Frauengold

Kiew und meine Angst aus der Kindheit vor dem Atomkrieg

Birgitta Stauber
| Lesedauer: 5 Minuten
Birgitta Stauber schreibt in ihrer Kolumne „Frauengold“ über Gesellschaft und Politik

Birgitta Stauber schreibt in ihrer Kolumne „Frauengold“ über Gesellschaft und Politik

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin.  Panzer rollen durch die Ukraine, Putin droht – und der Westen droht zurück. Das ist total irrational, total böse – und total vertraut.

Die Tochter kennt Leute, die in Kiew studieren. „Soll ‘ne coole Stadt sein“, sagt sie. Hipster-Bars in Plattenbauten, günstige Preise, internationale Studiengänge. Zum Beispiel Medizin. Die Studenten aus Kiew dürften längst wieder in der elterlichen Wohnung irgendwo in Berlin, Essen, Hamburg untergekommen sein, da sie hoffentlich in der vergangenen Woche der Aufforderung nachgekommen sind, die Ukraine zu verlassen.

Dass nun Panzer durch die Straßen rollen, Menschen in U-Bahnhöfen Schutz vor Raketen suchen, Männer sich von ihren Frauen, Kindern, Freundinnen, Eltern verabschieden auf dem Weg in den Krieg, der nicht zu gewinnen ist, dass diese coole Stadt plötzlich im Zentrum einer „neuen Welt“ ist, in die wir über Nacht nach den Worten unserer Außenministerin Annalena Baerbock hineingeraten sind: Es erweckt in mir ein altbekanntes Gefühl, eine Mischung aus Ohnmacht und Angst, das meine Kindheit geprägt hat.

Eine Kindheit im Kalten Krieg, in der es „der Russe“ war, der mit der Drohung eines weltvernichtenden Atomkriegs die Ost-West-Ordnung in Schach hielt. Eine Welt, in der „der Ami“ quasi automatisch erwiderte: Hey, Atom, das können wir auch. In der Schule lernte ich damals, dass es genug Waffen gibt, um die Welt zig mal zu auszulöschen.

Den Atomkrieg übten wir damals in der Schule

Wir übten den Atomangriff, krochen unter unsere Pulte, das sollte vor Strahlung schützen, sagten die Lehrer. Wir schauten 1983 gemeinsam den US-Film „The Day After“, der die Auswirkungen eines fiktiven Atomkriegs erzählte. Wir waren Teenager damals, meist verliebt und in Partystimmung, und wir sahen in dem Film, wie sich verliebte Teenager küssten – und beim zärtlichen Griff in die Haare des Geliebten ganze Büschel in der Hand hielten.

Ich lernte: Selbst wenn ich rechtzeitig unter den Tisch krieche, sterbe ich beim Atomangriff ja doch. Irgendwann, elendig, den Strahlentod.

Aber das passiert ja nicht, sagen die Kinder. „Wär doch total unvernünftig“. Und der Kriegsgewinner habe ja nichts davon, wenn das eroberte Land atomversucht sei.

Zu jedem Krieg gehört der Wahnsinn – und Putin hat das Zeug dazu

Aber das ist es ja. Kriege sind im Kern unvernünftig. Kriege waren noch nie logisch. Oder gerecht. Ohne Wahnsinn, Irrationalität, ohne Lust auf Massenmorde, ohne das Ziel, ganze Bevölkerungen zur Unterwerfung zu zwingen, lässt sich kein Krieg führen.

Keine Frage: Putin hat absolut das Zeug dazu. In dieser Konsequenz hat er bei seiner Kriegserklärung auch schon mit dem Atomangriff gedroht, wenn der Westen ihn nicht einfach machen lasse: „Wer auch immer versucht, uns zu behindern, (…), muss wissen, dass die Antwort Russlands sofort erfolgen und zu Konsequenzen führen wird, die Sie in Ihrer Geschichte noch nie erlebt haben“.

Und, was soll ich sagen, wie reagiert der Westen, zum Beispiel Emmanuel Macron, der französische Präsident: Okay, gibt er Wladimir Putin zu verstehen, falls du es noch nicht wusstest: Atomwaffen haben wir auch.

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Her mit den Sanktionen – dann bliebt den Oligarchen nur der Kaviar

Solange sich Russland auf die Ukraine beschränkt, wird der Westen nichts unternehmen, sage ich. Lasst uns alles dran setzen, den Menschen, die fliehen, zu helfen. Die Kinder nicken – und teilen Instagram-Reels und Tiktoks, durch die sie gelernt haben: Es gibt noch das Baltikum, die EU-Länder und Nato-Mitglieder Lettland, Estland, Litauen. Putin will die eigentlich auch. „Und dann tritt der Bündnisfall ein“.

Ruhig Blut. Der Westen hat andere Waffen: Die Sanktionen. Wenn Putin und Vasallen nicht an ihr Geld kommen. Wenn sie nicht reisen dürfen nach Paris, London, Venedig, wenn sie nicht auf ihre Yachten vor St. Tropez oder St. Maarten in der Karibik kommen, wenn in Moskau der internationale Jetset ausbleibt, der die Stadt mit Kunst, Theater, Fusionsküche belebt. Wenn Russland aus Finanzmärkten ausgeschlossen wird. Sind Putins Getreue, denen nur heimischer Kaviar bleibt, dann immer noch an drei Miniländern an der Ostsee interessiert?

Wäre zumindest nicht logisch. Schon gar nicht vernünftig.

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