Ukraine-Krieg

Putins Angstregime in Cherson: „Die Leute hassen die Russen“

Stefan Schocher
| Lesedauer: 6 Minuten
Tausende demonstrieren in Cherson gegen russische Besatzer

Tausende demonstrieren in Cherson gegen russische Besatzer

Im ukrainischen Cherson demonstrieren tausende Menschen gegen ihre russischen Besatzer. Die Großstadt im Süden des Landes wird seit Anfang März von der russischen Armee kontrolliert.

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Wien/Cherson.   Die Armee hat Cherson besetzt und ein Angstregime etabliert. Jetzt soll Russlands Anspruch durch ein Referendum zementiert werden.

Im Süden der Ukraine kristallisieren sich Russlands Pläne für die Ukraine heraus. Am 2. März hatten russische Truppen die Einnahme der Stadt Cherson gemeldet. Sie fiel praktisch kampflos. Der Chef der lokalen Abteilung des ukrainischen Geheimdienstes SBU wurde deshalb später entlassen. Er habe den Eid auf die Ukraine gebrochen, hieß es dazu aus der Regierung in der Hauptstadt Kiew. In der Stadt selbst dauerte es nur wenige Stunden, bis sich Proteste formierten, die bis heute andauern.

Auch in der vergangenen Woche kam es in der Stadt zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Armee. Tränengas und Blendgranaten wurden eingesetzt. Am Montag war das Stadtparlament aufgelöst worden. In den kommenden Tagen planen die russischen Besatzer ein Referendum über die Bildung einer russlandhörigen Volksrepublik nach dem Vorbild der Gebiete Donezk und Luhansk in der Ostukraine. Cherson soll aus der Ukraine herausgelöst werden. Schon am 1. Mai will die russische Regierung den Rubel als Zahlungsmittel einführen.

Ukraine-Krieg: Cherson ist von zentraler Bedeutung für Russland


Anders als bei der russischen Offensive im Norden, wo Städte umgangen wurden, ist die russische Armee nach Cherson gekommen, um zu bleiben. Die Stadt Cherson sowie die gleichnamige Region sind von zentraler Bedeutung für den Feldzug Russlands: Ohne Cherson keine Landbrücke auf die Krim; ohne Cherson keine gesicherte Wasserversorgung für die Krim; und ohne Cherson vor allem auch keine Offensive auf Odessa.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj selbst hatte Cherson nebst Isjum im Osten, dem Donbass und der Azov-Küste samt Mariupol als einen der Orte genannt, an denen dieser Krieg entschieden werde. Und kürzlich erklärte Selenskyj: Sollten die russischen Besatzungstruppen ein Referendum abhalten, würde das das Ende aller Gespräche mit Russland bedeuten.

Lyudmila Brankevych (Name geändert und der Redaktion bekannt) lebt keine 20 Kilometer von dort entfernt, wo sich die Front im Oblast Cherson derzeit festgefressen hat. Sie arbeitet als Freiwillige, versorgt das Militär mit Essen, Schlafsäcken oder sonstigem Material, koordiniert Hilfe, kümmert sich um Flüchtlinge, die hier durchkommen auf ihrem Weg nach Krywyj Rih. Also um die, die es trotz allem geschafft haben. Denn über humanitäre Korridore wird hier zwar verhandelt, auch das Internationale Komitee des Roten Kreuzes sei beteiligt, erzählt sie. Nur eine Einigung gibt es nicht.

Cherson: Menschen werden festgenommen und sollen umerzogen werden


Lyudmila Brankevych weiß, warum: „Sie wollen niemanden gehen lassen.“ Und mit „sie“ meint sie die russische Armee. Wenn es Menschen herausschafften, so erzählt sie, dann seien das Frauen. Denen werde gesagt: „Ja, rennt halt weg, die Männer werden wir rekrutieren und euch nachschicken.“ Von genau solchen Plänen hat auch der ukrainische Militärgeheimdienst berichtet. Passiert ist das aber noch nicht, glaubt Lyidmila Brankevych.

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Was in Cherson derzeit passiert, ist der systematische Aufbau eines Angstregimes: Städte wurden besetzt, Verwaltungen ausgetauscht, Journalisten, Priester und Aktivisten festgenommen, Bürgermeister verhört, Lehrer und Uniprofessoren aus dem Dienst entfernt. Wie der Machthaber auf der russisch kontrollierten Krim, Sergei Aksjonow, zuletzt meinte, sollen Pädagogen und Professoren in Lagern auf der Krim umerzogen werden. In Schulen, so berichten es Ukrainerinnen und Ukrainer, werde von nun an auf Russisch unterrichtet.


Und viele Menschen sind verschwunden: Aktivisten, Politiker, Mädchen, junge Frauen. Die Verwandten einer 20-jährigen Frau, die nach Norden geflohen sind, hat Lyudmila Brankevych selbst betreut. Mehrere solcher Fälle gebe es, erzählt sie. Sie selbst kennt mindestens drei. Ob die Frauen noch leben oder ob sie tot sind, weiß sie nicht.

Unbewaffnete Zivilisten gegen eine schwer bewaffnete Armee



Mit dem sogenannten Referendum soll der russische Anspruch auf die Region nun vermutlich gegen alle Widerstände einzementiert werden. Diese Widerstände sind nach den Worten von Yurii Sobolevskyi, dem Vizechef des Oblast-Parlaments, derzeit aber zu groß, um das Referendum abzuhalten. Bereits bei der Umsetzung dieses Vorhabens gebe es schwerwiegende Probleme, sagt er. Die Besatzer hätten so gut wie keine Unterstützung.



Nahezu täglich kommt es laut Augenzeugen im aktuell praktisch abgeriegelten Stadtgebiet von Cherson zu großen Kundgebungen. Den unbewaffneten Zivilisten gegenüber stehen dabei immer schwer bewaffnete Armeeeinheiten. Bei den Protestaktionen gab es bereits mehrere Verletzte. „Die Leute hassen die Russen“, sagt Lyudmila Brankevych.

Es gibt bereits Berichte über eine aktive Guerilla in und um Cherson. Bestätigen lässt sich das nicht. Allerdings gelang es ukrainischen Einheiten zum Beispiel mehrmals, den Flughafen von Cherson zurückzuerobern, als die Stadt längst von der russischen Armee eingenommen war, dort stationiertes Gerät zu vernichten und wieder zu verschwinden. Das war im März. Und erst vergangene Woche sprengten Saboteure eine wichtige Eisenbahnbrücke in der benachbarten Oblast Saporischschja – ein Flaschenhals für Russlands Nachschub in den Süden.

Russen suchen nach den Organisatoren der Proteste


Dafür, dass die russischen Truppen in der Region nervös sind, gibt es eine ganze Reihe von Indizien: So hätten die russischen Besatzer zuletzt ihre Checkpoints in der Region massiv verstärkt, berichtet Lyidmila Brankevych. Auch die Telefonverbindungen in und aus dem Stadtgebiet von Cherson wurden zuletzt immer wieder gekappt. Entsprechend spärlich ist die Nachrichtenlage.

Nach Aussagen von Personen, die nach Verhören durch russische Dienste wieder freigelassen wurden, suchen die Russen gezielt nach den Organisatoren der anhaltenden Proteste in der Region. Derzeit sammelt die russische Armee laut ukrainischen Angaben in der Region aber auch schwere Kräfte. Vermutet wird eine baldige Offensive auf Krywyj Rih.

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Dieser Artikel ist zuerst auf waz.de erschienen