Berlin. Die Hamas sorgt in Israel für Terror. Doch wer steckt hinter der palästinensischen Extremisten-Gruppe? Und was will sie? Ein Überblick.

  • Anfang Oktober haben die Hamas Israel angegriffen
  • Die Terrororganisation existiert bereites seit längerem – doch was will sie?
  • Das sind die wichtigsten Ziele der Islamisten

Nach ihrem Terrorangriff auf Israel verbreitet die radikalislamische Hamas eine zynische Botschaft: Die Organisation sei offen für „politische Gespräche“ mit Israel, auch über eine Art Waffenruhe. Schließlich habe die Hamas „ihre Ziele erreicht“, sagte ihr hochrangiger Vertreter Mussa Abu Marsuk. Natürlich weiß die Hamas, dass sie mit dieser Propaganda einen israelischen Gegenangriff nicht mehr verhindern wird. Aber wie begründet sich eine Terrororganisation, die sehenden Auges einen israelischen Gegenschlag provoziert, dem auch unzählige der eigenen Leute zum Opfer fallen?

Direkt übersetzt heißt Hamas so viel wie „Eifer“, „Begeisterung“ oder „Kampfgeist“. Aus der Zusammensetzung der einzelnen Anfangsbuchstaben ergibt sich jedoch ihre Bezeichnung „Bewegung des Islamischen Widerstands“, die wohl am ehesten beschreibt, als was sich die Terrororganisation versteht: Sie begründet sich durch das Ziel, den Staat Israel zu zerstören. „Israel existiert und wird weiterexistieren, bis der Islam es ausgelöscht hat, so wie er schon andere Länder vorher ausgelöscht hat“, heißt es in der Gründungscharta der Hamas von 1988. Mit dem bewaffneten Dschihad wolle man gegen die „Unterdrücker“ kämpfen, so die offen antisemitische Wortwahl.

Hamas: Eine Terrororgainsation, die Israel vernichten möchte

Um dieses Ziel zu erreichen, war der Hamas bereits in der Vergangenheit jedes Mittel recht: Ständiger Raketenbeschuss und Selbstmordanschläge im Herzen Israels gehörten bislang zum tradierten Mittel zur Erreichung ihrer Ziele. Verantwortlich dafür ist meist der militärische Arm der Hamas, die sogenannten Kassam-Brigaden, die wohl auch federführend bei dem Angriff auf Israel waren. Die gesamte Hamas wird von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft.

Ihr Herrschaftsgebiet erstreckt sich über den Gazastreifen – wohlgemerkt nur eines von zwei palästinensischen Autonomiegebieten neben dem Westjordanland. Ein schmaler Küstenstreifen im Südwesten von Israel an der Grenze zu Ägypten, wo die Hamas seit 2007 über knapp zwei Millionen Menschen herrscht.

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Die Hamas gewann mit der Ersten Intifada an Einfluss

Der Ursprung der Hamas geht auf die späten 80er-Jahre zurück, als der Gazastreifen noch unter israelischer Besatzung stand. Die Terrororganisation entstand aus der Muslimbruderschaft – einer sunnitisch-fundamentalistischen Bewegung, die sich seit ihrer Gründung 1928 in Ägypten unter verschiedenen Namen im Nahen Osten verbreitete. In der jüngeren Geschichte machten die Muslimbrüder im Nachbarland Ägypten von sich reden, als ihr Kandidat Mohammed Mursi nach dem Sturz von Präsident Mubarak 2012 demokratisch zum Präsidenten gewählt wurde. Nur ein Jahr später setzte das Militär den Präsidenten ab und stufte die Muslimbrüder als Terrororganisation ein.

Seit Gründung in den späten 80er-Jahren geht die Hamas noch radikalere Wege. Sichtbar wurde sie während der ersten Intifada 1987: Der Tod von vier Palästinensern bei einem Autounfall mit einem israelischen Militärtransporter wurde als Vergeltungsakt gewertet, in dessen Folge es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Palästinensern und der israelischen Armee kam. Für heutige Hamas-Führer wie Jahia Sinwar gilt die Erste Intifada als Geburtsstunde ihrer Radikalisierung.

Seit 2007 ist der Gazastreifen unter der Kontrolle der Hamas

Entscheidend für die Entwicklung der Hamas ist das Oslo-Abkommen von 1993. Israel und die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) vereinbarten nicht nur vorläufig die Selbstverwaltung der Palästinensergebiete. Auch akzeptierte die israelische Regierung die PLO erstmals als Vertreter der Palästinenser. Diese wiederum verzichtete fortan auf Erklärungen, nach denen Palästina die Vernichtung Israels anstrebe.

Ein Meilenstein der Geschichte, dem sich jedoch die weitaus radikalere Hamas nicht fügte. 2007 übernahm die Terrororganisation im Gazastreifen die Macht. Zuvor hatte sie sich erstmals an demokratischen Wahlen in den Palästinensischen Autonomiegebieten beteiligt, die sie mit einer Mehrheit der Stimmen für sich entscheiden konnte.

Mahmud Abbas, Präsident der Palästinensischen Autonomiegebiete.
Mahmud Abbas, Präsident der Palästinensischen Autonomiegebiete. © DPA Images | Alex Brandon

Ihr Gegenspieler war die Fatah-Partei, eine der größten Bewegungen innerhalb der PLO, die das Existenzrecht Israels im Oslo-Abkommen anerkannt hatte. Nach den Wahlen folgte eine blutige Auseinandersetzung zwischen der Fatah und der Hamas, seit der die Palästinensischen Autonomiegebiete faktisch zweigeteilt sind. PLO-Chef Mahmud Abbas ist – ebenfalls ohne demokratische Legitimation – Präsident der Palästinensischen Autonomiegebiete. Im Gazastreifen herrscht die terroristische Hamas, mit dem Ziel der Vernichtung Israels.

Die Ziele der Hamas

Aber welche Ziele verfolgt die im Vergleich zur israelischen Armee schwach ausgerüstete Terrororganisation genau? Militärstrategen in Israel suchen fieberhaft nach einer Antwort, denn davon hängt die richtige Reaktion ab.

Erstes Ziel der Hamas: Macht unter den Palästinensern

Die Hamas habe immer versucht, sich als die härtesten und gewalttätigsten Interessenvertreter Palästinas zu profilieren, sagt der Terrorismusexperte Peter Neumann. Dafür wolle sie die Gewalt anfachen, den Krieg fortführen – im Frieden werde sie nicht gebraucht. Die Konkurrenz mit der relativ gemäßigten Fatah-Fraktion, die 2007 den Machtkampf mit der Hamas im Gazastreifen verlor, ist nicht vorbei. Deshalb will die Hamas jetzt vermutlich den Palästinensern zeigen, dass vor allem sie Rache an Israels Kurs im Nahost-Konflikt üben kann – um so ihre eigene Position zu festigen.

Zweites Ziel der Hamas: Demütigung Israels

Der beispiellose Terror und vor allem die Geiselnahmen dienen dazu, den Staat Israel zu demütigen und die israelische Bevölkerung zutiefst zu verunsichern. Militärisch ist Israel zwar weit überlegen, aber der psychologische Effekt – auf Israel ebenso wie auf seine Feinde – ist immens. Der dürfte sich noch verstärken, wenn die Hamas ihre Drohung wahr macht und mit der Tötung von Geiseln beginnt, sollte Israel unangekündigt, ohne Vorwarnung angreifen. Und noch verheerender wäre die Wirkung, wenn wie befürchtet die Terrormiliz Hisbollah aus dem Libanon in den Konflikt eingreifen und eine zweite Front eröffnen sollte, etwa zur Eskalation nach einer israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen.

Die vom Iran hochgerüstete, im syrischen Bürgerkrieg erprobte Hisbollah ist deutlich stärker als die Hamas: Ihr militärischer Flügel verfügt über rund 100.000 bis 150.000 Raketen, denen der israelische Schutzschirm wohl nicht gewachsen wäre, und 20.000 bis 50.000 Kämpfer, wenn Reservisten mitgerechnet werden. „Es gab in den letzten Monaten sehr enge Absprachen zwischen Hamas, Hisbollah und dem Iran“, sagt Nahost-Expertin Muriel Asseburg von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Drittes Ziel der Hamas: Gefangenenaustausch erpressen

Die Hamas plant offenbar, die über 100 entführten israelischen Geiseln zu benutzen, um von Israel später die Freilassung palästinensischer Gefangener in großem Maßstab zu erpressen. Darin hat die Terrororganisation Erfahrung. Für die Freilassung nur eines Israelis, des Soldaten Gilad Shalit, presste die Hamas einst 1000 Gefangene frei.

Viertes Ziel: Eskalation des Nahost-Konflikts

Die Absicht der Hamas bestehe wohl darin, Israel zu massiven Vergeltungsmaßnahmen zu bewegen und den Konflikt eskalieren zu lassen, sagt der frühere US-Sonderbotschafter für den Nahost-Konflikt, Martin Indyk. Ein Aufstand im Westjordanland oder in Jerusalem, Anschläge der Hisbollah könnten der Plan sein. Auch Terrorexperte Neumann glaubt, die Hamas wolle die israelische Armee bewusst in den Gazastreifen locken. Ein Einmarsch mit Bodentruppen, der absehbare Häuserkampf mit hässlichen Bildern sind demnach einkalkuliert, um die arabische Welt aufzuwiegeln. Denn: Eigentlich hätten sich arabische Länder mit Israel arrangiert, Saudi-Arabien spreche von einer Normalisierung der Beziehungen zu Israel, meint Ex-Sonderbotschafter Indyk. Und die USA drängten Israel zu Zugeständnissen an die Palästinensische Autonomiebehörde.

Die Hamas und der Iran sähen dies als große Bedrohung und hätten ein gemeinsames Interesse, den Fortschritt zu stören. Wenn die Araber im Nahen Osten sähen, wie amerikanische Waffen in israelischen Händen viele Palästinenser töten, werde das heftige Reaktionen auslösen, meint der Nahost-Experte. Indyk ist sicher: „Die Idee bestand darin, jene arabischen Führer in Verlegenheit zu bringen, die Frieden mit Israel geschlossen haben oder dies tun könnten.“ Sie wollten beweisen, dass es die Hamas und der Iran sind, „die Israel eine militärische Niederlage zuzufügen können“.