Kommentar

Die Nato muss im Konflikt mit Putin kühlen Kopf bewahren

Jan Dörner
| Lesedauer: 3 Minuten
Scholz sehr besorgt über Angriff auf Atomkraftwerk

Scholz sehr besorgt über Angriff auf Atomkraftwerk

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat mit großer Besorgnis auf den russischen Angriff auf das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja reagiert. Er habe in der Nacht mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj telefoniert, sagte Scholz bei einem Besuch des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr.

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Berlin  Die Kämpfe am Atomreaktor Saporischschja zeigen: Wladimir Putins Kriegsführung ist skrupellos. Die Nato muss einen kühlen Kopf wahren.

Wir wissen nicht, wie knapp die Ukrainer, wir in Europa, aber auch die russische Bevölkerung einer nuklearen Katastrophe entgangen sind. Der russische Angriff auf die Anlage des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja hat uns aber vor Augen geführt, wie schnell der Krieg in der Ukraine unvorstellbares Unheil weit über die Ukraine hinaus bringen kann.

Die Lage war über Stunden dramatisch: Russische Soldaten eroberten das größte Atomkraftwerk Europas, ein Teil des Geländes geriet dabei in Brand, mitten in der Nacht alarmierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Bundeskanzler Olaf Scholz über die Geschehnisse.

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Keine radioaktive Strahlung ausgetreten

Später kam die Entwarnung: Nach internationalen Erkenntnissen trat weder radioaktive Strahlung aus noch wurden die Reaktoren beschädigt. Auch wenn der Krieg Russlands gegen die Ukraine weiter tobt, dies war ein kurzer Moment des Aufatmens. Allerdings kein Grund zur Beruhigung.

Seit dem Beginn des Angriffs auf die Ukraine war es bereits das zweite Mal, dass Kämpfe in unmittelbarer Nähe eines Kernkraftwerks stattfanden. Zuvor hatten die russischen Truppen die Ruine des ukrainischen Unglücksreaktors Tschernobyl eingenommen. Dieses Vorgehen des russischen Präsidenten Wladimir Putin löst international höchste Beunruhigung aus: Schließlich reicht bei Angriffen auf Atomkraftwerke unter Umständen auch ein ungewollter Beschuss sensibler Bereiche, um eine Katastrophe auszulösen.

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Putin zielt auf die Zivilbevölkerung

Es ist ungewiss, wozu Putin bereit ist, um die Ukraine zu besiegen. Sicher ist jedoch, dass er eine massive Eskalation des Kriegs nicht nur mutwillig in Kauf nimmt, sondern auch als taktisches Mittel einsetzt. Das lassen die Bombardements von Wohnvierteln in ukrainischen Städten erkennen.

Aus der Ukraine werden uns in den kommenden Tagen und Wochen noch viele Bilder und Nachrichten über herzzerreißendes Leid und sinnlose Zerstörung erreichen. Auch die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland und anderen europäischen Ländern wird absehbar stark steigen, wodurch die transatlantischen Partner als Wertegemeinschaft herausgefordert werden.

Die erhöhte Bedrohungslage durch Putins skrupellose Kriegsführung und die Leiden der Ukrainer verstärken den Druck auf die Nato, in den Krieg an der Seite der Ukraine einzutreten. Hinzu kommt das Flehen der Regierung in Kiew an die befreundeten Staaten im Westen, eine Flugverbotszone über der Ukraine durchzusetzen.

Die Nato darf keinen Weltkrieg riskieren

Damit wären direkte militärische Konfrontationen zwischen Russland und der Nato jedoch unausweichlich. Umso wichtiger ist es angesichts dieser Lage, dass die Nato geschlossen bleibt und einen kühlen Kopf bewahrt, selbst wenn es zu gezielten Provokationen gegen das Bündnis kommen sollte. Denn sonst könnten die apokalyptisch klingenden Warnungen vor einem Weltkrieg schnell Realität werden.

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Es ist daher beruhigend, dass die westliche Allianz von besonnenen Demokraten wie Bundeskanzler Olaf Scholz, dem französischen Staatschef Emmanuel Macron und US-Präsident Joe Biden geführt wird, die weiter auf Härte und Sanktionen gegenüber Russland setzen bei gleichzeitiger Unterstützung für die Ukraine bis hin zu Waffenlieferungen und einem Angebot zum Dialog an Putin.

Das transatlantische Verhältnis stand in den vergangenen Jahren zeitweise vor dem Bruch, Europa war ein zerstrittener Kontinent und die Nato ein Bündnis auf Sinnsuche. In dieser Auseinandersetzung mit einem verbrecherischen Diktator beweisen die alten Bündnisse neue Stärke.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.