Ukraine-Krieg

Gerhard Schröder: So einsam wird es um den Altkanzler

Miguel Sanches
| Lesedauer: 7 Minuten
Eine alte Freundschaft, die alles aushält, auch den Ukraine-Krieg. Kremlherr Wladimir Putin (links) und Altlanzler Gerhard Schröder (SPD).

Eine alte Freundschaft, die alles aushält, auch den Ukraine-Krieg. Kremlherr Wladimir Putin (links) und Altlanzler Gerhard Schröder (SPD).

Berlin   Schröders Freundschaft zu Putin hält alles aus, auch den Ukraine-Krieg. Doch hierzulande wird der Altkanzler zur unerwünschten Person.

Es ist eine Männerfreundschaft. Und was für eine. Eine „ohne Rücksicht auf Verluste“. Davon ist Gernot Erler seit Langem überzeugt.

Schon im Oktober 2020 sagte der frühere Russlandbeauftragte der Bundesregierung im Deutschlandfunk voraus: „Wir werden nicht erleben, da bin ich voll von überzeugt, dass irgendwann mal Gerhard Schröder einer Kritik oder einer Beschuldigung gegen Putin zustimmt.“ Er sollte Recht behalten. Auch jetzt, mitten im Ukraine-Krieg.

Albrecht Funk weiß das – vor allem wusste er, was zu tun war. Funk, dem Altkanzler seit mehr als 20 Jahren als Redenschreiber und Büroleiter verbunden, wollen nicht mehr für ihn arbeiten. Und mit ihm drei weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine konzertierte Aktion? Womöglich. Ein Protest? Selbstverständlich.

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Schröder hat bald kein funktionierendes Büro mehr

Alle distanzieren sich von Russlands Präsidenten Wladimir Putin, in Politik und Wirtschaft, aus der Kultur, bis hin zum Sport, sogar die Raffkes von IOC und FIFA. Nur Schröder nicht. Immer lauter, drängender werden Rufe, er möge seine Ämter in russischen Staatskonzernen niederlegen. Der Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund droht ihm den Ehrenmitgliedschaft an, wenn er auf die Posten nicht verzichtet: „Wir hoffen inständig, dass Gerhard Schröder zu dieser Ansicht gelangen wird und möchten ihm die Gelegenheit dazu geben.“ Vergeblich. Auf dem Ohr ist er unmusikalisch.

Um den Altkanzler wird es einsam, er ist allein, isoliert. Nicht in Moskau, aber in Berlin. Ein Mann in politischer Quarantäne. Die politische Klasse: auf Distanz. Seine Partei, die SPD – beschämt um ihren Ruf besorgt. Für seinen Nachfolger Olaf Scholz: eine Belastung.

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In Berlin hat Schröder demnächst kein funktionierendes Büro mehr. Viele fordern, ihm das Privileg komplett zu streichen, das dem Steuerzahler nur an Personalausgaben gut 400.000 Euro im Jahr kostet, wie eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion ergab.

Es wäre kein sozialer Abstieg. Schröder hat ein Anwaltsbüro und als politische Galionsfigur des Gaspipeline-Projekt Nord Stream 2, als Lobbyist von Russlands Energieriesen Gazprom, führt er ein Berufsleben der Premiumklasse.

Schröder kritisierte Säbelrasseln – der Ukraine

Lange hatte Schröder das „Säbelrasseln“ kritisiert, der Ukraine, wohlgemerkt. Nach Kriegsausbruch rang er sich Worte der Distanz ab. Auf der Plattform Linkedin postete er, der Krieg müsse schnellstmöglich beendet werden. Die Verantwortung trage die russische Regierung. „Und es gab viele Fehler – auf beiden Seiten“.

Was an der Erklärung sofort auffällt: Seine Führungspositionen bei den Firmen bleiben tabu. Und ein Namen fehlt. Wladimir Wladimirowitsch Putin und Gerhard Fritz Kurt Schröder, „Wolodja“ und „Gerd“, das ist eine Geschichte aus dem Ziemlich-beste-Freunde-Genre. Schröder verstehe eine Männerfreundschaft so, „dass man, egal wie die Faktenlage ist, den anderen schützt und dem anderen beisteht“, sagt Erler.

Putin, immer wieder Putin. Erler sagt, sie seien bei der Einschätzung der Entwicklung Russlands immer einer Meinung gewesen. „Aber diese Einigkeit hörte auf, wenn es um Putin ging“. Um die Freundschaft ranken sich seit Jahrzehnten Geschichten und Gerüchte. Erst recht seitdem „Bild“ meldete, 1998 habe der Bundesnachrichtendienst (BND) gewarnt: Aus hochrangigen Quellen wisse man, dass der Kreml einen „Plan Schröder“ verfolge, um ihn zu umgarnen.

Schröders Nähe zu Putin

Ein Schlüsseljahr. Schröder startet durch. 1998 wird er Bundeskanzler. Noch regiert Präsident Boris Jelzin Russland. Putin, bis dahin Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB und damit bereits an einer Schaltstelle, geht den nächsten Schritt – in die Politik. Im März 1999 wird er Sekretär des Sicherheitsrates, nicht mal ein halbes Jahr später Ministerpräsident, Ende 1990 schmeißt Jelzin hin. Im März 2020 wird Putin Präsident. Die Wege der zwei Männer müssen sich kreuzen. Russland ist ein wichtiges Partnerland. Schröder ist nicht der erste Russland-Versteher. Viele Kanzler haben sich um ein persönlich gutes Verhältnis zum jeweiligen Kremlherren bemüht: Brandt und Breschnew, Schmidt und Breschnew, Kohl und Gorbatschow. Was ist Kalkül? Und was echte Freundschaft?

Putin ist 69 Jahre alt. Schröder nur acht Jahre älter. Eine Generation. Das heißt: Vergleichbare Lebenswege. „Vielleicht verbindet uns auch die Tatsache, dass unsere beiden Familien durch den Zweiten Weltkrieg viel gelitten haben. Ich habe meinen Vater verloren, Putins Bruder starb während der Belagerung von Leningrad durch uns Deutsche“, sagt Schröder, „und alles, was er mir versprochen hat, hat er auch gehalten. Ich umgekehrt auch.“ Kann sein, dass Schröder für die Russen bloß ein Mann mit Perspektive ist, einer, den es zu umgarnen galt; um Einfluss auf Deutschland zu nehmen, seinen größten Abnehmer für Gas und Erdöl. Es wäre nicht die erste politische Freundschaft mit Nutzwert.

Verhältnis zu Russland liegt dem Altkanzler am Herzen

Das schließt nicht aus, dass Putin und Schröder sich persönlich näher kommen. Weihnachtliche Schlittenfahrten, Geburtstagsfeiern in Hannover und Petersburg. Schröder und seine damalige Ehefrau Doris Köpf adoptieren zwei Kinder aus Russland, natürlich aus Putins Heimatstadt: Petersburg. Es tritt ein, was den BND beunruhigt hatte: Privatbesuche, Einladungen, Schmeicheleien.

Als Schröder 2005 abgewählt wird, trägt Putin ihm den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden bei der Nord Stream AG an. Es ist der richtige Mann zur rechten Zeit am geeigneten Platz. Aus russischer Sicht. In Deutschland sind viele irritiert. „Unanständig“, schallt es aus den Reihen der Grünen, der „dreiste Seitenwechsel“ sei eine „politische Eselei“.

Nähe kann korrumpierend sein. Aus Nähe erwächst aber auch Verständnis. Schröder kann die Sicherheitsinteressen Russlands nachvollziehen. Und ihm liegt das Verhältnis zum Land am Herzen: „Mit Blick auf die Zukunft gilt, dass jetzt bei notwendigen Sanktionen darauf geachtet wird, die verbliebenen politischen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Verbindungen, die zwischen Europa und Russland bestehen, nicht gänzlich zu kappen.“ Aber war gerade jetzt, gerade von ihm nicht möglich? Wer, wenn nicht Schröder könnte Putin ins Gewissen reden, wer dem Kremlherren ein Stoppsignal setzen, wer sich als Makler anbieten, um zwischen Kriegsparteien zu vermitteln?

Es ist die fortsetzt kritiklose Haltung, die Redenschreiber Funk wohl zur Kündigung - zur Rückkehr in den warmen Schoß des Kanzleramtes - motiviert und die dem Altkanzler in den Augen des russischen Kremlkritikers Alexei Nawalny wie ein „Laufbursche Putins“ aussehen lässt. Ein Urteil, das Schule macht.

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Dieser Artikel ist zuerst auf waz.de erschienen.