Kinderrechte

Deutschlands First Lady: „Kinder müssen in den Mittelpunkt“

Berlin.  Elke Büdenbender über das Leben in Corona-Zeiten, Gleichberechtigung und die Debatte über schärfere Gesetze gegen Kindesmissbrauch.

Elke Büdenbender auf einem Balkon von Schloss Bellevue. Die First Lady ist seit 1995 mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verheiratet.

Elke Büdenbender auf einem Balkon von Schloss Bellevue. Die First Lady ist seit 1995 mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verheiratet.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Die Fassade des Schloss Bellevue strahlt blütenweiß in der Juni-Sonne, umrahmt von sattgrünen Rasenflächen. Die First Lady begrüßt gut gelaunt im „Salon Luise“. Es ist einer der ganz seltenen Interviewtermine mit Elke Büdenbender, der Richterin und Ehefrau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Frau Büdenbender, in normalen Zeiten schütteln der Bundespräsident und Sie unglaublich viele Hände, um Menschen nahe zu sein. Wie erleben Sie die Pflicht zum Distanzieren?

Elke Büdenbender: Es ist eine außergewöhnliche Situation, wenn man Menschen nicht mehr persönlich begegnen kann. Eine verstörende Erfahrung. Als Partnerin des Bundespräsidenten treffe ich normalerweise sehr viele Menschen und mir ist es wichtig, mich mit ihnen auszutauschen und Menschen zusammenzubringen. Überhaupt bin ich anderen gerne nah.

Und jetzt kann ich niemanden mehr in den Arm nehmen. Das fällt mir wirklich schwer. Vor allem die Distanz zu geliebten Menschen: Ich hatte meinen Vater, der 89 ist, und meine Schwiegermutter, sie ist 90, mehr als zwei Monate nicht gesehen.

Sie gelten selbst als Risikopatientin, weil Sie von ihrem Mann eine Spenderniere erhielten – wie schützen Sie sich persönlich vor einer Ansteckung?

Büdenbender: Ich habe immer Desinfektionsmittel dabei, trage wie vorgeschrieben eine Maske. Menschenansammlungen meide ich und weitestgehend auch noch die öffentlichen Verkehrsmittel. Lieber nehme ich das Fahrrad oder gehe zu Fuß, wann immer es geht; zu Terminen werde ich gefahren.

Wenn Sie auf die Gesellschaft vor und nach Corona blicken, was fällt am stärksten auf?

Büdenbender: Wir mussten alle lernen, mit unserer eingeschränkten Bewegungsfreiheit umzugehen. Dass Kinder nicht mehr gut betreut und versorgt sind. Dass Arbeiten nicht selbstverständlich ist. Für viele Menschen bringt Corona unglaubliche wirtschaftliche Härten mit sich. Künstlerinnen und Künstler, die von einem Engagement bis zum nächsten leben, wie stehen die jetzt da? Die Pandemie rüttelt unsere Gesellschaft ganz schön durch. Mich hat dabei beeindruckt, wie toll die allermeisten Menschen bisher mitgemacht haben. Gemeinsam haben wir viel erreicht. Jetzt müssen wir lernen, mit der Pandemie zu leben.“

Der Staat hat zur Eindämmung der Pandemie wie nie zuvor Grund- und Bürgerrechte eingeschränkt. Haben Sie Verständnis für Corona-Demonstrationen?

Büdenbender: Die Einschränkung unserer Freiheiten war massiv. Ich kann verstehen, dass Menschen davon total überrumpelt waren. Mir ging es im ersten Moment auch so, obwohl ich die Maßnahmen nie infrage gestellt habe. Sie erfolgten ja aus gutem Grund: zum Schutz von Gesundheit und Leben. Auch dazu verpflichtet das Grundgesetz den Staat. Und Demonstrationen waren und sind ja weiterhin möglich. Bürger konnten sich zu jeder Zeit an die Gerichte wenden – in vielen Fällen mit Erfolg. Keiner war ohne Rechtsschutz. Man kann und soll über die Corona-Maßnahmen diskutieren – aber bitte immer mit Respekt vor den anderen, auch vor den politisch Verantwortlichen, die viel leisten in diesen Monaten.“

Schulen und Kitas waren lange zu, Kinder aus benachteiligten Familien wochenlang vom Radar verschwunden. Was muss man daraus lernen?

Büdenbender: Die Gesellschaft muss generell in Zukunft Kinder viel stärker in den Mittelpunkt von Entscheidungen stellen. Wir müssen mehr auf ihre Bedürfnisse achten. Kinder brauchen andere Kinder. Ich bin immer total gerne zur Schule gegangen. Die Schule ist doch der erste Ort, an dem man sich freischwimmt von den Eltern, an dem man eine andere Rolle einnehmen kann. Wir müssen jetzt genau hinschauen, was besser laufen kann. Bei der Digitalisierung haben wir gemerkt: Da gibt es zu wenige Strukturen in den Schulen.

Kinderrechte im Grundgesetz – würde das helfen?

Büdenbender: Das ist eine sehr wichtige Diskussion. Und die letzten Wochen haben uns viele gute Gründe geliefert, um darüber erneut nachzudenken. Natürlich stehen Kinder auch jetzt schon unter dem Schutz des Grundgesetzes, aber Kinder und Jugendliche sind eben keine Anhängsel ihrer Eltern. Sie sind einfach so viel mehr: Sie haben eigene, schützenswerte Interessen und Bedürfnisse. Sie haben ihre eigene Perspektive auf das Leben und unsere Gesellschaft. Wenn wir Kindern im Grundgesetz ein eigenes und damit größeres Gewicht geben, stärken wir auch die Familien.

Kassiererinnen, Altenpflegerinnen und Krankenschwestern haben bei kargen Löhnen in der Pandemie geschuftet. Wird die Leistung dieser Frauen ausreichend wertgeschätzt?

Büdenbender: Ich hoffe, dass die Wertschätzung der letzten Monate anhält, auch über die Krise hinaus. Dafür sind wir alle verantwortlich. Es sind vor allem Frauen gewesen, die den Laden am Laufen gehalten haben - zuhause, in Kliniken, Pflegeheimen, Schulen, Kitas und Geschäften. Und sie müssen auch endlich angemessen bezahlt werden. Wer etwas für Frauen tun will, muss genau hier ansetzen.

Viele Frauen reiben sich zwischen Home-Office, Home-Cooking und Home-Schooling auf. Die Soziologin Jutta Allmendinger vertritt die These, Corona habe die Emanzipation um 30 Jahre zurückgeworfen. Sehen Sie das auch so?

Büdenbender: Die Auffassung, dass wir uns 30 Jahre haben zurückwerfen lassen, teile ich nicht. Denn wir Frauen haben einen Mund und den machen wir auch auf. Ganz offensichtlich haben aber die Frauen in den Familien die Hauptlast getragen. Und was mir auffällt, ist, dass Frauen in der Corona-Zeit stärker in tradierte Rollenbilder zurückgefallen sind als dass sich Männer bereit erklärt hätten, sich im Beruf zurückzunehmen.

Was heißt das als Konsequenz?

Büdenbender: Wir müssen zum Beispiel ganz intensiv über andere Formen der Arbeit nachdenken – weg vom ewigen Präsenzprinzip. Das geht ja auch in den skandinavischen Ländern. Bei uns scheint es selbstverständlich zu sein, dass Frauen zurückstecken.

Wo steht Deutschland bei der Gleichberechtigung?

Büdenbender: Ich sehe große Fortschritte, etwa bei der Frauenerwerbstätigkeit. Da haben Frauen im Westen unglaublich von Frauen im Osten profitiert. Die Selbstverständlichkeit, mit der dort beide Elternteile gearbeitet haben, das hat ungeheure Rückwirkungen auf die Frauen im Westen gehabt. Niemand würde heute noch Frauen von einer Berufsausbildung oder einem Studium fernhalten. Wo es dann immer hakt ist bei der Frage: Wie mache ich Karriere oder wie komme ich in Jobs, in denen ich selbst mal Chefin werde? Da sind wir noch nicht weit gekommen. Der Blick in die Vorstände und Aufsichtsräte spricht ja für sich.

Braucht es mehr verpflichtende Quoten?

Büdenbender: Ich bin für mehr Quoten. Bestes Beispiel: Jene Parteien im Bundestag, die sich eine Quote gegeben haben, stellen den Großteil der Frauen im Parlament. Quote wirkt.

Müssen Eltern und Schulen junge Frauen stärker ermutigen, in „Männerberufe“ einzusteigen?

Büdenbender: Es gibt leider noch viel zu starre Klischees bei der Berufswahl. In der Ausbildung und im Studium beschränken sich viele junge Frauen auf Berufsbilder, die geschlechterspezifisch klar zugewiesen sind. Wir müssen in den Kitas und Schulen anfangen, bei Mädchen alle Interessengebiete zu fördern, darunter die Technischen. Ich bin in großer Sorge, dass Frauen und Mädchen die Verliererinnen der Digitalisierung sein werden.

Warum?

Büdenbender: Die digitale Welt ist eine Männerwelt. Wenn Sie sich anschauen, wer die Algorithmen macht, wer die Bedingungen bestimmt, unter denen die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert, dann sind das in der ganz großen Mehrzahl Männer. Da brauchen wir dringend einen gesellschaftlichen Input und eine stärkere Förderung von Frauen.

Lügde,Bergisch Gladbach,Münster. Drei Städtenamen stehen exemplarisch für grausamsten sexuellen Missbrauch an Kindern. Sie sind Mutter und Richterin. Wie können unsere Kinder besser geschützt werden?

Büdenbender: Ich habe viele ungeheuer engagierte Jugendamtsmitarbeiter kennengelernt. Aber es sind einfach zu wenige. Ganz offensichtlich gelingt es uns nicht, so furchtbare Verbrechen zu verhindern. Wir müssen die Jugendämter deshalb stärken. Wir brauchen auch mehr geschulte Experten, denen es gelingt, im „Darknet“ der Internet-Kinderpornografie zu ermitteln. Bei der Suche nach den Tätern sollten wir unsere Blicke weiten - auch Frauen sind an Kindesmissbrauch beteiligt.

Lesen Sie auch: Missbrauch einer Neunjährigen – „Ich wurde mit ihm in den Keller geschickt“

Müssen Gesetze verschärft werden?

Büdenbender: Die Diskussion über schärfere Gesetze ist angesichts dieser schweren Fälle vollkommen nachvollziehbar und legitim. Der schwere Kindesmissbrauch ist ja bereits ein Verbrechen, das heißt es gibt eine Mindeststrafe von einem Jahr. Wenn man zu der Auffassung gelangt: Das ist künftig in jedem Fall von Kindesmissbrauch notwendig, um eine Generalprävention, also eine abschreckende Wirkung zu erzielen, dann denke auch ich, das wäre richtig.

Kanzler Schröder hat mal gefordert: Kinderschänder wegsperren – für immer? Wie denkt eine Richterin über einen solchen Satz?

Büdenbender: Aus Sicht der Betroffenen kann ich es nachvollziehen. Aber wir leben in einem Rechtsstaat. Wir können nicht einfach jemanden für immer wegsperren. Wir haben die Möglichkeit der Sicherungsverwahrung. Das Entscheidende ist, den Kindesmissbrauch zu verhindern.

Aus den USA hat sich die Anti-Rassismus-Bewegung in die ganze Welt verbreitet. Gibt es strukturellen Rassismus auch in deutschen Behörden und bei der Polizei?

Büdenbender: Es gibt Rassismus in Deutschland und auch bei uns gibt es rassistische Vorfälle von Vertretern staatlicher Stellen. Jeder einzelne Übergriff dieser Art ist bedrückend und für mich ist klar: Das muss geahndet werden. Aber ich glaube nicht, dass Rassismus System hat in Deutschland. Dafür sind unsere Institutionen und die Menschen darin viel zu sensibilisiert. Was mich sehr bewegt hat, waren die Polizisten in den USA, die Menschen umarmt und sich niedergekniet haben. Wir brauchen solche deutlichen Gesten, die zeigen: Wir sind keine Rassisten, wir sind ein Volk, Du bist mein Mitmensch.

Im Frühjahr 2022 endet die erste Amtszeit Ihres Mannes. Gibt es keine Fortsetzung, gehen Sie zurück ans Gericht oder sind Sie da völlig raus?

Büdenbender: Nein, raus bin ich nicht: Ich telefoniere viel mit meinen Kolleginnen und Kollegen, wir haben eine Chat-Gruppe. Ich lese viele Urteile. Ich möchte à jour sein; wissen, was zum Beispiel in der Dublin-Rechtsprechung passiert, da hat es zwei große Entscheidungen des Bundesverwaltungsgerichts zu Abschiebungen gegeben. Ich bin gerne Richterin.

Mögen sie eigentlich diesen seltsamen Titel, „First Lady“?

Büdenbender: Diese Rolle ist nun mal nicht institutionalisiert. Und jeder weiß, was mit First Lady gemeint ist. Aber Partnerin des Bundespräsidenten, das gefällt mir viel besser.

Wer Sie kennt, weiß, dass Sie ein großes Herz auch für Hunde haben. Wird es mal einen präsidialen Rauhaardackel im Schloss Bellevue geben?

Büdenbender: Leider nein. Das ist völlig unrealistisch, solange wir beide arbeiten. Aber wer weiß, was später ist.

  • Porträt: Elke Büdenbender, die erfolgreiche Frau an Steinmeiers Seite