Kommentar

Gas-Krise in Deutschland: Wir schaffen das!

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EU-Staaten einigen sich auf Gasnotfallplan für diesen Winter

EU-Staaten einigen sich auf Gasnotfallplan für diesen Winter

Die EU-Staaten haben sich auf einen Gasnotfallplan für diesen Winter geeinigt. Ungarn stimmte nach Angaben Luxemburgs als einziges Land gegen den Kompromiss.

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Berlin.  Man darf aus den Warnungen vor sozialer Spaltung keine sich selbst erfüllenden Prophezeiungen machen. Warum es Grund zur Hoffnung gibt.

Dass er in seinem ersten Amtsjahr über Sparduschköpfe und Heiztipps sprechen würde, damit hätte Robert Habeck vor ein paar Monaten wohl auch noch nicht gerechnet. Doch die Pläne des Wirtschaftsministers gehören zu den vielen, die der russische Krieg gegen die Ukraine über den Haufen geworfen hat. Und so tut Habeck jetzt, was nötig ist – auch wenn das heißt, Energiespartipps zu geben.

Die wiederkehrenden Appelle des Ministers, jede mögliche Kilowattstunde Gas zu sparen, zeigen: Die Situation ist ernst. Wenn es im Winter nicht reichen sollte, wenn wirklich entschieden werden muss, wer noch Gas bekommt und wer nicht, dann werden die Folgen erheblich sein. Für die Wirtschaft, für die Menschen, für die Stimmung in Deutschland. Es ist richtig, das so zu benennen und ehrlich zu sein darüber, dass die Politik der vergangenen Jahre Deutschland in eine sehr verwundbare Situation gebracht hat – und dass der russische Präsident dies, ohne zu zögern, ausnutzt.

Gas-Krise in Deutschland: Ein harter Winter spaltet nicht die Gesellschaft

Doch es gibt einen Unterschied zwischen Kommunikation, die die Schwierigkeiten nicht verschleiert, und den apokalyptischen Szenarien, die derzeit von manchen ausgepackt werden. Vergleiche mit dem Hungerwinter 1946/47, wie sie zuletzt zu lesen waren, oder Horrorvisionen von einem „Herzinfarkt“ der deutschen Wirtschaft, die – durchaus interessenge­leitet – von Industrievertretern verbreitet wurden, tragen wenig dazu bei, das Land auf den Ernstfall vorzubereiten.

Man darf aus den Warnungen vor sozialer Spaltung keine sich selbst erfüllenden Prophezeiungen machen. Bei aller berechtigten Sorge: Deutschland ist immer noch ein reiches Land, eines, das die Spielräume hat, auf Krisen zu reagieren. Auch auf diese. Für viele Menschen in diesem Land wird die Gasrechnung in diesem Winter ein großes Ärgernis sein, vielleicht fällt auch der Geschenkestapel unter dem Weihnachtsbaum kleiner aus. Und ohne Frage wird es diejenigen geben, die versuchen, das für ihre Zwecke zu nutzen und Unfrieden zu schüren, um die eigenen politischen Ambitionen voranzutreiben.

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Aber man tut den Menschen unrecht, wenn man glaubt, dass ein harter Winter reicht, um sie in die Arme von Populisten und Spaltern zu treiben. Die Politik, die Bundesregierung speziell, sollte nicht den Fehler machen, die Bürgerinnen und Bürger für ängstlicher und dümmer zu halten, als sie sind. Die Bilder aus Butscha und ­Irpin sind unvergessen. Umfragen zeigen, dass eine klare Mehrheit dafür ist, die Ukraine weiter zu unterstützen, Russland weiter zu sanktionieren – auch wenn sie das an der eigenen Gasrechnung merkt.

Gas- und Energiekrise: Nicht die erste Herausforderung

Deutschland kann geschlossen durch diesen Winter kommen. Um es mit Worten zu sagen, die an anderer Stelle Karriere gemacht haben: Wir schaffen das. Die Voraussetzung dafür ist, dass alle, die es können, die Belastung mittragen. Und dass die Politik denjenigen hilft, die es nicht können. Unkompliziert, pragmatisch und gezielt.

Es ist eine große Herausforderung. Aber es ist nicht die erste in der Geschichte des Landes. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die deutsche Gesellschaft gestärkt aus Tagen wie diesen herausgehen kann. Egal ob beim Wiederaufbau nach der selbst verschuldeten Zerstörung durch den Krieg oder bei der Generationenaufgabe der deutschen Einheit – wenn es darauf ankam, war Erstaunliches möglich.

Wenn Deutschland sich als Reaktion auf den Krieg wirklich unabhängig macht, erst von russischen, dann vollen allen fossilen Energieträgern, dann kann das auch dieses Mal wieder gelingen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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