Inflation

Steigende Energiepreise: Familien geraten in Existenznot

Alessandro Peduto
| Lesedauer: 5 Minuten
Energiepreise: Fünf Tipps um Gas zu sparen

Energiepreise- Fünf Tipps um Gas zu sparen

Mit Blick auf einen drohenden Gasstop in Deutschland und die steigenden Energiepreise ist eine effiziente Gas-Nutzung besonders wichtig. Diese Tipps helfen dabei:

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Berlin.  Inflation und Energiepreise: In Familien wachsen Existenznot und das Risiko von Privatpleiten. Schuldnerberatungen schlagen Alarm.

Die Verbraucherpreise in Deutschland steigen seit Wochen in atemberaubendem Tempo. Die Inflation ist auf Rekordniveau. Zuletzt lag sie bei 7,4 Prozent. Zahlreiche Alltagsgüter sowie Energie verteuern sich in Windeseile. Der anhaltende Krieg in der Ukraine verstärkt die Preissteigerungen zusätzlich.

Die Bürgerinnen und Bürger hierzulande müssen inzwischen deutlich tiefer in die Tasche greifen, um die Kosten des täglichen Lebens zu bestreiten. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Für zahlreiche Haushalte in Deutschland könnte sich die Lage laut Finanzexperten bald dermaßen zuspitzen, dass sie in Existenznot geraten. Es drohen mehr Privatinsolvenzen.

Bei den Schuldnerberatungen ist das Problem längst angekommen. Sie verzeichnen seit vielen Wochen eine stark ansteigende Nachfrage nach Beratungsterminen. Immer mehr Familien und Einzelpersonen seien bereits jetzt wirtschaftlich massiv unter Druck, sagt Ines Moers, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung, eines Netzwerks aus rund 1400 öffentlichen Beratungsstellen in ganz Deutschland.

Hohe Energiekosten treffen besonders Ärmere nach zwei Jahren Corona-Pandemie

Zwei Jahre Corona-Pandemie mit geringerem Verdienst durch Kurzarbeit oder sogar Jobverlust hätten bei vielen tiefe Spuren in den Finanzen hinterlassen. Oft könnten die Raten von Krediten nicht mehr bedient werden, Schulden würden gestundet. Nun kommen auch noch die immensen Teuerungen vor allem bei Strom und Gas hinzu.

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„Die hohen Energiekosten werden viele Menschen in Schwierigkeiten bringen“, sagte Moers unserer Redaktion. Vor allem bei Haushalten mit niedrigem Einkommen würden die Preiszuwächse finanziell stark ins Gewicht fallen. Sorgen macht Moers vor allem die Zeit ab der zweiten Jahreshälfte. „Erst wird die Nachzahlung bei der Jahresabrechnung kommen und danach ein höherer monatlicher Abschlag für die Folgezeit.

Das wird für viele Menschen zu einer erheblichen finanziellen Mehrbelastung werden“, betont Moers. Viele Haushalte befänden sich schon jetzt wirtschaftlich am Limit oder seien überschuldet. „Diese Familien haben oftmals bereits in der Pandemie ihr weniges Erspartes aufgebraucht. Sie haben keine Reserven mehr für den Fall, dass bald üppige Nachzahlungen kommen. Für diese Haushalte wird es extrem reinhauen“, erwartet Moers.

Energiekosten und Inflation: 600.000 Haushalte in der Schuldnerberatung

Aktuell ließen sich bundesweit etwa 600.000 Haushalte von öffentlichen Schuldnerberatungen helfen. Der Bedarf an fachlicher Unterstützung übersteige aber schon jetzt das Angebot um ein Vielfaches. Es sei davon auszugehen, dass die hohen Energiekosten sowie die Preiserhöhungen bei Lebensmitteln und anderen Konsumgütern zu einer weiter stark ansteigenden Nachfrage nach Beratungsgesprächen führten.

Auch Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei der Auskunftei Creditreform, die regelmäßig den „Schuldneratlas“ erstellt, rechnet in naher Zukunft mit großen Schwierigkeiten für viele Haushalte. „Wir werden in den kommenden Monaten immense Probleme mit der steigenden Inflation bekommen, die die Überschuldungslage deutlich verschärfen wird und für mehr Privatinsolvenzen sorgt“, sagte Hantzsch unserer Redaktion.

Land Ukraine
Kontinent Europa
Hauptstadt Kiew
Fläche 603.700 Quadratkilometer (inklusive Ostukraine und Krim)
Einwohner ca. 41 Millionen
Staatsoberhaupt Präsident Wolodymyr Selenskyj
Regierungschef Ministerpräsident Denys Schmyhal
Unabhängigkeit 24. August 1991 (von der Sowjetunion)
Sprache Ukrainisch
Währung Hrywnja

„Die Verteuerung vieler Produkte wird Opfer fordern“, glaubt er. Die hohe Inflation sei schon jetzt für viele eine starke finanzielle Belastung. „Alles wird teurer.“ Die Heizkostenabrechnung für dieses Jahr, die erst später dazukomme, sei da noch nicht einkalkuliert. „Es wird krasse Nachzahlungen geben“, befürchtet Hantzsch.

Preissteigerungen setzten Familien mit Kindern und Niedriglöhner unter Druck

Nach seinen Worten gelten in Deutschland derzeit mehr als drei Millionen Haushalte als überschuldet. Die Zahl der Privatpleiten betrug im zurückliegenden Jahr rund 109.000. „Ich gehe davon aus, dass vor allem Niedriglöhner, prekär Beschäftige und Familien mit Kindern ganz besonders unter Kostendruck geraten werden. Einigen wird es das Genick brechen“, glaubt der Wirtschaftsforscher.

Auch Soloselbstständige würden massive Probleme bekommen. „Diejenigen, die sowieso schon wenig auf der hohen Kante haben, wird es gegen Ende des Jahres besonders treffen. Der finanzielle Stress bei vielen verschuldeten Einzelhaushalten wird drastisch zunehmen.“

Energiebonus und Entlastungspaket: Experte kritisiert mangelnde Nachhaltigkeit

Die Entlastungsprogramme der Ampel-Regierung können laut Hantzsch kaum etwas an der Lage klammer Privathaushalte ändern. Die staatlichen Hilfen seien zwar „gut gemeint. Sie werden aber strukturell nichts ändern.“ Die Ampel müsse sich mit Maßnahmen befassen, die nicht nur kurzfristig wirkten. „Staatliches Geld weiterhin mit der Gießkanne zu verteilen, wird volkswirtschaftlich auf Dauer keine Lösung sein“, sagt der Ökonom.

Die Hilfspakete der Regierung seien wie ein Sommerregen: „Es sieht schön aus und glitzert, ist aber auch schnell vorbei. Und die Effekte verdampfen. Mit Nachhaltigkeit hat das wenig zu tun.“ Der Staat erkaufe sich Zeit mit viel Geld, statt die Zeit zu nutzen, um die Weichen für die Zukunft neu zu stellen. Bis dahin werde die Überschuldung vieler Familien weiterhin zunehmen, vermutet Hantzsch. „Es wird ein langfristiger Trend werden.“

Dieser Text erschien zuerst auf www.waz.de

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