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Neues Buch will Facebooks "hässliche Wahrheit" zeigen

Dirk Hautkapp
| Lesedauer: 6 Minuten
Facebook: App-Tracking sorgt für Ärger mit Apple

Facebook: App-Tracking sorgt für Ärger mit Apple

Mit einer neuen Funktion können iPhone-Nutzer die Daten-Weitergabe an Facebook sperren. Das löste einen Streit zwischen Apple und Facebook aus.

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Washington.  „Inside Facebook. Die hässliche Wahrheit“ heißt das Buch, das die Unternehmensprozesse offenlegen will. Die Recherche ist überzeugend.

Gelegenheit macht Diebe. Auch bei Facebook. Im weltweit von mittlerweile drei Milliarden Menschen frequentierten Social Media-Riesen aus Kalifornien können an die 16.000 Experten ans Allerheiligste: die privaten Daten aller Nutzer, mit allen Vorlieben, Interessen und Gewohnheiten.

Binnen weniger Monate wurden 2015 still und leise über 50 Angestellte gefeuert. Meist Männer. Sie hatten ihren privilegierten Zugang genutzt, um Frauen auszukundschaften und ihnen nachzustellen. In einem Fall geriet ein Ingenieur bei einer Europa-Reise mit seiner Herzdame in Streit. Als sie mit unbekanntem Ziel das gemeinsame Hotel verließ, fand Mister x mit geheimen Facebook-Tools ihre neue Bleibe heraus. Ein eklatanter Missbrauch.

Facebook: Klage gegen das Unternehmen vorübergehend gescheitert

Die Anekdote steht im neuen Enthüllungsbuch der langjährigen New York Times-Facebook-Expertinnen Sheera Frenkel und Cecilia Kang. Der Titel „Inside Facebook. Die hässliche Wahrheit“, gerade auch in Deutschland (S. Fischer-Verlag) erschienen, kommt zu einem sensiblen Zeitpunkt.

Diverse Kongress-Ausschüsse und Institutionen haben sich just aufgemacht, die Zerschlagung des an der Börse inzwischen über 1000 Milliarden Dollar wertvollen Weltkonzerns in die Weg zu leiten. Die seit Jahren bestehende Ur-Angst von Unternehmensgründer Mark Zuckerberg, der mit knapp 100 Milliarden Dollar Privatvermögen zu den zehn reichsten Menschen der Welt gehört, ist damit konkret geworden.

Facebook soll in einem ersten Schritt dazu verurteilt werden, sich von den firmeneigenen Plattformen Instagram und Whatsapp zu trennen und so eine wettbewerbserstickende Monopol-Situation aufzulösen. Erst vor wenigen Tagen sind die Justizminister von 40 US-Bundesstaaten und die Kartellbehörde FTC im ersten Schritt mit diesem Ansinnen vor der Bundes-Justiz in Washington vorübergehend gescheitert. Richter James Boasberg befand, die Klage enthalte „fast nichts Konkretes zur entscheidenden Frage, wie viel Macht Facebook tatsächlich hat”.

Buch: Zuckerberg will Wachstum um jeden Preis

Nach der Lektüre des Buches von Frenkel und Kang, die mit 400 hohen und höchsten Entscheidern bei Facebook (aktuellen wie ehemaligen) Interviews geführt haben, könnte sich das Bild dramatisch verändern, unken Justiz-Insider. Was die Autorinnen als Gesamt-Gemälde entwerfen, spricht nämlich den immer wiederkehrenden Bekenntnissen Zuckerbergs bei Anhörungen im Kongress Hohn, sein zuletzt 85 Milliarden Dollar Werbe-Einnahmen im Jahr meldendes Unternehmen in punkto Datenschutz, Wettbewerb und Kampf gegen Hass und Hetze besser aufzustellen.

Sie zeichnen einen Konzern, der am Ende des Tages sämtliche Entscheidungsgewalt einem einzigen Mann übertragen hat, der nur ein einziges Ziel kenne: „Wachstum um jeden Preis.” Welche Konsequenzen daraus erwachsen, ist verblüffend. So warnte der längst gefeuerte Sicherheitschef Alex Stamos bereits im März 2016, also acht Monate vor der Wahl Donald Trumps, davor, dass russische Akteure mit manipulativen Beiträgen auf Facebook aktiv die US-Präsidentschaftswahl zugunsten des Rechtspopulisten beeinflussen.

Zuckerberg und seine wichtige Mitstreiterin an der Spitze, Sheryl Sandberg, erfuhren davon erst neun Monate später. Ursache: Die Chefs ließen sich laut Sheera Frenkel und Cecilia Kang de facto abschirmen vor schlechten Nachrichten, die ein vorzeitiges Einschreiten gegen die zerstörerische digitale Beeinflussung aus Moskau und deren Verstärkung durch Trump erfordert hätte.

Facebook war Gewaltpotenzial vor Erstürmung des Kapitols bekannt

Ähnlich desaströs fällt die Bilanz auch im Rückblick auf die blutige Erstürmung des Kapitols in Washington durch marodierende Trump-Anhänger am 6. Januar dieses Jahres aus. Facebook-Wächter erkannten demnach durch die Beobachtung von Postings frühzeitig, dass sich dort eine Gewaltexplosion ereignen könnte.

Es wurde erwogen, dass Zuckerberg Trump vor jener Kundgebung am Weißen Haus persönlich anruft und um mäßigenden Einfluss bittet, die später von Hunderten als Freibrief genommen wurde, um die Herzkammer der US-Demokratie zu stürmen. Am Ende nahm der 37-jährige Multi-Milliardär den Hörer nicht in die Hand - Ergebnis bekannt. Lesen Sie auch: Trump will Facebook, Twitter & Co. verklagen

Die besondere Qualität von „Die hässliche Wahrheit” speist sich daraus, dass die Autorinnen glaubhaft machen können, „wie Fliegen an der Wand” dabei gewesen zu sein, als facebookintern Skandale und Fehlentwicklungen debattiert wurden; ohne dass substanzielle Konsequenzen gezogen wurden. Am Ende habe stets die Höhe der Werbe-Einnahmen den Ausschlag gegeben, der bei polarisierenden Beiträgen nun mal signifikant höher sei, und nicht die gesellschaftliche Gesamtverantwortung.

Hoher Wahrheitsgehalt: Facebook hat vor Veröffentlichung Zitate überprüft

Bezeichnend für den Wahrheitsgehalt des Buches ist, dass Facebook jede Schilderung, jedes Zitat vorher zur Stellungnahme vorgelegt bekam und bis auf nebensächliche Feinheiten keine Beanstandungen vorgenommen habe. Ausnahme: Das Unternehmen dementierte, dass es zwischen Zuckerberg und Sandberg ein tiefes Zerwürfnis über die Ausrichtung des Konzerns geben soll.

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Zur Illustrierung wurden Bilder veröffentlicht, die beide vor wenigen Tagen in vertrauter Zweisamkeit bei einer Milliardärs-Konferenz in Idaho zeigen. Auf Twitter erklärten ehemalige Facebook-Mitarbeiter sinngemäß, dass es sich dabei um eine „Fake Fassade” handele, in Wahrheit gebe es heftigen Streit.

Ähnlich deplatziert wirkte auf manche ein YouTube-Video, das Zuckerberg zum Nationalfeiertag am 4. Juli veröffentlichte. Es zeigt ihn mit Amerika-Flagge auf einem elektrisch betriebenen Surfbrett auf dem Wasser. Dazu lief John Denvers Heimat-Hymne „Take Me Home, Country Roads“. Wie lange Zuckerberg noch unbehelligt bleibt, ist ungewiss. Lina Khan, die neue Chefin der Kartellbehörde FTC, gilt als unnachgiebigere Verfolgerin des Netzwerks. Vielleicht darum hat Facebook am Mittwoch ihre Abberufung gefordert.