Litauen

Litauen: So kämpfen die Menschen gegen Russlands Krieg

Christian Unger (Text) und Maurizio Gambarini (Fotos)
| Lesedauer: 14 Minuten
Paulius von der Hilfsorganisation Blue/Yellow zeigt die Schutzwesten, die sie für die Kämpfenden in der Ukraine gesammelt haben. Bald geht der nächste Transport aus Vilnius ins Kriegsgebiet.

Paulius von der Hilfsorganisation Blue/Yellow zeigt die Schutzwesten, die sie für die Kämpfenden in der Ukraine gesammelt haben. Bald geht der nächste Transport aus Vilnius ins Kriegsgebiet.

Foto: Maurizio Gambarini / Funke Foto Service

Vilnius .  Die Menschen im Baltikum haben Angst vor einem Angriff Russlands. Doch sie tun alles, um sich zu verteidigen und der Ukraine zu helfen.

In der litauischen Hauptstadt Vilnius gibt es eine Straße. Sie ist schmal, aus Steinen gebaut, nicht sehr lang und führt an einem Teich vorbei. Links und rechts wachsen hohe Bäume. Die Straße ist seit einigen Wochen zu einem Laufsteg des Protests gegen die russische Invasion geworden. An den Ästen hängen blaue und gelbe Fähnchen, die Nationalfarben der Ukraine.

Am Wegesrand stapeln sich Plakate, „Russland, wach auf!“, steht dort auf Englisch. Oder: „Wir werden nicht vergessen.“ Ein Bild zeigt Putin mit einem Hakenkreuz auf der Stirn. Zu Tausenden demonstrierten die Litauer in den ersten Kriegstagen hier.

Auf die kleine Straße ist ein großer Schriftzug gemacht: „Putin, Den Haag wartet auf dich!“. In der niederländischen Stadt sitzt der Internationale Strafgerichtshof, der Kriegsverbrecher aburteilt. Am Ende der Straße liegt ein Anwesen, eine Villa auf einer Anhöhe. Über den Fenstern prangt das russische Staatswappen. Es ist die Botschaft Russlands in Litauen. Seit März hat die Straße vor der Botschaft einen neuen Namen, die Stadtverwaltung hat sie umbenannt. Es ist die „Straße der ukrainischen Helden“.

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Russische Diplomaten müssen die „ukrainischen Helden“ auf ihre Visitenkarten drucken

Wer ahnen will, die wütend, wie ängstlich und besorgt die Menschen im Baltikum sind, der kann diesen Ort, die Straße in Vilnius, aufsuchen. Sie erzählt viel. Und die Menschen, die dort protestiert haben, berichten stolz, dass die russischen Diplomaten nun die „ukrainischen Helden“ auf ihre Visitenkarten drucken müssen. Dass die litauische Post nur noch an diese Adresse ausstellt, wenn Post für Putins Vertreter ankommt.

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Algirdas Kuliesius streift durch eine Lagerhalle am anderen Ende von Vilnius. Er hebt eine Schutzweste aus einem großen Karton, heller Tarnfleck, Taschen für Magazine. „Mit 20 Freiwilligen haben wir hier stundenlang mehr als 1000 Westen mit Bleiplatten bestückt“, sagt er. Die Ladung ist zum großen Teil schon raus, aus der Halle per Lastwagen in Richtung Ukraine. Eingekauft aus den USA, durch Spenden. „Jeder Litauer hat im Durchschnitt sieben Euro gespendet für Hilfe für die Ukraine. Überlegen Sie mal, das wären in Deutschland mehr als 500 Millionen.“

Kuliesius ist ein älterer Mann, er trägt die Haare kurz, seine Stimme ist weich. Aber das, was er sagt, nicht. „Du kämpfst für Freiheit, oder du bleibst ein Sklave“, sagt er. Kuliesius zeigt ein Foto auf seinem Handy, er sitzt auf einem Sessel, ein kleiner Junge auf seinem Schoß, sein Enkel, zehn Monate alt. „Dafür kämpfe ich jetzt.“

Litauen war der erste baltische Staat, der 1990 seine Unabhängigkeit erklärte

Litauen war der erste baltische Staat, der beim Untergang der Sowjetunion 1990 seine Unabhängigkeit erklärte. Das Land ist klein, hat nicht einmal so viele Einwohner wie Berlin. Und jetzt, nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine, ist die Angst groß, dass Putins Panzer hier einrollen könnten. Dass auch die baltische Souveränität Russlands Großmachtdenken im Weg stehen kann. Dass der Krieg kommt. „Putin hasst die Ukraine, er hasst aber auch das Baltikum, die freie westliche Welt.“

Kuliesius wettert weiter gegen Russlands Propaganda, den Krieg in der Ukraine, den wenigen Protest, den es auf den Straßen in Moskau oder Sankt Petersburg gegen Putins Politik gebe. Dann muss Algirdas Kuliesius erstmal eine Zigarette holen.

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Dann erzählt er von den russischen Panzern, die schon einmal in der litauischen Hauptstadt standen. Am 13. Januar 1991 war das. Moskautreue Kämpfer rücken unterstützt von sowjetischen Militärs in Vilnius ein. Sie wollen die Unabhängigkeitsbewegung des baltischen Staates mit Waffen niederschlagen.

Am „Blutsonntag von Vilnius“ sterben 14 Menschen in Litauen

Doch die Menschen in Litauen leisten Widerstand, bauen Barrikaden auf, sperren Straßen, manche stellen sich den sowjetischen Panzern einfach in den Weg. Als „Blutsonntag von Vilnius“ ging der Tag in die Geschichte ein. 14 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Doch die Sowjettruppen scheiterten mit ihrem Überfall, hatten nicht mit so viel Widerstand gerechnet. Es ist ein Tag, den Litauer bis heute feiern.

Auch Algirdas Kuliesius war damals dabei. Er war damals Lehrer, organisierte den Protest gegen das Sowjetregime mit, bereitete Wahlen vor, reiste in andere Sowjetrepubliken, die nach Freiheit strebten. „Das ist jetzt alles wieder da“, sagt er heute. Die Bedrohung durch die Machthaber in Moskau, die Angst um die Eigenständigkeit. Anfang März, der Krieg in der Ukraine war erst ein paar Tage alt, da entscheid Kuliesius, dass er wieder helfen wolle. „Ich konnte nicht auf dem Sofa sitzen und nichts tun.“

Also kommt Kuliesius jetzt so oft es geht hier in die Lagerhalle, in dem die Organisation „Blue/Yellow“ Waren für die Ukraine sammelt, verpackt und abschickt. Mehrere Lastwagenladungen sind schon in der Ukraine gelandet, Schutzwesten, Tourniquets zum Abbinden von Wunden, Kanister zum Transport von Diesel, Stromgeneratoren, Verbandszeug. Auch knapp 500 Leichensäcke sind verpackt und eingeschweißt, und ein paar Tage später auf dem Weg nach Kiew.

Am Eingang der Halle steht Paulius, der nur seinen Vornamen nennen möchte, vor einer großen Landkarte. Sie haben Orte markiert, in die sie die Ware transportieren. Die Organisation arbeitet mit Fahrern aus der Ukraine zusammen, die noch Wege durch das Kriegsgebiet kennen. Die Reise ist gefährlich, oftmals stehen die Fuhren mehr als 40 Stunden erst beim polnischen Zoll, dann beim ukrainischen. „Das wird aber langsam besser, Vertrauen ist langsam da“, sagt Paulius. Gerade gestern ist ein Lastwagen abgefahren, am Wochenende soll der nächste folgen. Das meiste transportiert die Organisation in Mini-Vans.

Das Baltikum, so fürchten hier viele, könne Putins nächstes Angriffsziel sein

Knapp 20 Millionen Euro will die Organisation schon an Spenden gesammelt haben. Auf der Webseite wirbt die Gruppe mit einem Soldaten, der einen zusammengerollten Fünf-Euro-Schein wie eine Panzerfaust auf den Schultern trägt. „Schicke dein Geld in den Kampf“, mit dieser Parole wirbt „Blue/Yellow“ für Spenden.

Laut litauischen Medien hat jeder zweite im Land statistisch für die Ukraine-Hilfe Geld gegeben. Hier im Baltikum setzt sich das fort, womit Putins Armee offenbar schon in der Ukraine nicht gerechnet hat: Widerstandsgeist gegen die Invasion. Russland führt einen Krieg in der Ukraine – aber wer hier im Baltikum mit den Menschen spricht, der merkt, wie sehr sie sich als Kriegspartei im Kampf gegen Moskau sehen.

Das Baltikum, so fürchten hier viele, könne Putins nächstes Angriffsziel sein. Dafür gibt es derzeit keine militärischen Anzeichen, aber seit dem Krieg in der Ukraine ist die Bedrohung gestiegen. Die Nato hat mehr Truppen an diese Ostflanke verschickt, die Bundeswehr probt in Litauen in diesen Tagen in einem Manöver für den Ernstfall.

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Deutsche Soldaten erfahren im Baltikum das, was in ihrer Heimat selten passiert: Sie werden gefeiert. Passiert ein Konvoi die Straßen um die Hauptstadt Vilnius strecken Passanten die Daumen hoch, Kinder winken, Autofahrer hupen.

Das ist die eine Seite. Doch es gibt unter Menschen im Baltikum auch die Sorge, dass der Westen die Gefahr durch Russland noch immer unterschätze. Noch immer nicht genau gegen Putins Politik unternehme. Paulius von der Organisation „Blue/Yellow“ sagt: „Jeder schaut nach Deutschland, bewundert die Technik, die Demokratie, den Wohlstand. Aber die Deutschen kaufen noch immer russisches Gas.“ Und der alte Veteran Kuliesius sagt: „Deutsche können einen Benzinpreis von drei oder vier Euro verkraften. Aber in der Ukraine wächst ein Ozean voller Blut.“

Es sind drastische Worte. Sie sind der baltische Blick auf den aktuellen Krieg. Sie sollen Warnung an Putin und Druck an den Westen zugleich sein.

Litauen hat mehr als 30.000 Geflüchtete aus der Ukraine registriert

Die junge Akvile Bartaseviciute wählt milde Worte. „Jedes Land sucht gerade seinen Weg. So etwas gab es in der Geschichte lange nicht mehr.“ Die Menschen in Litauen seien nicht ängstlich, aber „vorsichtig“. Ihre Eltern hätten jedenfalls schon Rucksäcke gepackt, Notwendiges für ein paar Tage. Für eine Flucht.

Bartaseviciute zeigt das Büro von „Stiprus Kartu“, das auf einer Etage in einem Firmengebäude in Vilnius liegt. Im hinteren Zimmer sitzen an diesem Märzabend noch immer sieben junge Menschen vor Computern. Manche telefonieren gerade. Es ist ein „Call Center für Flüchtlingshilfe“. Von hier, so erklärt Bartaseviciute, würden zwei Drittel der Geflüchteten aus der Ukraine in Litauen verteilt. „Stiprus Kartu“ heißt so viel wie „gemeinsam stark“.

Bis in die letzte Märzwoche hatte Litauen mehr als 30.000 Geflüchtete aus der Ukraine registriert. Etwa die Hälfte kommt nach Vilnius, wo gerade einmal gut 500.000 Menschen leben. Doch die Solidarität ist so groß, dass bisher niemand in Sammelunterkünfte muss. Am Registrierungszentrum sind in diesen Tagen selten lange Schlangen, Freiwillige verteilen Kuscheltiere an Kinder, Shampoo und Lebensmittel an Erwachsene.

Mitarbeiter bekommen von ihren Firmen einen Tag in der Woche frei, um zu helfen

Viele Menschen aus der Ukraine kommen privat unter, manche Firmen mieten Hotels an, geben ihren Mitarbeitern einen Tag in der Woche frei, um zu helfen. Bartaseviciute erzählt von einer Rentnerin, die für einige Zeit bei ihrem Sohn unterkommt und ihre Wohnung Flüchtlingen gibt. Das entlastet einen Staat, der nur einen Bruchteil der Finanzkraft wie etwa Polen oder Deutschland hat.

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Auch Gabriele hilft. Sie öffnet die Tür, hält ihr Baby in der Hand, ihre zwei kleinen Jungs wuseln durch den Flur. „Kommt herein“, sagt sie in fließendem Englisch. Ihr Mann sei gerade für den Beruf im Ausland, deshalb ist Platz im Haus am nördlichen Stadtrand von Vilnius. Jetzt leben hier auch Anna und ihre 21 Jahre alte Tochter Nastya. Auch ihre drei Katzen sind mit aus der Ukraine geflohen.

Die beiden kommen aus Dnipro, eine Großstadt weit im Osten des Landes. Mitte März feuern russische Streitkräfte die ersten Bomben auf die Stadt. Anna habe gezögert, sagt sie, aber nicht sehr lang. Für 2000 Grivna, rund 60 Euro, kauft sie ein Busticket, fährt mit der Tochter und den Katzen erst nach Polen, dann weiter nach Litauen. Unterwegs auf der Fahrt hätten ihr andere Ukrainer von der Organisation „Stripus Kartu“ erzählt. Also rief sie an.

Ein litauisches Unternehmen spendet Ukrainern Sim-Karten für ihre Handys

Nun schlafen Mutter und Tochter in einem Zimmer im Obergeschoss des Hauses, ein großes Bett, ein Schrank, eine Kommode, davor ein Trog mit Katzenfutter. Anna erzählt, sie sei überwältigt von der Hilfsbereitschaft in Litauen. Fremde Menschen hätten ihnen Bananen und Brot gegeben, ein älterer Mann habe Wasser für die beiden besorgt und von seinem eigenen Geld bezahlt.

Ein litauisches Telefonunternehmen spendet Ukrainern Sim-Karten für ihre Handys, mit denen sie kostenlos in der Ukraine anrufen können. So telefoniert Anna jeden Tag mit ihren Eltern, die nicht mitkommen wollten. Die ihre Heimatstadt nicht verlassen wollten.

Die litauische Gastgeberin Gabriele und Anna und Nastya haben einen Mietvertrag unterzeichnet. Erstmal läuft er bis Mai. Gabriele sagt, sie hätte 2020 beim großen Waldbrand in Kaliforniern erlebt, was es bedeute, von dem einen auf den nächsten Moment zu fliehen.

Sie sagt, dass viele Menschen in Litauen ängstlich seien angesichts der Geschichten, wie sie nun Anna und ihre Tochter aus dem Krieg mitbringen. Angesichts der neuen Aggression Russlands. „Aber Panikmache ist jetzt auch die falsche Reaktion“, sagt sie.

Gabriele wippt noch immer ihr kleines Kind im Arm, als sie von ihrem neuen Leben mit Anna und ihrer Tochter erzählt. Nastya fischt derweil nach den die Katzen, die sich unter das Bett verkrochen haben, und die beiden Söhne rennen die Treppe runter und spielen Maschinenpistole mit ihren selbstgebastelten Schwertern aus Holz. „Sie glauben noch, dass Krieg lustig ist“, sagt Gabriele.

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