Rebellen-Band

Pussy Riot: Punk gegen Putin – bis der Ordner kommt

Christian Unger
| Lesedauer: 7 Minuten
Punk gegen Putin im Kleinen Saal der Elbphilharmonie

Punk gegen Putin im Kleinen Saal der Elbphilharmonie

Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Hamburg  Mitten im Ukraine-Krieg tourt die russische Punk-Band durch Europa. In der Hamburger Elbphilharmonie ruft sie zur "Revolution" auf.

Maria Aljochina läuft über die Bühne. Sie trägt ein weißes langes Kleid, ein goldenes Kreuz um den Hals. Dazu Turnschuhe — und die neongrüne Sturmhaube. Aus den Lautsprechern im kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie wummern elektronische Beats, dazu verzerrtes Saxophon, wildes Getrommel.

Aljochina schreit in das Mikrofon. "Putin sagt Auf Wiedersehen wie ein Schaf." Die anderen Musikerinnen schreien mit, über "die Freiheit, für die man jeden Tag kämpfen muss", über Verhaftungen von Künstlerinnen, über Schauprozesse in Moskau, und über Lagerhaft im russischen Winter. Von der "Revolution" gegen das Putin-Regime in Russland, zu der Aljochina und ihre Mitmusikerinnen aufrufen.

Pussy Riot machen Musik, Performance, Kunst. Vor allem aber sind sie eines geworden: Symbol des Protests junger Menschen gegen das Regime von Wladimir Putin in Russland.

Pussy Riot: Putins ewiger Staatsfeind Nummer 1

Die Band ist so etwas wie Putins ewiger Staatsfeind Nummer 1. Seit 2012. Seit diesem einen Auftritt, der die Musikerinnen in der ganzen Welt berühmt gemacht hatte. Vor dem Altar in der Christi-Erlöser-Kirche in Moskau, lauter Punkrock aus Boxen, bunte Sturmhauben, wilde Gesten und zornige Texte: "Jungfrau Maria, vertreibe Putin!" Bis der Sicherheitsdienst sie abführt. Bilder des Auftritts sind bis heute im Netz zu finden.

2012 war auch das Jahr, in dem sich die Repressionen gegen die Opposition und gegen Kritiker des Kremls drastisch verschärften. Es kam zu Verhaftungen von Demonstrierenden, immer wieder.

Oppositionspolitiker wurden schikaniert, sanktioniert, weggesperrt, und in einzelnen Fällen sogar getötet. Ähnlich ergeht es Menschenrechtlern, Journalistinnen und Journalisten, Anwälten. Und so ergeht es auch Künstlerinnen wie die Mitglieder von Pussy Riot.

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Punk in Elbphilharmonie: Der Ordner kommt

Jetzt aber läuft die Tour der Punkband. Sie wollen mahnen, warnen, wütend sein. Und Geld sammeln mit den Erlösen der Auftritte – für ein Kinderkrankenhaus in der Ukraine. Die Band spielte schon in Stuttgart, in München, in Berlin, bald Barcelona, Madrid, Lissabon.

Ihre Botschaft ist immer dieselbe: Putin muss weg! Der Krieg hört erst auf, wenn Putin aus dem Amt ist! Der Westen muss mehr tun, um Putin zu schaden! Die Anklage ist laut und simpel. Und Pussy Riot klagen seit vielen Jahren an.

Nun Hamburg. Am Abend spielt die Band das Konzert in der Elbphilharmonie. Glatte Wände, elegant geschwungene Säulen, große Panorama-Fenster. Wahrscheinlich ist es das Punkrock-Konzert mit der besten Akustik.

Pussy Riot in Hamburg: Hier kommt kein Punkrock auf

Punkrock kommt im Elphi-Saal jedoch nicht auf. Als Aljochina sich für eine Performance über das Leben in Haft eine Zigarette auf der Bühne anzündet, kommt ein Ordner in blauen Hemd. Als die Band Wasser aus Flaschen ins Publikum schüttet, mahnt eine Frau in Blümchen-Kleid. Und auch der Punkrock im Publikum bleibt aus. Die Zuschauer applaudieren höflich. Vielleicht sind die meisten ohnehin damit beschäftigt, die Untertitel der Performance zu lesen, die oben auf der Leinwand laufen. Erst am Ende brandet Jubel auf, es gibt Standing Ovations.

Maria Aljochina steht da, hat ein T-Shirt übergestreift: Stand with Ukraine. Sie bedankt sich mit heiserer Stimme beim Publikum. Und sie sagt: "I love Ukraine".

Putin der illegitime "Psychopat"

Schon am Nachmittag vor dem Auftritt ist Aljochinas Stimme kratzig. Womöglich vom Punkrock vom Vorabend. Am Mittag sitzen drei Mitglieder der Band in einem Hotel nahe des Hamburger Hauptbahnhofs. Die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung hat zur Pressekonferenz eingeladen.

Maria Aljochina trägt Halsketten, hohe Schuhe mit neongrünen Schleifen, Diana Burkat einen weißen Kapuzenpullover und eine rosa Hose, Olga Borisova kommt ganz in schwarz, nur die Schuhe weiß, die Sonnenbrille schiebt sie vor die Augen. Eine Brise Punkrock, vor allem aber noch ziemlich viel Tour-Müdigkeit. Erstmal einen Kaffee.

Der Puls steigt erst, als die Fragen zur Lage in Russland kommen. Als die jungen Frauen erzählen sollen von dem Russland unter Putin. Von dem Russland im Kriegsmodus. Putin sei ein "Psychopath", sagt Burkat. Präsident Wladimir Putin habe ein "System der Repressionen" aufgebaut. Viele Menschen, die noch Widerstand leisten oder protestieren, würden inhaftiert.

Twitter und Instagram seien boykottiert. Und eigentlich dürfe man Putin gar nicht als Präsident akzeptieren. "Er ist nämlich nie demokratisch gewählt worden", sagt Borisova.

Pussy Riot: Wütend, auch über Deutschland

Der Wut in der Musik von Pussy Riot – sie hallt bis in die Statements vor den Mikrofonen und Kameras nach. Vom Westen zeigen sich die Bandmitglieder enttäuscht, auch von Deutschland. Die Zahlungen aus Europa für Russlands Gas würden den Krieg mitfinanzieren. "Die Bilder der Kriegsverbrechen und die Lieferungen von Gas auch nach Europa – das muss man in einem Zusammenhang sehen", sagt Borisova.

Maria Aljochina, heute 33 Jahre alt, war selbst bereits als Teil von Pussy Riot inhaftiert worden. Sie habe Justizwärter kennengelernt, Polizisten, Beamte der Sicherheitsbehörden. "Die sind nicht alle ideologisch motiviert", sagt die Musikerin und Aktivistin. "Die werden von Putin für ihre Repressionen gegen Gegner des Regimes vor allem gut bezahlt." Auch mittels des Geldes für die Gaslieferungen.

Kampf für die Freiheit – Kampf gegen das Regime

Aljochina war 2012 bei dem Auftritt in der Kathedrale dabei, wurde wie andere Mitglieder der Band zu Straflagerhaft verurteilt. Doch nach ihrer Freilassung hörte die junge Frau nicht auf, gemeinsam mit anderen starteten sie weiter Proteste gegen Putin. Über die Jahre war aus der Band Pussy Riot eher ein Künstlerkollektiv geworden. Ziel: die Anti-Putin-Fraktion in Russland stärken.

Mehrmals saß Aljochina allein im vergangenen Jahr für ihre Aktionen in Haft. Zuletzt sperrte das Regime sie unter Hausarrest. "Polizisten belagerten meine Wohnung", erzählt Aljochina. Trotzdem gelang ihr die Flucht aus der Wohnung – verkleidet als Essensbote. Über Belarus und Litauen floh sie nach Deutschland. Jetzt ist sie zurück. Nicht mehr in Haft, nicht mehr in Arrest. Sondern auf den Bühnen Europas.

Sie wird kämpfen: für die inhaftierten Putin-Gegner in Russland, für die Freiheit, gegen das Regime. Für "die Revolution". Auch hier, im kleinen schicken Saal der Elbphilharmonie, in der auf der Bühne nicht geraucht werden darf.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.