Berlin. TikTok zählt zu den beliebtesten sozialen Netzwerken bei Kindern und Teenies. Rechte Kräfte buhlen dort mit strategisch um Jungwähler.

„Echte Männer sind rechts. Echte Männer haben Ideale. Echte Männer sind Patrioten. Dann klappts auch mit der Freundin.“ Dieser Datingtipp von Maximilian Krah, gerade zum AfD-Spitzenkandidat für die EU-Wahl 2024 gewählt, sorgte zuletzt für Schlagzeilen. In einem Video gibt Krah jungen Männern, die „noch nie eine Freundin“ hatten, Tipps, wie es in der Liebe klappen kann. Der achtfache Vater veröffentlichte den Clip auf der Social-Media-Plattform TikTok, über 870.000 Userinnen und User haben ihn angesehen.

Krah ist bei Weitem nicht der erste Politiker, der versucht, Bürgerinnen und Bürger über die Kurzvideo-Plattform zu erreichen. CSU-Chef Markus Söder etwa freute sich auf dem offiziellen TikTok-Account seiner Partei über den Beginn der Sommerferien und Bundesernährungsminister Cem Özdemir musste sich für die bayerischen Grünen zwischen „Schwäbischer Brezel” und „Bayerischer Brez’n” entscheiden.

Dass Politikerinnen und Politiker sich TikTok zuwenden, ist wenig überraschend. Nach eigenen Angaben hat die Plattform in 32 europäischen Ländern über 150 Millionen monatliche User. Zwar dürften noch nicht alle davon wahlberechtigt sein – denn die App ist vor allem bei Teenagern populär. Doch es ist ein großes Publikum für die eigenen Ideen. Und eben die Plattform, auf der zielgerichtet junge Menschen politisch beeinflusst werden können.

AfD und TikTok – ein schwieriges Verhältnis

Tatsächlich hat die rechspopulistische – und in Teilen rechtsextreme AfD – ein gespaltenes Verhältnis zu TikTok, das dem chinesischen Konzern ByteDance gehört. 2022 löschte die Plattform den offiziellen Account der Partei, bis heute wurde er nicht wieder freigegeben. Beatrix von Storch, damalige stellvertretende Bundessprecherin der AfD, erklärte in einer Pressemitteilung, der Account sei „ohne Begründung“ gesperrt worden und sprach von „Zensur“.

Andere Accounts der Partei nutzen TikTok allerdings weiter und erzielen teils beachtliche Reichweiten.

So erreichen Redeausschnitte auf dem Account der AfD-Bundestagsfraktion regelmäßig sechs- oder sogar siebenstellige Aufrufzahlen. Auch einzelne Politikerinnen und Politiker sind sehr erfolgreich. Ulrich Siegmund etwa. Er ist Co-Vorsitzender der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, seine Aufrufzahlen bewegen sich pro Video mindestens im sechsstelligen Bereich. Andere Parteien und Politiker können da meist nicht mithalten. Söders Feriengruß liegt im mittleren fünfstelligen Bereich, Özdemirs Entscheidungsspiel wurde mit etwa 12.000 Aufrufen noch seltener gesehen.

Maximilian Krah beim Parteitag der AfD in Magdeburg. Auf TikTok erreicht der Spitzenkandidat für die Europawahl auch viele Jugendliche.
Maximilian Krah beim Parteitag der AfD in Magdeburg. Auf TikTok erreicht der Spitzenkandidat für die Europawahl auch viele Jugendliche. © Carsten Koall/dpa | Unbekannt

Die TikTok-Strategien der AfD

Das liegt auch an unterschiedlichen Strategien. Die AfD würde „fundamental” anders als andere Parteien arbeiten, analysiert der Hamburger Politikberater Martin Fuchs im Gespräch mit unserer Redaktion. So habe die AfD im Gegensatz zu anderen Parteien kaum Berührungsängste und hätte aufgrund der Vielzahl der Accounts auch höhere Chancen, einen viralen Hit zu landen.

Auch interessant:TikTok-Panne – Verrät die AfD hier, was sie wirklich denkt?

Zudem versuche die AfD im Gegensatz zu anderen Parteien gar nicht, nach den Regeln von TikTok zu arbeiten und Social-Media-Trends zu kopieren. Stattdessen würde die Partei auf Inhalte setzen, vor allem auf Reden aus verschiedenen Parlamenten. Das sorgt für eine Flut an Content, der oft auch auf anderen Plattformen wie Facebook zweitverwertet wird. Dieser sei zwar „populistisch, zugespitzt und mit Desinformationen gespickt”, würde junge Menschen aber auf einer thematischen Ebene ansprechen.

Außerdem würde die AfD von zahlreichen Drittaccounts profitieren, die AfD-Inhalte posten, liken und kommentieren und so dafür sorgen, dass diese vom Algorithmus aufgegriffen werden und Usern automatisch auf ihrer Startseite angezeigt werden, obwohl sie den Urhebern der Inhalte nicht folgen. Diese Drittaccounts seien der AfD nicht immer eindeutig zuzurechnen und trügen auch oft neutral wirkende Namen. Dadurch würden sie von Usern anders wahrgenommen und nicht mit der AfD direkt in Verbindung gebracht.

Ein drittes Mittel ist laut Fuchs ein Netzwerk aus Influencerinnen und Influencern, die als Multiplikatoren fungieren und AfD-Inhalte in verschiedene Subgruppen – beispielsweise die LGBTQ-Community – hineintragen, ohne direkt mit dem Parteilabel versehen zu sein.

Rechte Kräfte auf Social-Media: Kein rein deutsches Phänomen

Dass TikTok für rechte Parteien eine dankbare Plattform ist, hat sich auch im europäischen Ausland herumgesprochen. Slawomir Mentzen, Co-Vorsitzender der rechtsextremen polnischen Partei Konfederacja, die auch Kontakte zur AfD pflegt, gewinnt unter anderem mithilfe von TikTok-Videos an Popularität, berichtete die Deutsche Presseagentur. 2019 sagte Mentzen über die Ziele seiner Partei: „Wir wollen keine Juden, Homosexuellen, Abtreibung, Steuern und auch keine Europäische Union.“

Auch wenn Mentzen sich inzwischen von seiner eigenen Aussage distanziert hat, ist fraglich, ob seine Inhalte mit den TikTok-Richtlinien vereinbar sind, die ausdrücklich „hasserfülltes Verhalten, Hassrede oder das Bewerben von hasserfüllten Ideologien“ verbieten. Untersagt sind außerdem Inhalte, die Personen oder Gruppen aufgrund von nationaler Herkunft oder Einwanderungsstatus angreifen.

„Es sind Einwanderer und Einwandererkinder aus dem Nahen Osten und Nordafrika, die hier Rabatz machen“, heißt es im neusten TikTok-Video von AfD-Politiker Maximilian Krah. Und weiter: „Sie sind hier fremd, sie kommen mit der Rechtsordnung nicht klar und dem geben sie Ausdruck. Jeder ist da am besten, wo er hingehört. Einwanderung funktioniert nicht.“ Das Video, das am zweiten Juli hochgeladen wurde und nach wie vor aufrufbar ist, endet mit dem Satz „Multikulturell ist multikriminell“.

ParteiAlternative für Deutschland (AfD)
Gründung6. Februar 2013
IdeologieRechtspopulismus, Nationalkonservatismus, EU-Skepsis
VorsitzendeTino Chrupalla und Alice Weidel (Stand: April 2023)
Fraktionsstärke83 Abgeordnete im Bundestag (Stand: April 2023)
Bekannte MitgliederJörg Meuthen (ehemals), Alexander Gauland, Björn Höcke

TikTok als Einstieg in die Rechte Szene

Auch außerhalb von Parteistrukturen finden Rechtsextreme und Rechtspopulisten eine Heimat auf TikTok. So warnt der brandenburgische Verfassungsschutz vor der Nutzung der Plattform durch Extremisten, die versuchen, Minderjährige „schrittweise an verfassungsfeindliche Ideologien heranzuführen“. Der Bericht nennt neben der AfD Brandenburg und der rechtsextremen Partei "Der Dritte Weg" auch das Magazin „Compact” und den lokalen Ableger der Identitären Bewegung.

Lesen Sie auch:Vorsicht vor TikTok – Bundestagspräsidentin warnt Abgeordnete

Accounts, die am rechten Rand stehen, würden rechtsextreme und -populistische Inhalte teilweise versteckt verbreiten, etwa durch ein Meme, also ein humorvolles Bild mit kurzem Text, bei dem sich die Filmfigur Vincent Vega aus „Pulp Fiction” im Himmel ahnungslos umsieht. Laut Bildüberschrift ist er auf der Suche nach „den 6 Millionen”, eine Anspielung auf die etwa 6 Millionen Juden, die durch das NS-Regime ermordet wurden. Das Video erreichte laut dem Bericht knapp 25.000 User, bevor es von TikTok gelöscht wurde.

Einer Recherche von „Belltower News" zufolge, dem Internetportal der Amadeu Antonio Stiftung, können Accounts mit solchen Inhalten auch als erste Berührungspunkte mit rechtem Gedankengut dienen und einen Einstieg in die Szene bieten. Userinnen und User können über Links in Telegramgruppen geleitet werden, in denen diverse rechte Inhalte geteilt werden und aus diesen wiederum Aktionen auf TikTok koordiniert werden.

Passend dazu:So zielt Russlands Propaganda auf deutsche Jugendliche

TikTok: Verschwörungstheorien im Livestream

Rechtes Gedankengut findet sich auch in der Livestreamfunktion von TikTok. In einer der Übertragungen sitzt beispielsweise ein junger Mann im Trikot des FC Bayern vor der Handykamera und hält einen Monolog. Er erklärt seinen 300 bis 400 Zuschauerinnen und Zuschauern, der Beweis, dass die Erde eine Kugel sei, sei noch nicht erbracht. Keine zehn Minuten später, nach einem thematischen Zwischenstopp bei angeblichen Finanziers Adolf Hitlers, behauptet er, die Familie Rothschild würde die Geschicke der Welt lenken – eine antisemitische Verschwörungserzählung. Im Hintergrund hängt ein Monitor, auf dem das Logo der AfD zu sehen ist.

Auch im Chat taucht immer wieder der Name der Partei auf, gerne in Kombination mit blauen Herzchen. Man muss den Stream nicht extra suchen, der TikTok-Algorithmus schlägt ihn ganz automatisch auf der individuellen Empfehlungsseite vor. Zwar ist nicht zwingend davon auszugehen, dass die AfD entsprechende Inhalte tatsächlich initiiert und fördert – die Verbindung zur Partei ist aber unübersehbar.

Das Imageproblem von TikTok

Dass Rechtsextreme und Rechtspopulisten TikTok nutzen, um eine junge Zielgruppe anzusprechen, ist nicht neu und nicht die erste Kritik, mit der sich die Plattform konfrontiert sieht. Unter anderem enthüllte einer Recherche der Tagesschau einen Wortfilter, der Inhalte versteckte, wenn sie verschiedene Begriffe, viele davon aus der LGBTQ-Community, enthielten. Auch Wörter wie „Auschwitz” oder „Nationalsozialismus” waren betroffen. Kritiker bemängelten, dass so die Aufklärung über diese Themen erschwert werde.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Die enge Verknüpfung zwischen dem TikTok-Mutterkonzern ByteDance und der chinesischen Regierung sorgte ebenfalls wiederholt für kritische Töne. Aktuell scheint TikTok sich um eine Imageverbesserung zu bemühen. Beispielsweise wurde eine Kooperation mit Holocaust-Gedenkstätten ins Leben gerufen, die dabei unterstützt werden, ihre Aufklärungsarbeit auch über TikTok zu leisten. Außerdem hat die Plattform bestimmte Daten für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler freigegeben, die damit unter anderem zu Desinformation auf TikTok forschen können. Das erklärte Ziel der Plattform: den Hass auf TikTok eliminieren. Noch ist davon aber reichlich vorhanden.

Auch interessant:Warnung vor TikTok – EU-Kommission lässt App sofort löschen