Corona-Pandemie

Corona: Warum ein zweiter Lockdown unwahrscheinlich ist

Berlin.  Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland steigt schon seit Wochen. Wird das nun einen zweiten Lockdown notwendig machen?

Corona: Wann man von einer zweiter Welle spricht

Die Sorge vor der zweiten Welle wächst: Seit August steigen die Infektionen mit Covid-19 wieder deutlich an. Das RKI beschreibt die Entwicklung als "sehr beunruhigend".

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  • In den vergangenen Wochen kam es zu einem deutlichen Anstieg der Corona-Neuinfektionen in Deutschland
  • Zwar lag die Zahl in den vergangenen Tagen dann wieder deutlich niedriger, dennoch zeigten sich die Behörden in Deutschland alarmiert
  • Die Gesundheitsbehörden warnten davor, an ihre Grenzen zu kommen, wenn sich das Virus auch in der Fläche ausbreite
  • Wie wahrscheinlich wäre im schlimmsten Fall ein Lockdown? Was sagen Virologen dazu?

Die Zahl der täglich neu an das Robert Koch-Institut übermittelten Neuinfektionen ist in den vergangenen Wochen wieder gestiegen. Das alarmiert die Politik: Bundeskanzlerin Angela Merkel beriet sich am Mittwoch mit den Ministerpräsidenten, inwiefern die aktuelle Situation wieder strengere Maßnahmen erforderlich mache.

In der vergangenen Woche meldete das Robert Koch-Institut (RKI) tageweise fast 2.000 neue Corona-Fälle. Mittlerweile liegt die Zahl konstant bei etwa 1.500. Das RKI warnt in seinem täglichen Bericht vor einer großen Anzahl kleinerer Ausbrüche, die durch Feiern im Familien- und Freundeskreis und Reiserückkehrer ausgelöst werden.

Robert Koch-Institut über Corona: Lage ist sehr beunruhigend

Die Entwicklung sei sehr beunruhigend – vor allem weil die Dynamik laut RKI an Fahrt aufnimmt. Das Auswärtige Amt verlängerte deshalb die Reisewarnung für 160 Länder außerhalb der Europäischen Union. Aktuell gelten zudem Regionen in Spanien, Belgien, Kroatien, Bulgarien und Rumänien als Corona- Risikogebiet.

Angesichts der steigenden Fallzahlen wurden bereits erste Spekulationen laut, dass auf Deutschland die zweite Welle der Pandemie zukomme. Das könnte auch einen erneuten Lockdown erforderlich machen. Doch wie wahrscheinlich ist das und wie ist das aktuelle Infektionsgeschehen in Deutschland zu beurteilen?

• Aktuelle Infos: Alle Entwicklungen zu Corona-Pandemie im Newsblog

Corona-Pandemie: Wie ist die aktuelle Lage in Deutschland?

Tatsächlich scheint sich die Infektionslage in Deutschland, mit Ausnahme von wenigen regionalen Clustern, in den letzten Tagen wieder entspannt zu haben. Aufgrund der Meldeverzögerungen bei den Gesundheitsämtern lässt sich die Gesamtsituation meist besser bewerten, wenn der 7-Tage-Durchschnitt der Neuinfektionen betrachtet wird. Aktuelle RKI-Fallzahlen und Corona-Reproduktionsfaktor

  • Dieser ist diese Woche zwar 13 Prozent höher als in der Vorwoche – das entspricht aber dem niedrigsten Anstieg seit dem 19. Juli.
  • Auch deutet sich ein leichter Rückgang der Zunahme an aktiven Corona-Fällen an. Beide Beobachtungen machen Hoffnung: Das besorgniserregende, schnelle Wachstum scheint langsam ausgebremst.
  • Auch der R-Wert hat sich wieder bei unter 1 eingependelt. Im 4-Tages-Mittel lag die Reproduktionszahl bei 0,83 (Stand 27. August 2020).
  • Seit Mitte Juli hatte der Richtwert immer über 1 gelegen. Er bildet die Anzahl von Personen ab, die im Durchschnitt von einem Corona-Infizierten angesteckt werden.

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Wie wahrscheinlich ist ein zweiter Lockdown?

Derzeit sieht es nicht danach aus, als würde sich die Lage wie im März zuspitzen. Bund und Länder haben sich auf Maßnahmen geeinigt, die zwar das öffentliche Leben reglementieren, allerdings nicht mit dem Lockdown Mitte März vergleichbar sind.

Auch der Marburger Virologe Stephan Becker hält einen zweiten Lockdown nicht für nötig: Mittlerweile habe man gelernt, wie man mit dem Coronavirus umgehen müsse und es eindämmen kann, sagte Becker der Deutschen Presse-Agentur. „Dadurch, dass wir das Virus besser kennengelernt und verstanden haben, was die riskanten Situationen sind, können wir glaube ich einen weiteren, flächendeckenden Lockdown vermeiden“, so der Virologe. Lesen Sie dazu auch: Virologe: So kann man den Corona-Lockdown vermeiden

  • Hält der Trend der letzten Woche an, könnte die Zahl der Neuinfektionen pro Tag weiter sinken.
  • Zudem infizieren sich derzeit nachweislich vor allem jüngere Menschen unter 35 mit dem Coronavirus.
  • Viele von ihnen haben leichte Krankheitsverläufe oder sind gar asymptomatisch.

Solange weiterhin vor allem diese Kohorte betroffen sei, müsse man sich keine Sorgen machen, sagte der Bonner Virologe Hendrik Streeck am Mittwoch im Talk bei Maischberger: „Wir müssen vor allem die schützen, die einen schweren Verlauf haben könnten.“

Corona-Pandemie: So kann ein zweiter Lockdown verhindert werden

Das RKI mahnt trotzdem, dass der Anstieg in den jüngeren Bevölkerungsgruppen gebrochen werden und so verhindert werden müsse, dass die die älteren und besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen wieder vermehrt betroffen werden. Sobald sich wieder vermehrt ältere Menschen infizieren, müsse auch mit einer erhöhten Auslastung der Krankenhäuser gerechnet werden.

Viele Virologen sehen die Zahl der Hospitalisierungen weiterhin als Richtschnur dafür, ob ein erneuter Lockdown notwendig ist. Virologe Streeck forderte, dass klar festgelegt werden müsse, wann in diesem Bereich „die Ampel auf gelb oder rot springt“.

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Damit es nicht so weit kommt, ist laut RKI-Präsident Lothar Wieler jeder Einzelne gefragt: „Der Umgang von uns mit diesem Virus, der wird ganz entscheidend den weiteren Fortgang der Pandemie bestimmen“, sagte Wieler in einer Sonderausgabe des NDR-Podcasts „Das Coronavirus-Update“. Es sei dabei nicht so relevant, ob es 1.000 oder 10.000 Fälle gebe, sondern wie die Menschen sich verhalten würden. Der RKI-Chef appellierte, auch künftig die AHA-Regeln (Abstand - Hygiene - Alltagsmasken) und andere Infektionsschutzmaßnahmen zu beachten.