellt in den Raum: “Wir müssen die Kultur des Verlierens beenden, die die Republikanische Partei in den letzten Jahren infiziert hat.” Ein Seitenhieb gegen Trump. Und: “Wir brauchen den Mut, zu führen, und die Stärke, zu gewinnen.” Noch ein Seitenhieb gegen Trump. Und ganz nebenbei: “Gehen Sie bitte auf meine Internet-Seite, spenden Sie!”.

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Eine halbwegs fassbare Vision von dem Amerika, dass Ron DeSantis offenbar nach dem Vorbild Floridas bauen will, blieb aus. Auch Brot-und-Butter-Probleme – was tun gegen die hohe Inflation? – kamen nicht vor. Stattdessen tauchten en masse rechtskonservative Orchideen-Themen aus der Sparte Kulturkrieg auf. Vom allzu frühen Sexual-Unterricht über Geschlechterfragen in den Schulen über Bücher-Verbote in öffentlichen Büchereien bis zum Umgang mit Großunternehmen wie Walt Disney, die es wagen, dem Gouverneur zu widersprechen. Hier will DeSantis landesweit Pflöcke einrammen gegen den linken Zeitgeist. Unentschlossene Wähler in Neu-England oder im Mittleren Westen gaben in Tweets zu Protokoll: “Worüber reden die da, verstehe kein Wort.”

Ron DeSantis verkündigt seine Präsidentschaftskandidatur für die US-Wahl 2024.
Ron DeSantis verkündigt seine Präsidentschaftskandidatur für die US-Wahl 2024. © AFP/Stephen Maturen

Zwischenzeitlich geriet die nachrichtenarme Quasselrunde zur Werbeveranstaltung für den finanziell angeschlagenen Twitter-Konzern, gestaltet durch Eigentümer Musk persönlich. Anstatt nach der vermeidbaren Jahrhundertpanne am Anfang, die in konventionellen Medien Rausschmisse auf höchster Ebene auslösen würde, ganz kleine Brötchen zu backen, lobte sich der schwer nuschelnde Multi-Milliardär für die freie Rede, die unter seiner Ägide wieder gewährleistet sei. Aber was nützt das, wenn der “zentrale digitale Markplatz”, der Twitter laut Musk sein soll, “schon an einem simplen Audio-Feed scheitert”, wollte ein Nutzer aus Miami wissen.

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DeSantis will Trumps Mauer bauen

Auch eine halbe Stunde später beim TV-Sender Fox News, der anders als Twitter technisch einwandfrei sendete, blieb das “big picture”, das große Ganze, das sich manche von dem ehrgeizigen Nachwuchs-Politiker DeSantis erhofft hatten, aus. Sein ehemaliger Kongress-Kollege Trey Gowdy, der sich im Murdoch-Imperium als Aushilfs-Moderator verdingt, entlockte dem sauertöpfisch dreinblickenden Quasi-Ministerpräsidenten, dennoch ein paar “Nuggets”, die in den nächsten Tagen die Debatte prägen werden. Immerhin liegt DeSantis in Umfragen 35 Prozentpunkte hinter Trump.

Würde Ron DeSantis Präsident der Vereinigten Staaten, bekäme die Grenze zu Mexiko nach vorübergehender Schließung eine durchgehende Mauer (was schon Donald Trump versprochen aber nie eingelöst hatte). FBI-Chef Christopher Wray würde gefeuert – zu politisiert. Wichtige Industrien, die heute in Fernost produzierten, würden zurückgeholt. Wie und wann – offen. Staatliche Regulierungsbehörden, die im Verdacht stünden, eine “woke” (linksliberale) Agenda zu verfolgen, würden finanziell aufs Trockene gesetzt und personell erneuert. Und Eltern sollen künftig landesweit bestimmen könne, wo ihr Kind zur Schule geht. Zukunftsfragen zum Klimaschutz? Leerstelle. Stattdessen erklärte der gelernte Jurist umständlich, dass es mit ihm im Weißen Haus partout keine zentrale Digital-Währung geben werde.

Ukraine-Krieg soll mit “Vergleich" enden

Außenpolitik blieb bis auf wenige Phrasen unterbelichtet. DeSantis wünscht sich einen “Vergleich” im Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Unter welchen Bedingungen? Fehlanzeige. China: Ist die größte geopolitische “Bedrohung”, deren Ausbreiten im amerikanischen Hinterhof man verhindern müsse. Inflation: Ausgabenreduzierungen sind unvermeidbar. Wo? Keine genauen Angaben.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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In rhetorischer Cowboy-Manier riet DeSantis den Twitter-Zuhörern, sich schon die Uhr zu stellen für den 20. Januar 2025 um 12 Uhr mittags, wenn er auf den Treppen des Kapitols in Washington den Amtseid ablegen werde. Amerika könne sich darauf verlassen: “Ich kriege den Job erledigt.” Gibt es höhere oder niedrigere Steuern? Werden die sozialen Leistungen gekürzt oder gestärkt? Was ist mit der gestiegenen Gewaltkriminalität und der enormen Polarisierung im Land? Dazu sagte Ron DeSantis von sich aus kein Wort. Aber er wurde auch nicht danach gefragt. Freie Rede eben, wie Elon Musk sagen würde.