Ukraine-Krieg

Wartung von Nord Stream 1: Das droht, wenn das Gas ausbleibt

Michael Backfisch
| Lesedauer: 7 Minuten
Habeck warnt vor Gasproblemen im Winter

Habeck warnt vor Gasproblemen im Winter

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat wegen der unsicheren Gasversorgung aus Russland erneut vor Engpässen im Winter gewarnt. Ab dem 11. Juli drohe eine Blockade der Pipeline Nord Stream 1 wegen regulärer Wartungsarbeiten, die politisch genutzt werden könnte, sagte er bei einer Veranstaltung der "Süddeutschen Zeitung".

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Berlin.  Die Gas-Pipeline Nord Stream 1 wird aktuell gewartet. Moskau dreht den Gashahn ab – vielleicht für immer. Was im Krisenfall passiert.

  • Die Pipeline Nord Stream 1 ist für die deutsche Gasversorgung essenziell
  • Doch derzeit fließt kein Gas durch die Rohre, weil diese gewartet werden
  • Experten befürchten wegen des Ukraine-Kriegs, dass Russland das Gas ganz abdrehen könnte

Deutschland hält den Atem an: Derzeit laufen die Wartungsarbeiten für die Erdgas-Pipeline Nord Stream 1. Sie sollen rund zehn Tage dauern. Doch in der Bundesregierung befürchten viele, dass der Kreml den Gashahn völlig zudreht – aus Vergeltung für die Sanktionen gegen Russland und die Waffenlieferungen an die Ukraine. Eine Explosion der Gaspreise für Verbraucher und Unternehmen wäre die Folge. Wie bereitet sich Deutschland auf dieses Szenario vor?

Was wird an der Gas-Pipeline Nord Stream 1 repariert?

Nord Stream 1 ist die wichtigste Gasader nach Deutschland. Die mehr als 1200 Kilometer lange Ostsee-Pipeline zwischen Russland und Mecklenburg-Vorpommern wird jedes Jahr gewartet. Nach Angaben der Betreibergesellschaft Nord Stream AG sollen die Reparaturarbeiten vom 11. bis zum 21. Juli dauern. In der Zeit wird kein Gas nach Deutschland befördert.

Bei der Wartung geht es um eine Überprüfung und gegebenenfalls Instandsetzung der Stromversorgung, des Brand- und Gasschutzes sowie bestimmter Ventile. Auch Software-Updates würden vorgenommen, heißt es. Der russische Staatskonzern Gazprom hatte die Gaslieferungen aber bereits im Juni um 60 Prozent reduziert. Russland begründete die Beschränkungen mit dem Fehlen einer Gas-Turbine von Siemens Energy.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kritisierte dies als „politische Aktion“. Die technischen Gründe seien nur „vorgeschoben“. Die Gas-Turbine war zur Wartung nach Kanada geschickt worden. Sie konnte danach aber wegen der westlichen Sanktionen gegen Moskau nicht mehr aus Montreal nach Russland geliefert werden.

In diesem Punkt winkt allerdings Entlastung. Kanada hat inzwischen angekündigt, die Lieferung der gewarteten Turbine trotz der Sanktionen zu ermöglichen. Dazu werde die Regierung in Ottawa „eine zeitlich begrenzte und widerrufbare Erlaubnis“ an Siemens Canada geben, sagte der für Bodenschätze zuständige Minister Jonathan Wilkinson. Die Turbine soll aus Kanada erst nach Deutschland und anschließend nach Russland transportiert werden.

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Wartung von Nord Stream 1: Welche Befürchtungen gibt es nun?

In Deutschland geht die große Sorge um, dass Russland nach den rund zehntägigen Wartungsarbeiten überhaupt kein Gas mehr durch Nord Stream 1 pumpen wird – als Vergeltung für die Wirtschaftssanktionen und die Lieferungen schwerer Waffen des Westens an die Ukraine. Kommt es so, dürften die Gaspreise wegen der Knappheit weiter explodieren, was zu enormen Belastungen für Verbraucher und Unternehmen führen würde. Auch die Inflationsrate dürfte weiter ansteigen.

"Wir müssen uns ehrlicherweise immer auf das Schlimmste einstellen und ein bisschen für das Beste arbeiten", warnte Wirtschaftsminister Habeck. Sollte der Staat die Zuteilung von Gas im Krisenfall steuern müssen, drohe ein „politisches Albtraum-Szenario“, fügte der Vizekanzler hinzu. Die Gesellschaft stehe dann vor einer „Zerreißprobe, die wir lange so nicht hatten“.

Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) rechnet damit, dass das Energie-Thema Deutschland noch lange in Atem halten wird: „In diesen Tagen beschäftigt uns die Sicherheit unserer Energieversorgung. Sie wird es noch die nächsten Wochen, Monate und auch Jahre.“

Das Problem besteht jedoch nicht nur bei Nord Stream 1. So stoppte Moskau am 27. April die Lieferung von Gas durch die Jamal-Pipeline, die den Rohstoff von Sibirien über Belarus und Polen bis nach Deutschland transportiert hatte.

Der Betreiber Gazprom begründete dies damit, dass Warschau Rechnungen nicht in Rubel bezahle. Russlands Gastransit durch die Ukraine ist ebenfalls rückläufig. Die Menge durch diese Transgas-Pipeline, die in Waidhaus in der Oberpfalz einen Importpunkt hat, wurde drastisch zurückgefahren.

Mittlerweile sendet Moskau zwar Signale der Entspannung. Die Lieferungen durch Nord Stream 1 könnten wieder hochgefahren werden, sobald die gewartete Siemens-Turbine in Russland eintreffe, betonte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Im Westen wird dies aber als Scheinangebot interpretiert. Tenor: Russland wolle Europa, das sich derzeit unter Hochdruck um alternative Quellen bemühe, verunsichern und zu Zugeständnissen in der Sanktionsfrage bewegen.

Wo könnte das Gas sonst noch herkommen?

Die Gasimporte außerhalb von Russland sind ziemlich ausgereizt. Norwegen, die Niederlande oder Belgien liefern bereits mit maximaler Kapazität. Darüber hinaus bemüht sich die Bundesregierung, zusätzlich für teures Geld Flüssiggas (LNG) einzukaufen – etwa in den USA oder im Golfstaat Katar. Aber diese Mengen können den Wegfall des russischen Gases nicht ausgleichen.

Welche Sofortmaßnahmen ergreift die Regierung?

Der Bundesrat hat beschlossen, die Stromerzeugung von Gas- auf umzustellen. Deshalb werden alte Kohlekraftwerke trotz des hohen CO2-Ausstoßes aus der Reserve geholt. Gas soll stattdessen zur Energiegewinnung oder zur Auffüllung der Gasspeicher genutzt werden. Die Gasspeicher haben derzeit einen Füllstand von 67 Prozent – bis zum 1. November soll er auf 90 Prozent steigen. Bei komplett gefüllten Gasspeichern wäre die Gasversorgung für zwei bis drei Monate gesichert.

Falls der Gas-Notstand ausgerufen wird: Wer steht oben auf der Prioritätenliste?

Der aktuelle Notfallplan Gas der Bundesregierung von 2019 sieht drei Stufen vor: Frühwarnstufe, Alarmstufe und Notfallstufe. Die beiden ersten Stufen, die immer noch auf eine Regelung des Marktes setzen, hat Wirtschaftsminister Habeck bereits ausgerufen. Sollte Russland den Gashahn völlig zudrehen, würde die Notfallstufe greifen.

Die Bundesregierung würde per Verordnung den Beschluss fassen. Die Bundesnetzagentur, eine Bundesbehörde im Geschäftsbereich des Wirtschaftsministeriums, wird dann zum „Bundeslastverteiler“: Sie regelt die Verteilung von Gas.

Dabei sind bestimmte Verbrauchergruppen besonders „geschützt“ – diese sind möglichst bis zuletzt mit Gas zu versorgen. Dazu gehören private Haushalte, aber auch Krankenhäuser, die Feuerwehr und die Polizei oder Gaskraftwerke, die zugleich der Wärmeversorgung von Haushalten dienen. Die Unternehmen kämen erst danach. Branchen wie die Chemie- oder Keramikindustrie sind derzeit jedoch extrem von Gas abhängig.

Welche Entlastungen sind bei stark ansteigenden Gaspreisen im Gespräch?

Kanzler Scholz hatte kürzlich bei der ersten Sitzung der konzertierten Aktion weitere Entlastungen angekündigt. Im September soll es für Arbeitnehmer und Selbstständige zunächst eine Energiepreispauschale von 300 Euro geben. Verbraucherschutzministerin Steffi Lemke (Grüne) will Menschen vor Strom- und Gassperren bei Zahlungsverzug bewahren, sollten Preisgarantien seitens der Versorger nicht eingehalten werden können.

Der Deutsche Mieterbund warnte vor finanziellen Nöten in vielen Haushalten. Der starke Kostenanstieg „könnte nicht weniger als den Ruin für Millionen Mieter bedeuten“, sagte Verbandspräsident Lukas Siebenkotten der „Bild“-Zeitung. Die Bundesregierung sei aufgerufen, kurzfristig erhebliche Heizkostenzuschüsse für die Menschen auf den Weg zu bringen, die sonst eine geheizte Wohnung nicht mehr bezahlen könnten.

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