Ex-US-Präsident

Donald Trump: Wie er ins Weiße Haus zurückkehren könnte

Dirk Hautkapp
| Lesedauer: 7 Minuten
Trump-Anhänger demonstrieren vor dem US-Kapitol

Trump-Anhänger demonstrieren vor dem US-Kapitol

Einige hundert Trump-Anhänger solidarisieren sich vor dem US-Kapitol mit Menschen, die wegen des Sturms auf das US-Parlament Anfang Januar festgenommen wurden. Für die Protestierenden handelt es sich um "politische Gefangene" und "Patrioten".

Beschreibung anzeigen

Washington.  Könnte Ex-US-Präsident Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl 2024 tatsächlich eine Chance haben? Trumps Taktik und seine Vorteile.

Republikaner wie Bill Cassidy muss man in Amerika im Moment mit der Lupe suchen. Der Facharzt für Magen- und Darm-Erkrankungen, der für den Bundesstaat Louisiana im Senat in Washington sitzt, glaubt, dass Donald Trump zu viel Verlierer-Ballast mit sich trägt, um 2024 erneut das Präsidentschaftsticket der Konservativen zu erringen. "Er wird nicht unser Kandidat sein", sagte Cassidy im Fernsehsender HBO in Basta-Manier, "und ich würde ihm meine Stimme nicht geben."

Dass unter Trump binnen vier Jahren republikanische Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses verloren wurden und 2020 obendrein auch das Weiße Haus, dieser beispiellose Malus, hat allerdings in weiten Teilen der "Grand Old Party" inklusive ihrer Wählerschaft bisher null Relevanz. Misserfolge und Fehltritte zählen nicht oder werden - wie Trumps nachgewiesene ideelle Beteiligung an der blutigen Erstürmung des Kapitols am 6. Januar - schlicht geleugnet.

Mit der Folge, dass nach Umfragen über 70 Prozent der republikanischen Wähler die von Trump täglich verbreitete (und hinlänglich widerlegte) Falsch-Behauptung verinnerlicht haben, ihm sei der Wahlsieg im November 2020 durch Manipulationen von den Demokraten gestohlen worden. Ebenso viele befürworten eine dritte Kandidatur des schillernden Unternehmers für das Weiße Haus in drei Jahren.

Trump drängt sich zurück in die Öffentlichkeit

Trump macht sich das bei seinen in losen Abständen stattfindenden Kundgebungen vor fünfstelligen, euphorisierten Fan-Ansammlungen zu Nutze. Seit die Regierung von Joe Biden wegen des Truppen-Abzugs aus Afghanistan, der Flüchtlings-Misere an der Grenze zu Mexiko, der stagnierenden Corona-Bekämpfung und des Gesetzgebungsstillstands ins Washington im Ansehen der Bevölkerung rapide abgestürzt ist, wirkt Trump aufsässiger denn je.

Ohne sich definitiv festzulegen, kokettiert er regelmäßig damit, ab Januar 2025 zum zweiten Mal die Geschicke des Landes übernehmen zu wollen. Zwei Mal ins Oval Office einzuziehen, das gelang zuletzt Grover Cleveland. Nach verpasster Wiederwahl 1888 hatte er 1892 bei den Präsidentschaftswahlen die Oberhand.

Donald Trump: Das sind seine Vorteile

Trumps Vorteil: Er hat schon jetzt Wahlkampfenspendengeld wie Heu. Allein in diesem Jahr nahm er als nörgelnder Privatmann, der von der Außenbahn die republikanische Partei mit harter Hand führt, über 100 Millionen Dollar ein. Als offizieller Kandidat würden sich bei milliardenschweren Unterstützern vollends die Schatullen für ihn öffnen.

Mit seiner eigenen sozialen Medien-Plattform "Truth Social", die im nächsten Frühjahr an der Start gehen soll, stünde Trump nach der Verbannung bei Twitter und Facebook ein mächtiges Sprachrohr zur Verfügung, um seine Botschaften ins Land zu tragen.

Wie Trumps Kandidatur gelingen könnte

Bisher besteht Trumps "Operation Comeback" nur aus einer Non-Stop-Vendetta. Republikaner, die Bidens von allen Gerichten beglaubigten Sieg anerkennen, werden beleidigt, sturmreif geschossen und mit willfährigen Gegenkandidaten konfrontiert.

Gelingt diesen Loyalisten der Sprung ins Parlament und holen sich die Republikaner bei den Zwischenwahlen im November 2022 die Mehrheit in einer oder beiden Kammern des Kongresses zurück, wird Trump - wenn nicht Tod, gesundheitliche Probleme oder Strafverfahren dazwischenkommen - seinen Hut für 2024 in den Ring werfen. So sagen es konservative Langzeit-Beobachter wie Robert Kagan und erfahren dafür im Raumschiff Washington kaum Widerspruch.

Käme es so, wären die Handlungsspielräume potenzieller innerparteilicher Konkurrenten - Ex-Vize Mike Pence, Florida-Gouverneur Ron DeSantis, Ex-UN-Botschafterin Nikki Haley, die Senatoren Tom Cotton, Tom Cruz und Josh Hawley etc. - futsch. "Sie würden von Trump brutal weggebissen", sagen republikanische Strategen in Washington, die nicht mit Namen zitiert werden wollen. "Wer den großen Schnitt mit der Ära Trump empfiehlt, hat in dieser Partei kein schönes Leben mehr."

US-Wahl: Stimmen in Georgia sorgten für Chaos

Dass Donald Trump bei seinen klandestinen Aktivitäten keine Verwandten kennt, zeigt sich nirgends so eindrücklich wie in Georgia. Den Südstaat hatte er 2020 knapp aber klar gegen Joe Biden verloren. Das republikanische Establishment in Atlanta stimmte jedoch nie in Trumps Tiraden von der Qgestohlenen Wahl" ein.

Als Trump den für die Wahlen zuständigen Innenminister Brett Raffensberger nötigte, irgendwoher rund 17.000 fehlende Stimmen zu organisieren, schlug der Beamte dem Präsidenten die Tür vor der Nase zu. Dafür setzt es nun Rache.

Der amtierende republikanische Gouverneur Brian Kemp, der Raffensberger deckte, soll durch einen 100-prozentigen Trumpianer ersetzt werden: David Perdue, Anfang des Jahres abgewählter Ex-Senator. Gemäßigte Republikaner wie der derzeitige Vizegouverneur Geoff Duncan befürchten einen "politischen Bürgerkrieg" in Georgia. Von der "Selbstzerfleischung", die Trump seiner Partei aufzwinge, könnte am Ende die demokratische Gouverneurs-Kandidatin Stacey Abrams profitieren, schreibt das "Atlanta Constitution Journal".

Nicht nur das. Der in konservativen Kreisen beheimatete Analyst Frank Luntz hält Trumps Siegchance 2024 für dürftig. Auf moderate und parteiunabhängige Wähler wirke der Ex-Präsident zu toxisch und "wie ein schlechter Verlierer", sagt Luntz. Sein Mantra vom Wahlbetrug komme vielen ewiggestrig vor und könnte in der demokratischen Wählerschaft für zusätzliche Mobilisierung sorgen.

Präsidentschaftswahl: Stimmabgabe wird erschwert

Dabei blendet Luntz jedoch aus, was vielen Analysten zunehmend Sorgen macht. Fast 20 konservativ regierte Bundesstaaten haben in diesem Jahr ihre Wahlgesetze subtil verschärft. Durch strengere Ausweispflichten, kürzere Öffnungszeiten der Wahllokale und schikanös wirkende Auflagen bei der Briefwahl wird es nach Analyse des unabhängigen Brennan-Centers 2024 "vor allem für nichtweiße Bürgerinnen und Bürger schwieriger, ihre Stimme abzugeben". Das sind traditionell die Wähler der Demokraten.

Dazu wird an weiteren Stellschrauben gefingert. Und zwar so, dass in drei Jahren ein gewalttätiger Coup-Versuch wie am 6. Januar gar nicht nötig würde für den Mann, der 2016 (um drei Millionen Stimmen) und 2020 (um sieben Millionen) die eigentliche Präsidentschaftswahl klar verloren hatte.

"Electoral College" könnte Trump zugutekommen

Weil im US-System die Wahlmänner- und Wahlfrauen im "electoral college" (Wahlmänner-Gremium) das letzte Wort haben, basteln die Republikaner an einer prozessuralen Umgehungsstraße. Damit kann Volkes Wille de facto sabotiert werden. Wie?

Sollte Trump durch knappe Ergebnisse in Regionen wie Wisconsin, Pennsylvania, Arizona und Georgia 2024 erneut verlieren, können dort republikanisch beherrschte Landeskongresse die Listen für das "electoral college" nach Gutdünken mit Loyalisten so bestücken, dass Trump trotzdem der Weg ins Weiße Haus geebnet würde.

Ob sich ein mehrheitlich konservativ gepolter Oberster Gerichtshof dieser gezielten Unterwanderung elementarer demokratischer Spielregeln widersetzen würde, ist fraglich.

Würde Trump nach seiner Achterbahnfahrt als Präsident Nr. 45 in drei Jahren Präsident Nr. 47, so hat es seine frühere demokratische Rivalin Hillary Clinton gerade erst im Kassandra-Ton formuliert, "wäre es mit der Demokratie, wie wir sie kennen, in Amerika vorbei".